„Alva?" Ich konnte nur leise Mike wahrnehmen, der neben mir stand und versuchte meine Aufmerksamkeit zu bekommen. „Hallo, Alva?"
Was wollte dieser Absender des Briefes von mir? Wieso sollte ich mich von Silver fern halten? Woher wusste diese Person, dass ich etwas mit Silver zu tun hatte? „Alva!" Ich schreckte zusammen, als Mikes Stimme nun lauter meine Ohren erreichte. Sofort sah ich ihn erschrocken an.
Die Müdigkeit saß mir tief in den Knochen. Nachdem ich den Brief gelesen hatte, war keine Sekunde mehr an ruhigen Schlaf zu denken. Die ganze Nacht hatte ich versucht irgendwie herauszufinden, wer diese Nachricht verfasst hatte - natürlich ohne Erfolg.
„Was ist denn los?"
„Was soll sein?", stellte ich eine Gegenfrage und schenkte den bedruckten Papieren vor mir wieder meine Aufmerksamkeit.
„Nun ja, du betätigst den Hebel des Bindegeräts bereits seit fünf Minuten, obwohl die Spirale des Blockes schon seit dem ersten Mal komplett geschlossen ist."
„Oh.", sprach ich nur und sah auf den Block vor mir, worauf ich ihn aus dem Bindegerät entnahm und eine neue Spirale einsetzte, um den nächsten Block fertig zu machen. Es waren Kalender von einer großen Firma in dieser Stadt, die es als Werbegeschenke brauchten.
Es war ein riesiger Auftrag für Mike und natürlich half ich ihm. Es waren fast 300 Kalender, die gebunden werden mussten.
„Tut mir leid, ich habe heute Nacht nicht wirklich viel geschlafen.", sagte ich die Wahrheit und sah entschuldigend zu Mike, der nur grinste.
„Hat Silver dich wachgehalten?" Sein schelmisches Grinsen war nun kaum mehr zu übersehen.
„Mike! Nein!", rief ich aus und lachte das erste Mal heute. „Silver und ich haben uns gestern gar nicht gesehen."
„Und heute? Seht ihr euch heute?" Wieso war er denn so interessiert?
„Ich weiß es noch nicht. Ich muss eigentlich nach der Arbeit noch in die Stadt. Ich denke nicht, dass ich die Zeit finde, um Silver zu treffen.", meinte ich und legte den nächsten fertigen Kalender auf den Stapel. Noch 237 Stück, dann war ich fertig.
„Er kann ja mit dir in die Stadt gehen." Ich wünschte, er könnte es, aber ich wollte nicht wirklich in der Öffentlichkeit mit Silver herumrennen. Nicht, weil er mir peinlich war, sondern weil die Zeilen des Briefes mir durch den Kopf gingen.
Halte dich von Silver fern oder du wirst es bereuen.
Eine Gänsehaut überzog meinen kompletten Körper, während ich versuchte, mich wieder auf Mike und meine Arbeit zu konzentrieren. Silver durfte nichts von diesem Brief wissen. Er würde die ganze Stadt terrorisieren.
„Er hat bestimmt viel zu tun.", versuchte ich das Thema zu beenden, was ich anscheinend auch schaffte, dafür aber Mike ein Thema nun anschnitt, über das ich nun wirklich nicht sprechen wollte.
„Wenn wir schon einmal über Silver reden..", er lehnte sich neben mich an den kleinen Tisch. Musste er nicht irgendein Papierkram erledigen? Oder irgendetwas für die Hochzeit organisieren? „Was läuft da zwischen dir und Silver?"
„Mike, darüber möchte ich wirklich nicht sprechen.", lachte ich und der nächste Kalender fand seinen Platz auf dem Stapel.
Noch 236 Stück.
„Oh, also entweder ist es dann sehr ernst oder kompliziert." Er tippte sich gegen sein Kinn, als würde er nachdenken.
„Eher verwirrend.", gab ich zu und für einen kleinen Augenblick sah ich zu Mike, der mich auffordernd ansah. Er wollte mehr Details. Ich seufzte. „Du weißt ja, was man über Silver sagt in dieser Stadt."
„Ich leite einen Copy-Shop. Ich bekomme jedes Gerücht mit.", bestätigte mir Mike. Es erfreute mich, dass er von den Geschichten über Silver als Gerüchte sprach.
„Er hat seine Dämonen, dass stimmt auf jeden Fall.", fing ich an und hörte auf die Kalender zu binden, während ich mich nun auch gegen den Tisch lehnte und zu Mike sah. „Aber es steckt mehr hinter dem wütenden und gefährlichen Silver. Es gibt einen Grund, wieso er so ist."
„Und der wäre?"
„Wenn ich das nur wüsste. Er hat es mir noch nicht offenbart." Ich zuckte mit meinen Schultern, als ich ein leises Seufzen von Mike hörte.
„Aber er ist gut zu dir?" Sorge trat in seinen Augen auf, weswegen mir fast die Tränen kamen. Mike sorgte sich um mich und das ließ mein Herz anschwellen.
Ich arbeitete seit knapp einem Jahr in seinem Copy-Shop und von Anfang an war er wie eine Vaterfigur für mich. Er kümmerte sich um mich, fragte mich, wie es in der Schule lief und wie es mir ging. Er tat genau das, was mein Vater nicht tat. Mike war ein verdammt guter Mensch.
„Bis jetzt, ja.", lachte ich, um ihm seine Sorgen zu nehmen. „Es ist schwierig. Ich kenne ihn noch nicht lange genug, um zu wissen, welche Themen man gegenüber Silver nicht erwähnen sollte.", erzählte ich und wieder zuckte ich mit meinen Schultern. „Er ist zwar schon etwas lauter mir gegenüber geworden und auch wütend, aber er hat mich bis jetzt nicht einmal verletzt. Egal ob körperlich oder seelisch."
Ich lächelte leicht, als ich die Röte spürte, die sich auf meinen Wangen ausbreitete, als ich an jede Berührung von Silver dachte. So zärtlich und vorsichtig aber gleichzeitig mit einem Verlangen, das mir die Luft zum Atmen nahm. Und seine Küsse.. „Er ist nur sehr beschützerisch."
„Inwiefern?" Ich fühlte mich wohl dabei, mit Mike darüber zu reden. Denn auch wenn er jeden Klatsch und Tratsch dieser Stadt mitbekam und erzählt bekam, war er kein Mensch, der Geheimnisse oder Gespräche weitererzählte. Wie gesagt, er war ein wirklich guter Mensch und das von Grund auf.
„Ich war letztens auf einer Party - hey, schau nicht so!", lachte ich, als ich Mikes Gesicht erkannte, welches mich überrascht und ungläubig ansah. „Auch ich kann mal auf einer Party sein!"
„Stell ich mir unmöglich vor aber wie auch immer. Erzähl weiter."
„Frechheit.", kicherte ich und nahm wieder einen ungebundenen Kalender in die Hand, um irgendeine Beschäftigung zu haben, während ich mit Mike über die Geschehnisse auf der Party sprach.
Noch 235 Stück.
„Die Party war ziemlich groß und es war fast meine komplette Schule dort. Irgendwann war es mir zu viel und ich bin ins Badezimmer gegangen und habe Silver angerufen und ihn gebeten mich abzuholen." Meinen Geburtstag erwähnte ich extra nicht. „Als ich aus dem Badezimmer rausgegangen bin, um aus dem Haus zu kommen, stand ein Bekannter aus der Schule vor mir. Er wollte alleine mit mir eine 'Party feiern'." Als ich die letzten zwei Wörter sprach deutete ich mit meinen Händen Gänsefüßchen in die Luft und Mike verstand sofort, was ich damit meinte. Mit keinem hatte ich bis jetzt über diesen Vorfall gesprochen, nicht einmal mit Silver, obwohl er es beobachtet und unterbunden hatte.
Mike zog besorgt seine Augenbrauen zusammen, aber ich lächelte ihn beruhigend an. „Keine Sorge, es ist nichts passiert. Bevor etwas hätte passieren können, ist Silver schon aufgetaucht und hat Shane von mir gezogen." Ich presste meine Lippen zusammen, als mir Shanes Name aus dem Munde rutschte. Scheiße.
„Shane Johnson?", fragte mein Chef nochmals nach. Ich nickte zustimmend. „Liegt der Junge nicht im Krankenhaus?"
Als wäre es eine Entschuldigung, zuckte ich peinlich berührt mit meinen Schultern. „Ich sagte doch, Silver ist ziemlich beschützerisch."
„Was Silver getan hat, war nicht in Ordnung.", fing Mike an und sah mich an. Ich nickte zustimmend. „Aber was Shane gemacht hat, war auch nicht besser.", sprach er weiter und lachte plötzlich. „Oh, wenn ich mir vorstelle, wie jemand das meiner Mara antun würde, dann Gnade ihm Gott."
„Ich hätte dich nicht so eingeschätzt.", lachte nun ich, was ihn diesmal mit den Schultern zucken ließ.
„Man beschützt die Menschen, die einem wichtig sind."
„Da hast du wohl recht.", sagte ich und machte mich wieder an die Arbeit. Mike hatte anscheinend keine weiteren Fragen an mich über Silver, was ich daran bemerkte, dass er wieder zurück in sein Büro ging, um nun seine eigene Arbeit zu machen.
Es tat gut, mit jemanden zu sprechen, der Verständnis für einen hatte. Die Vorstellung, mit meinem Vater über all das zu sprechen, war absurd. Entweder würde er mir gar nicht zuhören, weil es ihn nicht interessierte oder er würde Silver bis zum bitteren Ende in eine Zelle sperren. Beides wollte ich nicht erleben.
Eine Stunde später stand ich noch immer an der Bindemaschine. Ich hatte noch genau 97 Kalender vor mir. Die Arbeit half mir meinen Kopf frei zu bekommen. Es war etwas friedliches.
Ab und zu hatte ich noch Kunden bedient, die sich in dem kleinen Shop verirrt hatten, um ein paar Blätter auszudrucken, Dokumente einzuscannen oder Poster erstellen zu lassen.
Die große Uhr im Eingangsbereich zeigte 12 Uhr Mittag an, was bedeutete, dass ich langsam mal Pause machen sollte, ansonsten würde Mike mich selbstständig in die Pause schicken und das auf seine Art und Weise.
Ihm war wichtig, dass ich meine Pause machte, auch wenn ich ihm oft genug gesagt hatte, dass ich es nicht benötigte. Die Arbeit im Copy-Shop war nicht anstrengend, sondern eher entspannt. Ich liebte es hier.
Mit langsamen Schritten lief ich die kleine Treppe hoch, direkt auf das Büro von Mike zu, dessen Tür komplett geöffnet war. Er saß an seinem Schreibtisch und hatte sich über Dokumente gebeugt, die er mit seinem Stift bearbeitete. Sanft klopfte ich am Türrahmen. Sofort blickte Mike mich über seine Lesebrille an.
„Ich würde jetzt Pause machen.", teilte ich ihm mit. Sein Blick huschte kurz auf die Digitaluhr, die auf seinem Tisch stand. Er nickte mir zu und deutete mir mit seiner freien Hand, dass ich zu ihm kommen sollte.
„Das ist für dich." Er hielt mir einen Umschlag entgegen, den ich ihm entnahm. Verwirrt sah ich ihn an. „Keine Sorge, das ist keine Kündigung.", witzelte er, weswegen ich amüsiert mit meinen Augen rollte.
„Da hatte ich ja nochmal Glück.", witzelte ich zurück, er lachte.
„Du bist wirklich sehr fleißig, Alva. Es haben schon mehrere Menschen bei mir gearbeitet aber keiner hat solch eine gute Arbeit geleistet wie du.", lobte er mich und sofort wurde ich rot. Ich hasste es gelobt zu werden - ich kam nie wirklich damit zurecht. „Du bist immer sehr höflich zu den Kunden und unsere Kunden lieben dich. Zudem bist du mir sehr ans Herz gewachsen. Ich werde dich vermissen, wenn du auf ein College gehst."
„Glaube mir, ich werde dich auch vermissen." Warum war Mike denn plötzlich so gefühlvoll?
„Wie auf immer.", lachte er und zeigte mit seinem Zeigefinger auf den Umschlag in meiner Hand. „Das ist die schriftliche Bestätigung deiner Lohnerhöhung. Du hast sie dir verdient." Ich riss meine Augen ungläubig auf. Eine Lohnerhöhung? „Du kannst dir für den Nachmittag frei nehmen, damit du entspannt in die Stadt gehen kannst."
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Danke dir, Mike."
„Siehe es als nachträgliches Geburtstagsgeschenk." Er wusste, dass ich Geburtstag hatte? Als hätte er meine innere Frage gehört, grinste er mich an. „Dein Geburtstag steht in deiner Personalakte, Alva."
„Oh.", lachte ich peinlich berührt. „Richtig."
„Hab einen schönen Nachmittag. Wir sehen uns dann morgen."
„Auf jeden Fall! Danke dir nochmals, Mike.", verabschiedete ich mich von ihm, wandte mich von ihm ab und ging die kleine Treppe hinunter und hinter den Tresen, um meinen Rucksack zu nehmen, diesen zu schultern und aus dem Laden zu treten.
Die nächste Bushaltestelle war eigentlich nicht weit entfernt, aber ich entschied mich dazu, etwas weiter zu laufen. Eigentlich wollte ich nur nachsehen, ob das griechische S mir bereits geantwortet hatte.
Diese Zeit konnte ich mir nehmen, allein deswegen, weil Mike mich früher nach Hause geschickt hatte. Ich hatte meinen ganzen Tag im Voraus geplant, aber dass ich früher gehen durfte, hatte meinen Zeitplan ruiniert und nun hatte ich Puffer zwischen meinen Plänen.
Die Sonne schien freudig auf mich herab, die Wärme erhitzte mich, weswegen ich die Ärmel meines Pullovers einen Stück nach oben rollte. Ich hatte schon extra einen dünneren Pullover angezogen und dennoch fing ich das Schwitzen an. Der Sommer war wirklich nichts für mich.
Als ich an der Wand ankam sah ich mich um und sogleich erkannte ich eine Antwort. Jedoch wurde diese diesmal nicht an die Wand gesprayt sondern wie meine, mit einem schwarzen Stift geschrieben.
„We met for a reason, either you're a blessing or a lesson."
Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Zu gerne wüsste ich, über wen er schrieb. Es musste eine besondere Person sein, wenn er seine Gedanken über sie auf eine Wand verewigte.
Ich kramte meinen Stift aus meinem Rucksack und tat es ihm gleich. Seitdem ich mich dazu entschieden hatte, diesem griechischen S zu antworten, galt jeder einzelne Spruch Silver. Er war der Grund, weswegen ich mich mutig genug fühle, um auch mal etwas zu machen, was nicht ganz legal war.
Mit diesem Gedanken setzte ich den Stift an und fing an zu schreiben.
„You are my new favorite feeling." - a
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SILVER
Teen Fiction"it's hard to resist a bad boy who's a good man. Jeder in der Stadt wusste wer er war. Jeder fürchtete sich vor ihm. Wenn man seinen Namen hörte zuckte jeder zusammen, denn sie wussten wie er war. Sie kannten ihn. Silver King. Jedoch, kannten sie ih...
