Kapitel 22 - Silver

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Wenn ich gedachte hatte, dass Alva in dem blauen Kleid der schönste Anblick überhaupt gewesen war, war der Moment, als sie mich voller Begeisterung und Aufregung nach unserer Spritztour angesehen hatte, der pure Himmel auf Erden. Das Strahlen ihrer braunen Augen, das freudige Lächeln und das heftige Atmen, als wir am Straßenrand gehalten hatten und sie mit dem Schwärmen nicht mehr aufhören konnte, ließ mein Herz schneller schlagen. Konnte dieses Mädchen noch perfekter für mich werden?
Sie überraschte mich immer wieder aufs Neue. Ich hatte damit gerechnet, dass sie böse oder schockiert sein würde, nachdem ich mich spontan dazu entschieden hatte, einen Wheelie auf der Landstraße zu machen. Ich kannte die Straße hier sehr gut. Ich kannte jedes Schlagloch und jede Unebene, weswegen ich mir sicher gewesen war, einen Trick ausführen zu können, ohne uns in Gefahr zu bringen. Jedes Mal war es aufregend und mit Alva hinter mir war es unglaublich. Es war schwerer, das Gleichgewicht zu halten, sowie die Gewichtsverteilung einzuschätzen aber es war machbar. Ich wollte sie überraschen und das hatte ich erfolgreich geschafft.
Mein Kuss wurde fordernder, ich würde niemals genug von ihren Lippen bekommen, denn es war jeden Mal wie eine Explosion in mir, wenn ich ihre Wärme spürte, ihre Lippen sich gegen meine bewegten und unser Zungen sich berührten.
Sie war die Unschuld in Person, während ich ihr die dunklen Gefahren zeigte, welche doch so reizend und befreiend waren.
Verdammt, ich würde durch jegliche Hölle mit ihr gehen, solange sie meine Hand dabei hielt.
Ich schlang meine Arme um ihre Hüfte, ihre Hände fanden ihren Weg in meine Haare, unsere Körper waren eng aneinander gepresst. Unsere Atmung ging unregelmäßig, während wir das Adrenalin, welches durch unser Blut floss, in den Kuss arbeiteten. Sie schmeckte nach Zimt und es wurde augenblicklich mein neuer Lieblingsgeschmack. Sie gehörte mir.
Ein lautes Hupen ließ uns auseinander schrecken, als ein Trucker an uns vorbei düste. Genervt streckte ich ihm meinen Mittelfinger entgegen, als er uns eklig angrinste.
Wenn er schlau genug war, würde er nicht auch nur eine Sekunde daran denken anzuhalten. Wenn er seinen Spaß mit irgendwelchen willigen Frauen haben wollte, sollte er einfach an der nächsten Raststätte halten. An mein Mädchen sollte er nicht einmal in einem harmlosen Moment denken.
„Was war das denn für einer?" Alva machte Würgegeräusche, während sie dem Trucker hinterher sah. „Hast du gesehen wie der uns angeschaut hat? Als würde er viel Geld zahlen, um uns zuschauen zu dürfen." Sie schüttelte sich einmal und verzog ihr Gesicht angewidert.
„Wenn nur einer daran denkt, dich sexualisieren zu müssen, dann schneide ich ihm liebend gerne den Schwanz ab."
„Silver!", ermahnte sie mich, wie schon so oft.
„Das mache ich wirklich, Mauerblümchen. Nur ich darf dich anfassen.", sprach ich und lehnte mich wieder zu ihr vor, mit einem Ruck zog ich sie wieder an meinen Körper. Ich stand noch immer zwischen ihren Beinen, während sie auf meinem Motorrad saß. „Und nur ich darf dich küssen und dreckige Gedanken von dir haben." Ich gab ihr einen kurzen Kuss und fuhr mir dann durch meine Haare, die Alva während unserem Kuss komplett zerzaust hatte. „Ich schrecke auch nicht vor Mord zurück, wenn es um dich geht."
„Silver, jetzt gehst du aber zu weit.", lachte sie, als sie dachte, dass ich Späße machte. Ich ließ das Thema fallen.
Wenn sie nur wüsste, was ich alles für sie machen würde.
Eine Stille legte sich zwischen uns. Alva spielte mit dem Saum meiner Lederjacke, während ich den Ring an meinem Ringfinger betrachte. Der Smaragd spiegelte die Sonne wider, was mich fast geblendet hätte.
Dummes Scheißding.
„Ich glaube, wenn ich genug Geld gespart habe, werde ich meinen Motorradschein machen.", holte Alva mich aus meinen Gedanken und Erinnerungen, worauf ich sie überrascht ansah und meinen rechten Mundwinkel anhob.
„Ach, ist das so?"
„Ja! Es macht wirklich Spaß und ich war nur sozusagen Beifahrerin. Wie viel Spaß es dann wohl macht, wenn man selbst fahren kann?", geriet sie wieder ins Schwärmen und sah mich mit großen braunen Augen an. Ich sprach schneller, als ich denken konnte.
„Willst du mal mit meinem fahren?"
„Mit deinem?" Nun sah sie mich geschockt an, als wäre ich verrückt und ja, vielleicht war ich das aber ich hatte mein Angebot schon ausgesprochen.
Ich konnte es nicht mehr zurücknehmen.
„Aber ich habe kein Führerschein und keine Ahnung von Motorrädern."
„Du brauchst keinen Führerschein. Kein Schwein ist hier unterwegs. Und ich kann es dir erklären."
„Oh, ich weiß nicht..", sie sah auf mein Motorrad, legte ihre Hand um den Lenker und sah dann wieder zu mir. „Erkläre es mir."
Alva hatte meine Lederjacke an, nachdem ich ihr meinen Nierengurt umgelegt hatte. Der Helm saß fest auf ihrem Kopf und meine Handschuhe versteckten ihre weichen Hände.
„Wir gehen die Basics durch, Mauerblümchen. Als aller Erstes-", fing ich an und sah sie ernst an. „Dieses Motorrad hat knapp 200PS, was bedeutet, dass es sehr schnell beschleunigt, also bitte, behandle das Gas mit Vorsicht. Ich möchte nicht, dass du mehr als 15 Meilen pro Stunde fährst, verstanden?" Sofort nickte sie zustimmend und sah mich mit großen Augen an. „Im Allgemeinen gilt: Links befindet sich der Kupplungshebel am Lenker und die Gangschaltung befindet sich am linken Fuß." Ich deutete jeweils auf die genannten Details. „Rechts am Lenker ist der Gashebel." Als ich auf die Handbremse deutete, folgte ihr Blick meiner Hand. „Diesen Hebel wirst du bitte nicht berühren! Das ist die Handbremse, was bedeutet, dass das Vorderrad abrupt stehenbleibt und du am Ende noch über das Motorrad geschleudert wirst."
„Okay, nicht die Handbremse betätigen - verstanden!", wiederholte sie meine Warnung und nickte sich selbst nochmals zu.
„Zum Bremsen benutzt du den Fußhebel auf der rechten Seite. Zeige mir nochmals wo du genau alles findest.", befahl ich und sofort fing sie an meine Erklärung zu wiederholen. Zufrieden nickte ich diesmal. „Anscheinend kannst du alles gut greifen.", bemerkte ich und erklärte weiter. „Deine Ellenbogen sollten leicht gebeugt sein, wenn du den Lenker hältst, denn dann hast du mehr Sicherheit. Zeige mir, ob du mit dem Fuß die Gangschaltung erreichen kannst, ohne den Fuß von der Fußraste nehmen zu müssen." Ich lief um sich herum auf die linke Seite, worauf sie das Gesagte versuchte und es gerade so hinbekam. Bis jetzt sah alles gut aus. „Okay, die Basics hast du dir anscheinend gemerkt. Jetzt kommt der schwierige Teil, Mauerblümchen. Bist du bereit?"
„Ja.", flüsterte sie fast nur, die Aufregung war ihr deutlich anzusehen.
„Die Kupplung musst du langsam kommen lassen und auch langsam loslassen, sonst würgst du mein Schmuckstück ab. Wenn du den Motor startest ziehst du den Kupplungshebel und gehst in den ersten Gang."
„Woher weiß ich, dass ich im Gang bin?"
„Wenn du keinen Widerstand mehr spüren kannst."
„Okay."
„Die Anzeige am Lenker zeigt dir an, in welchem Gang du bist. Wenn du schaltest, gehst du mit dem Gas runter. Beim Kuppeln löst du für einen kurzen Moment die Verbindung zum Hinterrad, was bedeutet, dass das Motorrad einen Satz macht, solltest du dabei Gas geben. Und vergiss nicht, lass die Kupplung langsam los."
„Oh, das klingt alles sehr kompliziert.", sprach sie und lächelte nervös.
„Du bist ein schlaues Mädchen. Das schaffst du.", versuchte ich sie zu ermutigen, auch wenn ich das erste Mal in meinem Leben die Angst hatte, ihre könnte vielleicht doch etwas passieren. Ein Motorrad zu fahren konnte sehr einfach aussehen, aber dabei war es am Anfang schwierig sich daran zu gewöhnen.
„Ich mache den Motor gleich an. Du bist vorerst im Leerlauf, dann gehst du in den ersten, wenn du anfährst und dann gleich in den zweiten."
„Verstanden."
„Sobald du die Kupplung langsam kommen lässt, fängt das Motorrad an loszufahren und du musst etwas Gas geben. Sobald du losfährst stellst du deine Füße auf die Fußrasten. Vermeide das Lenken vorerst und fahr nur geradeaus."
„Okay, ich werde nicht lenken."
„Das war das wichtigste. Bist du bereit?"
„Ich denke schon.", sprach sie, setzte sich nochmal richtig auf das Motorrad, worauf ich den Ständer einklappte. Ich hielt das Motorrad gerade, denn Alva war zu klein, um ihre Beine abstellen zu können.
„Fahre nur so schnell, wie es dir gesagt habe. Ich laufe neben dir her, um das Motorrad zu halten, wenn du Stehen bleibst."
„Verstanden.", wiederholte sie und dann wurde es ernst.
Der Motor schnurrte, als ich den Schlüssel im Zündschloss umdrehte. Alva sah mich nervös an und ich versuchte sie beruhigend anzulächeln, während die Nervosität auch mich einnahm. Ich hoffte inständig, dass mein spontanes Angebot nicht zu einem Albtraum werden würde.
Sie ließ langsam die Kupplung kommen, das Motorrad rollte los, nachdem Alva in den ersten Gang gegangen war. Vorsichtig betätigte sie das Gas und schon wurde das Motorrad schneller. Sie lachte aufgeregt, als ihr bewusst wurde, dass sie gerade wirklich mit meinem Motorrad fuhr.
Ich joggte neben ihr her, ließ meine schützende Hand  über dem Lenker des Motorrads fallen, als ich mir sicher war, dass sie ihr Gleichgewicht halten konnte.
„Oh, Gott!", rief sie aus und sah kurz zu mir, aber nur für eine Sekunde, damit sie nicht die Kontrolle verlieren würde.
„Das machst du sehr gut, Mauerblümchen."
„Ich fahre Motorrad!" Ihre Stimme bebte vor Aufregung. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ich jemand anderes mein wertvollsten Besitz fahren ließ, aber Alva zu sehen, wie die Freude förmlich aus ihren Augen strahlte, ließ mich lächeln.
Sie glücklich zu sehen, war wir Balsam für mein schwarzes, kaltes Herz.
Sie fuhr weiter die Straße entlang, bis ich ihr ein Handzeichen gab, langsamer zu fahren und vorsichtig zum Halt zu kommen.
Die Aufregung ließ Alva nicht genau nachdenken, als sie plötzlich den Gashebel betätigte und mein Motorrad einen Sprung nach vorne machte.
„Fuck!", rief sie aus, als sie mit einer schnelleren Geschwindigkeit davon fuhr. Mein Herz rutschte mir in die Hose.
„Scheiße, Alva! Halte an!", rief ich aus und rannte so schnell wie nur möglich hinterher.
Man konnte genau erkennen, wie Alva panisch wurde. Der Lenker fing an hin und her zu schwenken, während sie sich daran festhielt, um irgendwie das Gleichgewicht zu halten. „Alva, du musst bremsen!", schrie ich und auch mein Körper stand unter Panik. Fuck, fuck, fuck!
Es war eine schlechte Idee gewesen. Ich versuchte mit allen Mitteln Alva vor Gefahren zu schützen und nun hatte ich sie selbst in eine gefährliche Situation gebracht.
„Betätige die Bremse!"
Und dann tat sie genau das, was ich ihr ausdrücklich verboten hatte. Sie zog die Handbremse.
Das Vorderrad hörte sofort auf zu rotieren, ein quietschendes Geräusch erklang und das Hinterrad erhob sich. Wie in Zeitlupe beobachtete ich, als Alva über den Lenker fiel, mein Motorrad überschlug sich und landete im Graben, während Alva auf der harten Straße lag.
Oh, fuck, bitte nicht.

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