T3~Endlich wird Lorent versorgt

64 3 0
                                        

Ein Handy zerreißt jäh die Stille. Der Amokläufer nimmt ab. "Ja? Sergej? Ja, ich kann die Straße sehen." Er steht auf und geht zum Fenster. "Ja. Ja, ich sehe dich. Komm rein." Er starrt schweigend aus dem Fenster. Dann dreht er sich um und läuft zur Tür. Er öffnet diese und kurze Zeit später betritt ein junger, schlaksiger Mann den Raum. Er trägt einen Arztkoffer im Arm und eine große Brille auf der Nase. "Aiden, Aiden. Was machst du hier nur für eine Scheiße?", fragt er kopfschüttelnd. "Ich brauche Geld.", antwortet der Amokläufer, der Aiden heißt und kratzt sich am Kopf. "Aber deswegen rennt man doch nicht mit Strumpfmaske und Pistole in einer Schule rum und schießt auf einen Jungen.", meint der Fremde, Sergej. Er läuft zu Lorent und hockt sich hin. Aiden geht auf die andere Seite des Zimmers und behält uns drei im Auge. "Wie heißt du?", fragt Sergej Lorent. "Kannst du mich hören?" Keine Antwort. "Er heißt Lorent und er kann Sie hören. Er will nur nicht sprechen.", teile ich ihm mit. "Gut. Ich werde dir jetzt Schmerzmittel geben, aber es dauert zu lange, bis deren Wirkung einsetzt. Ich muss deinen Schulter untersuchen, während du noch nicht betäubt bist." Ich sehe, dass noch mehr Tränen aus Lorents Augen schießen. Sein Gesicht ist bleich. Sergej hat ein paar Tabletten in der Hand und drückt sie in Lorents Mund. Dann nimmt er eine Flasche und setzt sie an Lorents Lippen. "Hört zu." Sergej redet leise und eindringlich. "Ich will euch helfen. Vertraut mir. Ich kenne Aiden. Er ist nicht der Typ Mensch, der einfach Kinder entführt. Das Ganze war sicherlich eine Kurzschlussaktion. Ich werde versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen." - "Was flüsterst du da?", fragt Aiden laut. "Ich rede mit ihm, um ihn abzulenken, schließlich muss ich ihm eine Kugel aus dem Arm fischen.", sagt Sergej, so locker als hätte Aiden nicht eine Pistole auf ihn gerichtet, dann wendet er sich wieder Lorent zu. "Das könnte gleich sehr schmerzhaft werden. Es tut mir leid, aber ich muss die Kugel erst herausbekommen, bevor ich die Wunde nähen kann." Lorent bewegt die Lippen. "Emma.", flüstert er leise. "Ja. Ich bin hier. Keine Angst. Es wird wieder. Es wird alles wieder gut." Ich greife nach seiner gesunden Hand. Er klammert sich an meine wie ein kleines Kind. Sergej entknotet den Schal und nimmt ihn von der Wunde. "Mädchen, hilf mir.", fordert er mich auf. "Wie denn? Was soll ich tun?" - "Rede mit ihm, zwinge ihn dazu, wach zu bleiben. Lenke ihn ab." Er nimmt ein Messer und ein Tuch in die Hand und wendet sich wieder Lorent zu. "Lorent." Ich drücke seine Hand. Er erwidert den Druck. Gut! Er ist wach.  Aber worüber soll ich denn jetzt mit ihm reden? Sein Schrei dringt mit durch Mark und Knochen. Er quetscht meine Hand zusammen. Seine Lider flattern. Sergej bohrt das Messer in Lorents Oberarm. Ich wende den Blick wieder Lorents Gesicht zu. "Lorent. Lorent. Bleib hier. Bleib bei mir." Ich sage das, obwohl mir klar ist, dass ihn meine Worte nicht halten werden. Er entgleitet mir. Seine Hand lässt lockerer. "Ah, da ist die Kugel. Er macht das sehr gut. Jetzt muss ich die Wunde noch nähen. Meinst du er hält durch?", fragt Sergej. Ich wische mir die Tränen aus den Augen. "Ich weiß es nicht. Er... seine Lider flattern dauernd." - "Küss ihn." - "Was?" Ich habe mich wohl verhört. "Ein Kuss lässt viele Emotionen aufkommen. Das könnte ihn sehr gut ablenken." Sergej sticht mit der Nadel durch Lorents Haut. Wieder ein Schrei. Ich habe wirklich Angst, dass Lorent ohnmächtig wird. Schnell beuge ich mich vor und presse meine Lippen auf seine. Sie schmecken nach Tränen. Salzig. Ich schiebe jedes aufkommende Gefühl zur Seite. Ich mache das nur, um ihn bei uns zu halten. Lorent beginnt den Kuss zu erwidern. Zumindest fühlt es sich so an. Er bewegt seine Lippen an meinen. Die Schmetterlinge in meinem Bauch, fangen an herumzuflattern, ich kann nichts dagegen tun. "So, das war's.", teilt mir Sergej mit. Schnell löse ich mich von Lorents Lippen. Enttäuscht ziehen sich die Schmetterlinge zurück. Ich öffne meine Augen. Lorent starrt mich an. Ich sehe auf Lorents linken Arm. Er ist sauber vernäht und Sergej ist gerade dabei ihn zu verbinden. "Wie lange dauert das denn noch?", will Aiden wissen. "Ist gerade fertig." - "Wurde aber auch Zeit. Geh weg von den Kindern.", weist er den Arzt an. Sergej erhebt sich und will zu Aiden gehen, doch dieser richtet die Pistole auf ihn. "Nein. Geh in die Ecke." Sergej hält beschwichtigend die Arme in die Höhe, hält aber weiter auf Aiden zu. "Ich bin dein Freund, Aiden, das weißt du doch. Nimm die Waffe runter. Bitte." - "Nein.", knurrt Aiden und umklammert die Waffe fester. Aber seine Arme zittern. "Sergej Geh nicht weiter. Ich schieße sonst."
Plötzlich geht alles ganz schnell. Sergej geht noch einen Schritt weiter, duckt sich dann schnell weg, während Aiden schießt. Die Kugel verfehlt Sergej nur knapp und schlägt in die Wand ein. Ein kurzer erstickter Schrei kommt aus meiner Kehle. Dann ist Sergej bei Aiden angelangt, schlägt ihm die Waffe aus der Hand und bringt Aiden zu Fall. Ich hätte ihm nie eine solche Treffsicherheit und Körperbeherrschung zugetraut. "Kinder, lauft weg!" Lorent versucht sich aufzurichten, doch inzwischen haben die Tabletten ihre Wirkung entfaltet und so knicken seine Beine einfach weg. Zudem sind unsere Beine mit Kabelbinder gefesselt. Mein Blick fällt auf das Messer, mit dem Sergej die Kugel aus Lorents Arm entfernt hat. Ich nehme es und schneide die Kablebinder um Lorents Beine auf. Dann schneide ich die um meine Beine auf. Ich will das Messer zur Seite werfen, doch Lorent nimmt es mir ab und schneidet auch noch den Kabelbinder an meinen Handgekenken auf. Kurz streifen seine Fingerspitzen meine Hände. Seine Augen zucken unablässig über mein Gesicht. "Jetzt beeilt euch doch!", schreit Sergej. "Los."
Ich ergreife Lorents Hand und wir rennen so schnell als möglich, die Treppe runter. Das heißt, eigentlich laufen wir lediglich, denn Lorent kann die kleinste Erschütterung nicht ertragen. Wir haben schon die Hälfte der Treppe geschafft als ein Schuss und ein Schrei zu uns durchdringen. Sergej. "Lorent. Ich renne und hole die Polizisten rein. Lauf du so schnell du kannst." Ich lasse seine Hand los und renne aus dem Gebäude.

Mein Leben - schlimmer als ein AlptraumGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt