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[•Celést•]

Es gibt Momente in meinem Leben, in denen ich dachte, dass ich verrückt werde. Momente, in denen ich mich fragte: Was wäre, wenn? Und genau jetzt war so ein Moment.
Die Frage war:
Was wäre, wenn ich ein normales Leben gehabt hätte?
Und Álvaro unter normalen Umständen kennengelernt hätte?

__was wäre wenn:
Ich spazierte in das Café hinein – zu müde, um einen klaren Gedanken zu fassen. Ein leises Seufzen entwich mir, als mich die angenehme Wärme empfing. Es war Herbst, draußen war es bitterkalt. Ich mochte den Herbst, aber ich hasste den Winter. Nur der Schnee gefiel mir, aber sobald er zu Matsch wurde, konnte ich ihn nicht mehr ausstehen. „Guten Morgen", begrüßte ich die Rothaarige hinter der Theke. „Morgen", erwiderte sie mit einem Lächeln. Ich hatte sie schon ein paar Mal hier gesehen, sie war wirklich nett.
„Ein Kaffee und ein Stück Schokokuchen, bitte."
„Zum hier essen?" Ich nickte und bezahlte. „Kommt sofort. Nehmen Sie gern Platz." Ich schenkte ihr ein kurzes Lächeln, drehte mich um und suchte mir einen freien Tisch.

Ich legte meinen Mantel und Schal ab, stellte meine Tasche daneben, setzte mich und holte meinen Zeichenblock und einen Stift heraus. Ich studierte Architektur hier in New York, und eine meiner Zeichnungen musste ich dringend überarbeiten. Konzentriert radierte ich Fehler aus, zog Linien nach und verlor mich im Entwurf. Ich vergaß, wo ich war, ganz versunken in meiner Arbeit. Mein Dozent war streng, und ich hoffte, dass diese Version ihn endlich zufriedenstellen würde.
„Hier ist Ihre Bestellung." Ich blickte auf. „Dankeschön", sagte ich und lächelte die Rothaarige an, die mir freundlich zunickte. „Guten Appetit." Ich bedankte mich noch einmal, legte Block und Stift zur Seite und nahm einen Schluck von meinem Kaffee. Während ich aß, ließ ich meinen Blick durch das Café schweifen. Manche saßen allein, andere in Gruppen. Menschen kamen und gingen, Gespräche vermischten sich zu einem gleichmäßigen Gemurmel. Die warmen Lichter hingen von der Decke, es war gemütlich – herbstlich irgendwie. Ich mochte es hier.

„Ich freu mich schon auf meinen Geburtstag!"
Ich drehte meinen Kopf zur Stimme. Zwei Mädchen saßen an einem Tisch nicht weit entfernt. Eine Blondine und eine mit lockigen Haaren. Ich kannte sie vom Sehen – sie studierten ebenfalls am Campus. „Was ist dein Motto?" „Also, Amira, ich hab's mir so überlegt: Ihr tragt alle Weiß und ich Pink!" Sie klatschte begeistert in die Hände. Amira, wie ich nun wusste, nickte. „Ja, das wird gut aussehen."
Die Blondine quietschte vor Freude. Ich wandte mich wieder ab und aß den restlichen Schokokuchen. Da klingelte plötzlich mein Handy, und ich zuckte erschrocken zusammen.
„Sofia?" „Wo bist du? In zehn Minuten beginnt die Vorlesung, und dein Standort zeigt an, dass du im Café bist!" Verdammt. Ich blickte auf die Uhr – und meine Augen weiteten sich. Ich war viel zu spät. „Oh mein Gott, ich mach mich sofort auf den Weg!" Ich legte auf, sprang auf, stopfte meine Sachen in die Tasche, zog meinen Mantel an, legte Trinkgeld auf den Tisch und eilte zum Ausgang, während ich meinen Schal band. Ich riss die Tür auf und im nächsten Moment prallte ich gegen etwas. Oder jemanden. Ich verlor das Gleichgewicht, schloss erschrocken die Augen und bereitete mich innerlich auf den Aufprall vor. Doch der kam nicht. Stattdessen spürte ich zwei starke Arme, die sich um mich legten, mich festhielten und gegen eine breite, harte Brust zogen. Ich öffnete langsam die Augen und starrte direkt auf ein schwarzes Hemd. Meine Hände klammerten sich an die Schultern des Fremden. Ich schaute langsam und zögernd hinaus und das was ich sah, ließ mich stocken.

Blau traf auf Braun.

__Realität:

Ich keuchte auf, erschrocken, japsend, als hätte mich etwas aus einem Albtraum gerissen, nur dass ich nicht schlief. „Wach bleiben", befahl eine Stimme, kalt, unnachgiebig. Meine Brust hob und senkte sich hastig, mein Atem überschlug sich, stolperte, als würde meine Lunge jeden Moment versagen. Tränen schossen mir in die Augen, brannten heiß auf meinen Wangen. Ich begann zu weinen, hemmungslos, panisch. „Ich kann nicht mehr", wimmerte ich, meine Stimme brach, zersplitterte wie Glas auf kaltem Stein. „Es reicht mit dem Weinen", sagte er ruhig, beinahe gelangweilt, als sei ich ein lästiges Kind. Ich schüttelte verzweifelt den Kopf, krallte meine Finger in die Armlehnen des Stuhls, versuchte Halt zu finden, wo keiner war. „hört auf...", stieß ich zwischen den Schluchzern hervor „Entschuldige dich", befahl er, ohne Erbarmen „Er... er wollte mich anfassen... ich...", meine Worte verloren sich in meinem Zittern. Ich konnte den Satz nicht zu Ende sprechen – die Scham, die Angst, das Grauen – alles würgte mich. Plötzlich – ein Ruck. Meine Haare wurden brutal nach hinten gezogen, mein Kopf riss nach hinten, der Nacken überdehnt, mein Blick starrte an die Decke. Kein Entkommen.

Amor a la MafiaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt