Bis heute hatte ich keine Antwort von Alva bekommen. Kein Anzeichen dafür, dass sie meine Nachricht gesehen hatte.
Mit zusammengezogenen Augenbrauen starrte ich gegen die Wand, las immer wieder mein geschriebenes Zitat, ihre Antwort darauf, und dann meine Antwort auf ihre, aber es war nichts neues zu sehen. Ich hatte mindestens schon dreimal die komplette Wand abgesucht, bin jedoch nicht fündig geworden.
Sie war nicht einmal hier gewesen.
Ich holte mein Buch aus meiner Bauchtasche, schlug eine neue Seite auf, um darin zu schreiben. Ich hatte so viele Gedanken in meinem Kopf und am liebsten hätte ich sie alle auf dieser Wand verewigt, aber was brachte es mir, wenn Alva sie nicht sehen konnte oder wollte? Gab es einen Grund, wieso sie nicht hier gewesen war?
Als ich sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie ein komplett anderer Mensch gewesen. Ich wusste, irgendetwas hatte sie beschäftigt, aber wer war ich, als das ich sie hätte fragen können? Die wichtigere Frage war: Wieso interessierte es mich so brennend? Vielleicht lag es an meinem Verlangen sie vor der ganzen Welt zu beschützen. Ich musste sie in Sicherheit wissen und es ließ mich die Zähne wütend zusammenbeißen, als mir klar wurde, dass ich in diesem Moment überhaupt keine Ahnung hatte, was sie tat oder wo sie war.
Wie von alleine griff meine Hand in meinen Rucksack, um meine Spraydose herauszuholen. Ich schüttelte sie, nahm die Kappe ab und sprayte das erste, was mir einfiel, an die Wand.
„I think about you a litte more than I should."
Gerade als ich den Punkt setzte, ertönte ein schrilles Geräusch aus meiner Hosentasche. Schnell hatte ich die Spraydose wieder in meinem Rucksack verstaut, während ich das nervige Ding aus meiner Hose zog. Ich hasste diese scheiß Smartphones.
Ich blickte auf den Display, nur um eine mir unbekannte Nummer darauf zu erkennen und sofort nahm ich den Anruf an. Die einzige Person, die meine Nummer besaß, war die, die seit Tagen meine kompletten Gedanken einnahm.
Alva.
„Mauerblümchen?", sprach ich in das kleine Ding in meiner Hand, während ich es an mein Ohr hielt und auf eine Antwort wartete. Laute Musik und Stimmen drangen aus den Lautsprechern meines Telefon. Wo, zum Teufel, war sie?
„Silver." Ihre Stimme klang verzweifelt und sofort stellten sich mir meine Nackenhaare auf. „Bitte, hol mich hier raus. Ich muss hier weg." Mein ganzer Körper spannte sich an, während ich deutlich die Alarmglocken in meinen Ohren klingeln hörte.
„Wo bist du? Ich komme dich sofort holen."
„Ich bin bei Shane Zuhause, ich-", bevor sie zu Ende sprechen konnte, unterbrach ich sie.
„Warte auf mich. Ich bin in fünf Minuten da." Und damit legte ich auf, schmiss meinen Rucksack über meine rechte Schulter und stieg auf meine Kawasaki. Ich machte mir nicht die Mühe, meinen Helm aufzusetzen. Ich musste mich sofort auf den Weg machen.
Mein Motorrad heulte auf, während ich noch mehr Gas gab. Ich achtete nicht auf rote Ampeln und auch nicht auf den Gegenverkehr. Es hielt mich nicht davon ab, regelrecht zu Rasen, um schneller bei meinem Mauerblümchen zu sein. Sollten die Leute sich doch ihr Gehupe in den Arsch schieben.
Mit einem quietschenden Geräusch bremste ich ab, der plötzliche Stopp ließ mein Hinterrad nach oben gehen, aber es interessierte mich nicht. Auch nicht die neugierigen Blicke der Menschen, die sich im Vorgarten vor Shanes Haus herum trieben.
Ich kramte mein Smartphone heraus und schrieb eine kurze Nachricht an Alva.
„bin da"
Ich hörte Getuschel, was schnell wieder verstummte, als ich zu der Gruppe Jungs sah, die in meine Richtung blickten.
„Wollt ihr was?", zischte ich und trat einen Schritt auf sie zu, während mein Kiefer sich anspannte und ich wütend zu ihnen sah. „Verpisst euch oder eure Nieren gehören mir."
Sogleich taumelten sie in das Haus zurück, wissend, dass ich ihnen sonst die Scheiße aus dem Leib prügeln würde.
Ich lehnte mich gegen mein Motorrad und wartete. Nach fünf Minuten sah ich wieder auf mein Smartphone, jedoch hatte ich keine neue Nachricht von Alva bekommen.
Ich sah zu dem Haus, aus dem laute Musik zu hören war und tippte ungeduldig gegen den Lenker meiner Kawasaki, als es mir zu blöd wurde. Wieso kam sie nicht heraus? Wieso schrieb sie mir nicht?
Und wieso wartete ich hier überhaupt?
Als mir dieser Gedanke kam, stieß ich mich von meinem Motorrad ab, stopfte mein Smartphone regelrecht in meine Lederjacke und lief auf das Haus zu. Die Leute gingen mir direkt aus dem Weg, was auch besser für sie war. Würde sich mir nur einer in den Weg stellen, damit ich nicht zu meinem Mauerblümchen kommen könnte, würde es Blut regnen.
„Scheiße, was macht denn Silver hier?", hörte ich jemanden keuchen, als ich nun Mitten im Flur stand und mich suchend umsah. Mindestens fünf Meter hielten die Idioten Abstand von mir. Besser so.
„Kümmere dich um deinen eigenen Scheiß." Ich schubste jemanden aus dem Weg, er knallte fest mit dem Kopf gegen die Wand, aber mir war es egal.
Sie sollten das spüren, was ich nicht spüren konnte. Unfassbare Schmerzen.
Mit meinen ein Meter und sechsundneunzig konnte ich über alle Köpfe hinweg sehen, aber nirgends konnte ich diese schönen braunen Haare ausmachen, die meine Augen verzweifelt zu suchen versuchten. Wo war sie denn nur?
Die Musik stoppte, als nun den restlichen Gästen in diesem Haus auffiel, wer in die Party gestürmt kam, was ich nutzte.
„Wo, zum verdammten Teufel, ist Alva?", rief ich aus, meine Stimme dunkel, als würde ich gleich das Haus dem Boden gleichmachen, würde ich keine Antwort bekommen und Fuck, das würde ich.
Keiner traute sich mir zu antworten, nicht einer sah mir ins Gesicht und eigentlich mochte ich es, dass jeder Angst vor mir hatte und mich nicht wie eine Attraktion anglotzte aber in diesem Moment nervte es mich. Ich wollte zu Alva, zu meinem Mädchen, und keiner hatte hier die Eier auch nur ein Wort zu sagen.
Ich sah mich weiter um, als ich ein recht zierliches Mädchen erkennen konnte, die mich nicht ansah, aber auf die Treppe deutete, als würde sie mir sagen wollen, dass Alva oben war. Ich lief auf das Mädchen zu.
„Ich hoffe für dich, dass Alva dort oben ist." Voller Angst traute sich das Mädchen mich anzusehen. „Starr mich nicht an, Mädchen. Verpiss dich." Ich könnte schwören, das Mädchen war kurz vorm Heulen, als sie sich umdrehte und ganz schnell das Weite suchte.
Ich lief auf die Treppe zu, nahm jede zweite Stufe, um schneller am Treppenende anzukommen. Meine Brust hob und senkte sich schnell, aber nicht, weil ich angestrengt war, sondern weil die Wut in mir brodelte. Noch mehr und unausstehlich, als ich Alva erkannte und sah, dass sie nicht alleine war.
Oh, jetzt würden Köpfe rollen.
„Shane, lass mich gehen. Ich muss nach Hause.", sprach Alva, ihre Stimme war angespannt, während sie ihre Hände gegen Shanes Brust drückte, um Abstand zu ihm zu gewinnen, er jedoch ließ sich nicht davon beeindrucken.
„Ach, komm, Alva. Lass uns deinen Geburtstag feiern. Nur wir zwei." Alva hatte Geburtstag? Ich schüttelte leicht meinen Kopf, versuchte mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, was ziemlich einfach war, als ich vor Wut langsam nur noch Rot sah. Shane legte seine Hand an ihre Hüfte, drückte sich gegen sie, und da reichte es mir.
Mit langen Schritten lief ich auf die Zwei zu. Alva erkannte mich, noch bevor Shane wusste, was ihm nun blühen würde.
Ich packte ihn an seiner Schulter, riss ihn von ihr, worauf ich meine Hand um seine Kehle legte und zudrückte. Er war mindestens einen Kopf kleiner als ich, aber nun waren wir auf Augenhöhe, als ich ihn an der Wand ohne große Anstrengung hochhob. Ein erstickendes Geräusch drang aus seinem Mund, als er mir mit voller Angst in die Augen sah.
„Mir gefällt es gar nicht, wenn man das anfasst, was mir gehört, Shane.", knurrte ich. Meine Stimme war fast nur ein Flüstern, als ich den Druck um seinen Hals verstärkte.
„Es- es tut mir leid.", keuchte er, bekam kaum Luft, was mir mehr Befriedigung gab, als ich zugeben durfte, aber seine Worte waren mir egal. Er konnte sich so oft entschuldigen, wie es möglich für ihn war, ich würde ihm dennoch Sachen antun, die er sich nicht einmal in seinen schlimmsten Fantasien vorstellen konnte.
„Und dennoch hast du es getan.", sprach ich weiter, tippte mir mit meiner freien Hand gegen mein Kinn, als ich so tat, als würde ich überlegen. „Was mache ich denn jetzt nur mit dir?"
„Silver, bitte..", flehte das Arschloch aber ich schnalzte nur abfällig mit meiner Zunge.
„Nimm nie wieder meinen Namen in deinen dreckigen Mund, du Bastard." Ich zog ihn von der Wand, ignorierte Alvas schockiertes Gesicht, während ich Shane nun am Kragen seines hässlichen blauen Shirts packte und ihn hinter mir her schliff, bis zum Treppenansatz.
„Wenn einer von euch jemals wieder nur daran denkt, mein Mädchen anzufassen, dann passiert euch das gleiche wie diesem dreckigen Hurensohn.", sprach ich laut, damit auch jeder mich verstehen konnte, als ich Shane ohne Probleme wieder einmal hochhob und ihm nun mit mörderischen Blick ansah. „Wenn ich du wäre, würde ich hoffen, dass deine Partygäste den Notruf auf der Kurzwahl haben." Und damit ließ ich seinen Kragen los, gab ihm einen heftigen Stoß, worauf man nur noch das Gekreische der Partygäste hörte, während Shane die Treppe mit mindestens 20 Stufen hinunterfiel.
„Scheiße, Silver! Was hast du getan?", hörte ich Alva hinter mir kreischen. Ich sah hinunter zum Ende der Treppe, wo Shane lag, komplett bewusstlos und bereits die Leute sich um ihn versammelten, um zu schauen, ob Shane noch lebte. Verdammt, ich hoffte er wäre tot.
„Dass, was er verdient hat." Ohne weiter darüber nachzudenken, nahm ich Alva bei der Hand, lief mit ihre die Treppe hinunter und auf Shane zu. Sofort verteilte sich der Mob von Menschen um Shane herum, als ich mit Alva näher trat. „Fucking Ungeziefer.", knurrte ich, spukte auf den Boden, um meine Aussage zu verdeutlichen und lief mit Alva Hand in Hand aus dem Haus raus.
Die Partygäste von Shane würden mit Sicherheit den Krankenwagen rufen, aber sie wussten, würden sie der Polizei etwas stecken, würde ich bei jedem einzelnen vor der Haustür stehen und das mit einem Molotowcocktail.
Ohne ein Wort setzte ich Alva auf meine Kawasaki, nahm ihre Brille von ihrer Nase, um diese wie immer in meine Lederjacke zu packen und setzte ihr meinen Helm auf.
„Silver! Was hast du dir dabei gedacht? Sie werden die Polizei rufen und dann-" Ich unterbrach sie.
„Und was dann? Denkst du das interessiert mich? Die Polizei kann mir gar nichts, Alva. Sollen sie doch die Polizei rufen, dann geschieht ihnen das gleiche wie Shane."
„Du hättest ihn umbringen können!"
„Das wollte ich auch." Die Wut nagte noch immer an mir, als ich auf meine Maschine stieg und den Motor aufheulen ließ. „Und wenn dich dieser dreckige Bastard nochmals anfasst, dann wird er sterben."
Ich war mir sicher, dass Alva nicht klar war, was ich alles für sie und ihre Sicherheit machen würde.
Verdammt, ich würde die ganze Stadt in Brand setzen, nur damit sie in Sicherheit war.
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SILVER
Teen Fiction"it's hard to resist a bad boy who's a good man. Jeder in der Stadt wusste wer er war. Jeder fürchtete sich vor ihm. Wenn man seinen Namen hörte zuckte jeder zusammen, denn sie wussten wie er war. Sie kannten ihn. Silver King. Jedoch, kannten sie ih...
