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[•$Mentir$•]
(Tag der Flucht)

Ich starrte aus dem Fenster, unfähig, meine Gedanken zu ordnen, geschweige denn einen klaren zu fassen. In meinem Kopf herrschte das reinste Chaos. Heute war Gabrielas großer Tag – ihre Hochzeit – und ich war nicht an ihrer Seite. Ich war nicht da, um ihr beizustehen, ihr die Hände zu halten, ihr nervöses Lächeln zu erwidern, wenn sie Halt brauchte. Stattdessen saß ich hier, eingesperrt in diesem viel zu sterilen Büro, und versuchte, Sergio mit meinen Blicken zu durchbohren. Am liebsten hätte ich ihn einfach verschwinden lassen. Je länger wir hier verweilten, je mehr Minuten sich zäh wie Kaugummi dehnten, desto mehr wuchs meine Unruhe – und mit ihr der Frust. Es war, als ob die Zeit sich gegen mich verschworen hätte, mich quälen wollte mit jeder vergehenden Sekunde.

Ich fuhr mir durch mein rabenschwarzes Haar, raufte es kurz, bevor ich die Arme verschränkte und meinen Blick wieder hinaus lenkte. Draußen fuhren Autos in alle Richtungen, wie Gedanken, die davonstoben. „Setz dich."
Seine Stimme – kalt, hart, fast unbeteiligt – zerschnitt meine Gedanken wie ein Messer. Doch ich reagierte nicht. Ich bewegte mich keinen Zentimeter. Starrte weiter hinaus, als könnte ich durch das Glasfenster hindurch zu ihr sehen, zu Gabriela. Ich hörte, wie er tief einatmete, langsam, kontrolliert, als müsste er sich selbst zur Ruhe zwingen. „Bring mich zu Gabriela", sagte ich schließlich. Meine Stimme war leise, fast tonlos, aber sie trug die ganze Wucht meiner Sehnsucht in sich. Ich drehte mich nicht zu ihm um, ich wollte sein Gesicht nicht sehen, nur seine Antwort hören. Aber sie kam nicht. Nichts. Schweigen. Er ignorierte mich einfach, als wäre meine Bitte bedeutungslos, als wäre ich bedeutungslos.

„Sie heiratet... was mache ich hier?" Der Ärger kroch langsam in meine Brust, nagte an meinem Innersten. Es fühlte sich falsch an, falsch und ungerecht. „Thiago—" „Thiago kann mich mal", zischte ich, mein Blick blitzte auf, als ich mich endlich umdrehte. Ich stand nun vor ihm, wütend, enttäuscht, voller aufgestauter Gefühle. „Ich sollte nicht hier sein. Ich sollte bei ihr sein!" Ich schluckte die Wut hinunter, so gut ich konnte, aber sie saß tief. Sergio legte mit übertriebener Ruhe seinen Stift zur Seite, lehnte sich entspannt in seinem Stuhl zurück und strich mit einer beiläufigen Geste seine dunkelblaue Krawatte glatt – dieselbe Farbe wie mein Kleid. Fast spöttisch wirkte es, als wollte er mir in Erinnerung rufen, dass ich seine Frau war. Ich war fertig geschminkt, das Kleid saß perfekt. Ein langes, dunkelblaues Kleid, elegant und zurückhaltend. Eigentlich hatte ich Schwarz tragen wollen, so wie immer. Aber Ela hatte sich gewünscht, dass ich Farbe trage. Und ich wollte ihr diesen Wunsch erfüllen. Es war zwar dunkel, aber immerhin – es war Farbe.
Das Kleid reichte bis zum Boden, fließender Stoff, lange Ärmel, ein freier Rücken, kühl auf der Haut. Meine Haare trug ich in einem hohen, langen Zopf – schlicht, aber edel. Der Schmuck war zurückhaltend, fast unsichtbar, wie ich selbst in diesem Moment.

„Du wirst dabei sein", sagte Sergio schließlich, als hätte er auf den perfekten Moment gewartet, um mir seine ruhige Antwort entgegenzuwerfen. „Nur nicht jetzt. Später. In zehn Minuten fahren wir los." Ich sagte nichts mehr. Genervt und innerlich aufgewühlt ließ ich mich auf die Couch sinken, als könnte ich der Zeit damit ein Schnippchen schlagen. Ich machte es mir so bequem wie möglich, lehnte den Kopf zurück, schloss die Augen. Vielleicht, wenn ich Glück hatte, schlief ich einfach ein und wachte erst wieder auf, wenn die 10 Minuten um sind.

Ich hoffte, dass es Gabriela grade gut ging. Dass sie durchatmen konnte, dass sie inmitten all der Aufregung, des Lärms, des Lichts, der Stimmen, nicht den Boden unter den Füßen verlor. Ich hoffte, dass die Mädels ihr beistanden, dass sie sie ablenkten, sie festhielten, wenn die Panik näherkam wie eine Flutwelle, wie sie es manchmal tat, ohne Vorwarnung. Ich betete insgeheim, dass sie heute stark blieb – oder zumindest das Gefühl hatte, nicht allein zu sein. Dieser Gedanke, dieser eine, bohrte sich tief in mich hinein. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wuchs in mir die Wut. Natürlich verstand ich, warum Thiago mich von ihr fernhielt, besonders heute, besonders an diesem Tag. Aus seiner Sicht ergab es wahrscheinlich sogar Sinn. Er hatte Angst, dass ich Einfluss auf sie nehmen könnte. Dass ich etwas sagen würde, das sie zum Zweifeln bringt, dass ich sie dazu bringen würde, einen Schritt zurückzugehen, vielleicht sogar „nein" zu sagen. Aber er kannte mich. Oder er sollte mich kennen. Und trotzdem traute er mir nicht zu, dass ich für sie da sein konnte, ohne sie zu manipulieren. Dass ich sie lieben konnte, ohne sie zu kontrollieren. Was ich nie tun würde. Was ich nie getan habe. Und selbst wenn, was gab ihm das Recht, mich von ihr zu trennen? Uns zu trennen?

Amor a la MafiaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt