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[•Celést•]

Ich schlang meine Arme um mich und schloss die Augen. Ich wusste nicht, wo ich war, nicht welchen Gang ich entlanggerannt war, welche Treppen ich genommen hatte. Ich bog einfach irgendwo ab, taumelte weiter, bis ich schließlich in einem verlassenen Raum landete. Staub lag schwer in der Luft, aber ich verkroch mich sofort in eine dunkle Ecke. Dort blieb ich.
Wie viele Stunden vergingen, wusste ich nicht. Nur, dass es viele waren – die Sonne war längst dabei, unterzugehen, ließ mich allein in der Dunkelheit zurück. In der Dunkelheit, die ich verdiene. Ich lehnte meinen Kopf gegen die kalte Wand, versuchte zu atmen. Doch egal, wie tief ich die Luft in meine Lungen zog – sie reichte nicht. Sie war nie genug. Nichts war genug.

Es fühlte sich an, als würde mein eigener Körper mich einsperren. Ich passte nicht hierher. Nicht in diesen Raum, nicht in diese Haut. Nicht mehr. Dieses Gefühl ließ nicht nach, dieses Drücken, diese Taubheit, dieses zu-viel und gleichzeitig nichts. Meine Hände glitten über meine Arme, über die frischen Narben –die Narben, die er mir zugefügt hat. Ich versuchte, das Gefühl loszuwerden, diese Last, diese Schuld, diesen Schmerz, der sich in mir festgebissen hatte wie ein Tier. Ich begann zu kratzen. Immer wieder. Kratzen, bis meine Haut brannte. Bis sie rot war. Bis Blut kam. Und trotzdem: Nichts wurde leichter. Ich wollte nur, dass es aufhört. Alles. Einfach. Aufhört. Meine Haut brannte. Die Wunden zogen wie Feuerlinien über meine Arme, doch ich spürte sie kaum, bis etwas Nasses auf meine Haut tropfte.
Eine Träne. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass ich weinte.
Aber ich tat es.

Sofort wischte ich sie weg, grob, als würde allein das Dasein dieser Träne bedeuten, dass ich wieder schwach bin. Ich wollte nicht weinen. Nicht mehr. Ich werde nicht weinen. Ich darf nicht. Ich schluckte hart, der Kloß in meinem Hals schmerzte, kratzte, als würde er mich von innen zerreißen, aber ich schluckte ihn runter. Wie so vieles. Dann atmete ich tief ein. Ganz langsam. Lehnte mich gegen die kalte Wand zurück und schloss die Augen. Und inmitten der Dunkelheit, in dieser staubigen Leere, kam sie wieder – die Taubheit. Und diesmal... ließ ich sie zu.

Ich genoss sie.
Zum ersten Mal.
Denn in dieser Taubheit war kein Schmerz.
Kein Álvaro.
Keine Schuld.
Kein Ich.
Nur Stille.

***

„Ihr wisst doch, dass die Kameras hier oben nicht funktionieren – warum habt ihr sie dann hier hochgelassen?" Ich zuckte zusammen und blinzelte die Müdigkeit aus den Augen. „Hermano, sie hat mich weggeschickt, wie soll ich wissen, dass sie die Gelegenheit nutzt und nach oben verschwindet?" Camillas Stimme drang durch die Wand zu mir. Sie dürfen mich jetzt nicht finden, nicht jetzt, wo ich endlich Ruhe gefunden habe. Trotzdem atmete ich erleichtert aus, als ich mich daran erinnerte, dass ich die Tür mit einem Stuhl blockiert hatte. Ich lauschte angestrengt, gespannt darauf, was als Nächstes passieren würde. „Wir suchen schon seit Stunden und sie taucht einfach nicht auf. Vielleicht braucht sie Zeit?" Ja, Camilla, du hast recht – ich brauche Zeit. Überrede deinen Bruder.
„Sie kann ihre verdammte Zeit haben, wo sie will – solange ich weiß, wo sie ist!" Álvaros Stimme schnitt durch die Stille. Mein Atem stockte. Ich saß da, verkrampft in der Ecke, mein Körper ein einziges, bebendes Fragezeichen. Er war da. Álvaro. Seine Stimme schnitt durch die Wand, durch meine Brust, durch die Mauer, die ich mir in den letzten Wochen gebaut hatte.
Und plötzlich war alles wieder da. Alles.

Die Hoffnung.
Der Schmerz.
Die Sehnsucht.
Und die Angst.

Wieso... wieso klang er so wütend?
Wieso... war er überhaupt hier? War es nur, weil ich verschwunden war? Weil ich wieder mal nicht funktioniert hatte? Nicht weil er mich vermisste. Nicht weil er mich suchte, sondern weil es unbequem war, dass ich weg war.

Ich spürte, wie mein Herz gegen meine Rippen pochte, wie die Taubheit langsam wieder verschwand – ersetzt von einem schmerzhaften Prickeln in jeder Zelle meines Körpers.
Ich wollte nicht, dass er mich so sah. Nicht in diesem Zustand. Und doch... ein Teil von mir wollte, dass er die Tür aufriss. Mich sah. Mich in den Arm nahm. Einfach da war. Meine Finger gruben sich in den Stoff meines Shirts, und ich zwang mich leiser zu atmen. Würde er mich finden? Wollte ich überhaupt, dass er es tat? Oder... wollte ich einfach nur wissen, ob er überhaupt wirklich kam, um mich zu finden – oder nur, um Ruhe zu haben?

Amor a la MafiaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt