Kapitel 4
Sonntag. Ich wachte auf, weil die Vögel so laut zwitscherten. Sofort erinnerte es mich an 'Love is Easy' von McFly.
"And the birds sing
Tweedely dee deedely
Tweedely dee dee dee
And I know exactly what they mean"
Nur, dass ich nicht genau wusste, was sie meinen. Vielleicht hätten sie mir ja sagen wollen, dass ich nicht daran Schuld war, dass der größte Traum von meinem Vater in seinem kurzen Leben nicht in Erfüllung ging. Vielleicht hätte ich mich nicht mehr so miserabel gefühlt. Vielleicht hätten sie mir sagen können, wie ich über den Tod meines Vaters wegkommen kann, ohne ihm das Gefühl zu geben, ihn zu vergessen. Vielleicht hätten sie sogar eine Lösung gefunden, den Traum nachträglich in Erfüllung gehen zu lassen.
All diese Fragen plagten mich an einem Sonntagmorgen, nur weil Vögel zwitscherten. Ich drehte mich nochmal im Bett herum und versuchte noch einmal einzuschlafen. Die Bemühungen waren umsonst und ich quälte mich kurz darauf doch aus dem Bett. Ich ging in die Küche, doch fand meine Mutter nirgends. Na toll! Noch ein Tag alleine. Andere hätten jetzt vielleicht Freunde angerufen, aber wie schon bereits gesagt: Ich bin nicht die anderen. Also ging ich wieder die Treppe hoch, da ich nicht wusste was ich alleine in der Küche sollte. Ich ging bis auf den Dachboden, in mein kleines Versteck. Niemand kannte es außer mir und meinen Eltern, da auch niemand wusste, dass ich leidenschaftliche Tänzerin bin. Aber ich tanzte nicht, sondern saß nur faul auf dem Boden und überlegte, ob es nicht vielleicht wirklich irgendeinen Weg gab, den Wunsch von meinem Vater zu erfüllen. Es musste doch was geben. Sonst würden mich die Schuldgefühle mein ganzes Leben lang plagen. Und ich sag euch eins: Mit dem Tod seines Vaters und Schuldgefühlen klarzukommen, ist alles andere als leicht.
Ich habe nicht mehr richtig gegessen, geschlafen habe ich auch nie richtig. Kein Tag verging ohne weinen. Und meine Trauer ließ ich im Tanz aus.
Nach einer weiteren halben Stunde, versuchte ich was. Etwas, dass mir als die leichteste Lösung erschien.
Ich setzte mich auf und fing an mit zittriger Stimme zu sprechen.
"Hallo Papa...Ich vermisse dich...aber es heißt doch: 'Ein Mensch ist erst tot, wenn er vergessen wird. Sonst ist er nur fern.' Mama und ich werden dich nie vergessen! Vielleicht hörst und siehst du mich ja gerade, denn ich möchte dir was zeigen. Gestern Nacht hat Mama mir erzählt, dass dein größter Wunsch war, mich tanzen zu sehen. Nun ja, wenn du mich gerade siehst, dann schau doch zu..."
Ich stand auf und musste mich erstmal sammeln. Aber ich erinnerte mich daran, dass ich ja im Prinzip ganz alleine im Raum war, also kein Grund zur Nervosität.
Ich machte Musik an und fing an. Ich vergaß, dass ich gerade noch nervös war oder gar versucht habe, zu meinem Vater zu sprechen. Doch als das Lied schließlich zu Ende war, wartete ich auf ein Zeichen. Vielleicht die Stimme von meinem Vater, vielleicht aber auch nur ein kleines Licht, dass anging. Aber nichts. Nichts, dass sicherstellen würde, dass er es gesehen hat. Ich war enttäuscht, obwohl ich nichtmal selber genau wusste, was ich mir vorgestellt hatte. Das mein Vater plötzlich vor mir im Raum steht? Ich flüsterte ein leises "Ich liebe dich." und verließ schließlich den Raum. Was ich nicht mehr bemerkte, war das helle Sonnenlicht, dass auf einmal heiß durch die winzige Dachluke schien.
Ich ging in mein Zimmer und legte mich auf mein Bett. Ich lag einfach da. Machte nichts. Dachte nichts.
Da kam meine Mutter in mein Zimmer.
"Hallo" sagte sie freundlich.
"Hey Mama" Ich lächelte.
"Ich war bei meiner Schwester...'Tschuldigung, dass ich dir nicht Bescheid gesagt habe!"
"Das macht doch nichts!!" log ich. Wenn meine Mutter nur wüsste, was ich mir seit dem Tod meines Vaters für Sorgen machte, wenn jemand ohne Bescheid zu sagen, zu spät kam oder einfach nicht zu finden war.
"Komm doch mit runter, dann essen wir was"
Ich nickte und folgte ihr aus meinem Zimmer. Zum Glück hatte sie mich nicht reden hören oben, so musste ich ihr nichts erklären.
Wie aßen gemeinsam unsere Lasagne und meine Mutter erzählte mir ein bisschen von ihrem Aufenthalt bei meiner Tante.
Späte sahen wir dann noch fern, bis wir schließlich beide beschlossen ins Bett zu gehen.
Ich überlegte immer noch, wie ich den Wunsch erfüllen konnte. Vielleicht würde mein Vater es ja sehen, wenn die Veranstaltung groß wäre, wo ich dann tanzen würde. Als erstes kam mir natürlich "Got to Dance" in den Sinn. Aber hatte ich denn völlig den Verstand verloren? Es würden mehrere Millionen Menschen sehen, wenn ich tanze. Ich müsste mich mehreren Millionen Menschen präsentieren und mich ihnen gegenüber öffnen. Außerdem würde ich mich wahrscheinlich völlig blamieren, da ich überhaupt nicht wusste, ob ich gut tanzen konnte. Ich verwarf diese Idee schnell wieder und versuchte mir andere auszudenken, was mir allerdings misslang. Aber wenn ich meinem Vater so seinen allerletzten und größten Wunsch erfüllen könnte, würde sich es dann nicht lohnen, vielleicht von der Jury völlig gedemütigt zu werden?
Ich fiel langsam in einen unruhigen Schlaf.
Thank u. You all mean the world to me.
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Tanzen ist Träumen mit den Füßen
Novela JuvenilTanzen war ihr Leben, doch niemand wusste davon. Bis zu dem Tod ihres Vaters hatte sie niemand tanzen gesehen. Doch mit dem Tod und dem ehemaligen Traum ihres Vaters änderte sich ihr komplettes Leben. Doch als sie James traf, drohte ihr Ziel aus den...