Kapitel 2 - Eine kleine aber große Welt stürzt zusammen

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Kapitel 2

Es war der 12. Juni 2013. Natürlich dachte ich, es wird ein normaler Tag wie immer. Aber das war es nicht und ich wusste auch nicht, was danach alles passieren würde.

Es war Freitag, als ich mal wieder von One Directions Little Things geweckt worden war. VIch fühlte mich so leer und ich wollte auf keinen Fall aufstehen, nie im Leben. Also drehte ich mich wieder um und hoffte unbemerkt einfach den ganzen Tag im Bett liegen zu können.

Doch natürlich kam mein Vater in mein Zimmer um zu gucken, wo ich blieb.

"Lamiya, wo bleibst du denn?", fragte er sanft und kam langsam zum Bett rüber. "Du musst aufstehen, sonst kommst du zu spät." Ich schlug meine Augen auf, aber er konnte es nicht sehen, da ich ihm meinem Rücken zugewandt hatte und mit dem Geischt Richtung Wand lag. Lass mich doch einfach in Ruhe, dachte ich. Es vermisst mich doch eh keiner in der Schule! Ich war so zerfressen und hatte auch immer weniger gegessen und immer mehr trainiert, sodass ich mittlerweile so dünn war, dass ich mich selber hässlich fande. Doch mein Vater konnte nichts dafür, aber ich konnte jetzt nicht aufstehen. Ich konnte einfach nicht. Ich war mir sicher mittlerweile hatten meine Eltern mitgekriegt, dass es mir schlecht ging, aber sie sprachen mich nicht drauf an, wofür ich ihnen sehr dankbar war. Ich hätte ihnen nicht erzählen können, wie lange es mir schon so erging, damit hätte ich ihnen weh getan. Und vorgestern tat ich mir weh. Das Tanzen hatte meine Verzweiflung und mein allein sein nicht mehr verdrängen können. Ich ritzte mich, aber es tat so weh, dass es nur für einen kurzen Augenblick gut tat. Ich habe es seitdem nicht mehr getan. Mein einzier Halt waren noch meine Eltern und das Tanzen und dass durfte ich nicht auch noch verlieren. "Guten Morgen", murmelte ich, allerdings ein wenig unfreundlich. "Ich komme jetzt runter." Mein Vater verließ mein Zimmer und ich war wieder alleine. Ich hatte das Gefühl zu weinen, aber tat es nicht, da ich schließlich gleich meinen Eltern vor die Augen treten musste. Ich zwang mich aus meinem Bett und zog blind eine Hose und ein Shirt aus meinem Schrank, mir war egal wie ich heute aussah. Ich hatte mich ziemlich gehen lassen in den letzten Wochen, aber das war mir egal. Ich ging ins Bad und traute mich erst nicht in den Spiegel zu gucken und als ich dann einen Blick wagte, bereute ich es sofort. Ich sah krank aus. Muskulös vom ganzen Training aber auch zu dünn. Ich sah einfach schlecht aus, wie ein Haufen Elend. Ich putzte mir also schnell die Zähne und kämmte meine Haare und rauschte runter in die Küche um zu frühstücken. "Morgen mein Engel. " Meine Mutter saß am Küchentisch und trank Kaffee. "Guten Morgen!" Ich rang mir ein Lächeln ab, um ihr nicht die Laune zu verderben. "Warum bist du noch da, aber Papa ist schon weg?", fragte ich sie. "Ich habe heute frei und Papa muss schon arbeiten." "Er hat sich gar nicht verabschiedet.", sagte ich ein bisschen enttäuscht. "Er hatte es sehr eilig." Meine Mutter zuckte entschuldigend die Schultern. "Aber du siehst ihn ja heute Abend." Sie lächelte. "Ja." sagte ich nur kurz und gab ihr einen Abschiedskuss auf die Wange. "Bis heute Mittag!", rief ich noch, bevor ich raus aus der Tür war und die frische Luft einatmete. Es tat so gut. Für einen Moment stand ich kurz so da, doch dann nahm ich mir mein Rad und fuhr in die Hölle.

Nach dem ich die ersten Stunden überstanden hatte setzte ich mich wieder alleine in die Pausenhalle und schrieb an einem Gedicht weiter. Da lief Julie an mir vorbei, wir belegten zusammen Französisch. "Hallo Lamiya!" sagte sie kurz, gab mir ein herzerwärmendes Lächeln und lief weiter. Erst war ich enttäuscht, dass sie sich nicht gesetzt hat. Aber dann fiel mir ein, dass ich immer noch ich war und wer würde sich schon zu mir setzten wollen? Richtig, niemand. Aber es war lange her, dass mir ein Mitschüler Hallo gesagt hat, geschweige denn zugelächelt. Es tat so unglaublich gut, mal wieder wargenommen zu werden, auch wenn es nur kurz war. Den restlichen Tag überstand ich mit ach und krach.

Doch dann durfte ich endlich nach Hause. Ich rief nur "Hallo Mama! Bin zu Hause und bin oben, falls du mich brauchst!!". Ich zog mir meine Tanzsachen an und versuchte die ganze Welt zu vergessen!

Ich kam erst wieder zum Abendessen nach unten. Mein Vater war noch immer nicht da. "Weißt du wo Papa ist?", fragte ich meine Mutter. Sie schüttelte aber nur den Kopf und wir aßen im Schweigen. Ich erzählte ihr nur kurz wie toll angeblich mein Schultag war. "Mama ich geh nach oben. Ich muss noch Duschen und Hausaufgaben machen." "Ist okay, Schatz!", sagte meine Mutter und gab mir ein warmes Lächeln. Ich verschwand also nach oben. Ich nahm eine Dusche. Mein Kopf war so leer wie schon seit langem nicht mehr. Ich machte mir Sorgen um meinen Vater. Er ist die letzten Jahre nie auch nur einmal zu spät zu Hause gewesen. Außerdem wieso hatte er nicht angerufen, dass er sich verspäten würde? Das kenne ich gar nicht von ihm. Ich hatte meiner Mutter angesehen, dass sie sich ebenfalls Sorgen machte. Sie hat zwar sichtlich versucht es zu vertuschen, aber vor mir kann sie nichts geheim halten.

Ich hatte schließlich meine Hausaufgaben erledigt, als ich nach unten ging, um meiner Mutter eine gute Nacht zu wünschen und zu schauen, ob mein Vater endlich mal nach Hause gekommen war. Doch ich bereute es nach unten gegangen zu sein. Ich war auf dem Weg in die Küche, als ich meine Mutter aus dem Wohnzimmer weinen hörte. Ich rannte zu ihr und nahm sie in den Arm. Ich fragte erst gar nicht nach, weil ich gar nicht wissen wollte, was passiert ist.

Doch schließlich hatte sie sich allmählich beruhigt und fing an zu sprechen.

"Es war die Polizei...es ist ein schrecklicher Unfall passiert..." Dann herrschte eine lange Pause, bis ich nicht mehr schweigen konnte. Ich hatte grausame Vermutungen und traute mich nicht, sie auszusprechen. Also fragte ich nur "Aber was hat das mit uns zu tun?" Meine Mutter brach wieder in Tränen aus und langsam hatte ich das Gefühl meine Vermutung bestätigte sich. "Er...dein Vater....er war drin verwickelt..." Diesmal sagte ich lieber nichts, sondern wartete bis meine Mutter weitersprach. Ich hatte das Gefühl! die ganze Nachbarschaft konnte meinen Herzschlag hören und das Adrenalin schoss förmlich durch meinen Körper. "Er hat es nicht überlebt. DEIN VATER IST TOT. MEIN MANN IST TOT!!!!" Sie schrie so laut, dass man das Gefühl hatte, sie musste selbst erst realisieren, was sie da sprach. Ich fühlte wie Tränen in meinen Augen aufstiegen. Meine Mutter weinte in meine Brust und es schüttelte sie so arg, dass ich sie immer fester hielt. Man könnte sagen, sie weinte ihr ganzes Herz aus.

Dabei hätte ich gut selber jemanden gebrauchen können, der mich hält. Aber ich riss mich zusammen.

"Aber woher wissen sie, dass es Papa war?", flüsterte ich ganz leise, mit der Angst, sie noch mehr zu verletzten in diesem Augenblick. "Sie haben seine Papiere in seiner Jacke gefunden...mit Telefonnummer...", sagte sie stumpf. Ich wollte nicht mehr fragen. Obwohl die Fragen nur so in mir brannten und sie unbedingt rauswollten.

Wir saßen noch eine Stunde zusammen weinend auf der Couch, bevor meine Mutter sagte, ich solle ins Bett gehen. Ich wollte keinen Aufstand machen, also stand ich auf und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Ich war schon fast aus dem Raum raus, als ich ihre zittrige Stimme hörte.

"Lamiya?"

"Ja?", hörte ich mich selber fragen.

"Ich liebe dich. Schlaf gut!"

"Ich dich auch, Mama! Du auch gleich." Ich lächelte obwohl sie das nicht sehen konnte.

"Ach und noch etwas! Du musst morgen nicht zur Schule, wenn du nicht möchtest."

"Ist gut Mama!" Und dann verließ ich den Raum.

Aber ich ging nicht schlafen, sondern eine Etage höher. Ich musste tanzen. Ich wollte fliehen. Ich wollte das alles nicht wahr haben. Heute morgen war ich so unfreundlich gewesen zu meinem Vater und jetzt kann ich mich nicht mehr entschuldigen, WEIL ER TOT IST! Eine meiner einzigen Menschen, denen ich vertrauen kann. Ich machte Musik an und tanzte einfach so, wie es mir gerade in den Sinn kam. Ich konnte mich jetzt nicht an eine Choreographie halten. Ich schloss die Augen.

Ich hörte erst wieder auf, als meine Füße so sehr schmerzten, dass ich keinen Schritt mehr tun konnte. Ich merkte, dass mir Tränen an den Wangen runterliefen. Ich legte mich einfach auf den Boden und schlief ein.

Tanzen ist Träumen mit den FüßenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt