Alles kommt anders

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Hanna klappte der Unterkiefer hinunter, als sich die Tür öffnete. Dahinter stand eine zitternde Gestalt, die ihre Hände schützend vor ihr Gesicht hielt. Sie trug ein viel zu großes dünnes Shirt in Weiß und in ihren verknoteten Haaren hatten sich kleine Holzsplitter und Spinnenweben verfangen. Sie sah beinahe aus wie ein Gespenst und streng genommen war sie das auch. Die Haare in Hannas Nacken stellten sich auf. Das konnte nicht sein! Vega war tot! Sie hatte sie regungslos in diesem Sarg liegen sehen, sie selbst war es gewesen, die sie in ihrem eigenen Blut aufgefunden hatte, gemeinsam mit Riccardo! Und genau dieser hatte ihnen auch versichert, dass das Mädchen, das gerade vor ihnen stand nicht mehr am Leben war. Und das hatte sie auch geglaubt. Sie drehte sich zu dem Jungen, der genau so verdutzt schien wie alle anderen. Er stand dort mit weit aufgerissenen Augen und starrte fassungslos Vega an. Er formte mit den Lippen ein wortloses 'Aber...' ,dann fehlten ihm endgültig die Worte. Als erstes gewann Anouk die Fassung. Sie ging auf Vega zu und legte den Kopf schief. Vega zuckte zurück und ihre Augen füllten sich mit Tränen. ,,Vega, ich bin es, Anouk! Kannst du dich etwa nicht mehr an mich erinnern?", fragte Anouk. Langsam schüttelte Vega den Kopf. Anouk machte einen weiteren Schritt auf das Mädchen zu, doch das stellte sich als Fehler heraus. Vega erschrak und wich nach hinten zurück, wo die Treppenstufe aufhörte und geriet ins Taumeln. Hätte Anouk sie nicht rechtzeitig festgehalten wäre sie mit dem Hinterkopf auf die Kante einer der Stufen gefallen. ,,Meine Güte, du bist ja eiskalt!", rief Anouk entsetzt. ,,Wir sollten sie schleunigst aus diesem Keller heraus schaffen! Und holt eine Decke und trockene Sachen!", befahl sie den anderen. Riccardo riss sich aus seiner Trance und eilte Anouk zur Hilfe, indem er ihr half Vega die Treppe hoch zu kutschieren. Sarah zögerte auch nicht lange sondern rannte in Vegas Zimmer, um ihr wärmere Klamotten zu bringen, während Hanna eine Decke besorgte. Behutsam legten sie Vega auf die Couch vor dem Kamin und diese rollte sich sofort zu einer zitternden menschlichen Kugel zusammen. Anouk setzte Wasser zum kochen auf, damit Vega etwas warmes zu trinken hatte. Draußen, vor dem Fenster fiel der Schnee in großen Flocken vom Himmel hinunter und begrub den Boden unter einer immer dicker werdenden weißen Decke. Hanna stand auf und schloss die Kellertür, durch die kalte Luft in das beheizte Zimmer aufstieg. Sie war nach wie vor ziemlich verwirrt. Es standen einfach noch viel zu viele Fragen offen. Wie hatte Vega überleben können? Warum hatte Riccardo sie für Tod erklärt? Hatte er das mit Absicht gemacht? Weshalb konnte sich Vega an keinen von ihnen erinnern? Ihr Blick wanderte durch den Raum zu Vega. Hanna konnte sich nicht annähernd vorstellen was sie durchgemacht hatte, was für Qualen sie gelitten haben musste. Sie war auch froh darüber auch wenn ihr Vega natürlich leid tat, sehr leid sogar. Riccardo fing ihren Blick auf, kam ein paar Schritte auf sie zu und winkte Hanna zu sich heran. Sofort platzte Hanna die erste Frage heraus. ,,Wie kann das sein? Ich dachte, sie wäre tot!", zischte Hanna, eher aufgeregt als wütend. ,,Ich habe keine Ahnung!", versicherte ihr Riccardo. ,,Ich kann mir das genau so wenig erklären wie du. Es sah alles nach Herzstillstand aus, verursacht durch den enormen Blutverlust. Vega müsste eigentlich längst tot sein!". Hanna schauderte. ,,Du glaubst doch nicht etwa-". Sie brach ab als Riccardo energisch den Kopf schüttelte. ,,Nein, ich glaube nicht an Geister, falls du das denkst.". ,,Was ist es dann?", wollte Hanna wissen. Riccardo zuckte mit den Schultern, schwieg dann jedoch eine Weile, in intensiveres Nachdenken vertieft. Nach einigen Sekunden der Stille in denen Hanna Riccardos nachdenkliches Gesicht musterte, machte er schließlich den Mund auf und rückte mit der Sprache heraus. ,,Ich weiß es nicht. Es deutet alles auf ein... na ja... ein Wunder hin.". Hanna zog die Augenbrauen hoch und dachte darüber nach, was Riccardo soeben gesagt hatte. War er einfach zu feige zuzugeben, dass seine medizinischen Kentnisse doch nicht ganz makellos waren und er Vega aus einem gewaltigen Irrtum heraus für tot erklärt hatte oder war dies hier tatsächlich seine Erklärung für den schrecklichen Vorfall: -Ein Wunder?! Angesichts dessen, dass Riccardo schon nicht an Geister glaubte, hätte Hanna solch eine Antwort am wenigsten erwartet. Aber was er glaubte, war seine Sache. Hanna glaubte auch an Dinge, für die die meisten Menschen sie auslachen würden. Sie wollte bloß nicht, dass Riccardo das als Ausrede benutzte um seinen Fehler zu kaschieren, vorausgesetzt natürlich, er hatte überhaupt einen gemacht. ,,Und was denkst du, weshalb sie sich an keinen von uns erinnern kann?", fragte sie, statt weiter auf das vorherige Thema einzugehen. ,,Nun ja...", fing Riccardo an zu erklären. ,,Gedächtnisverluste sind gar nicht mal so selten nach Nahtod Erfahrungen. Vielleicht rührt ihre Amnesie auch einfach daher, dass sie sich den Kopf im Keller angestoßen hat, da unten war es immerhin stockfinster. Ist das überhaupt wichtig?". Hanna zuckte mit den Achseln. Riccardo warf den Kopf nach hinten und betrachtete Vega, die inzwischen eingeschlafen war und die Decke bis zu ihrem Kinn hochgezogen hatte. Am Fußende des Sofas lag eine Wärmflasche und auf dem Abstelltisch stand ein halb ausgetrunkener Tee. Vega sah wirklich fertig aus. Anouk bemerkte Hanna und den Jungen und gesellte sich zu ihnen. ,,Ich habe mir ihre Verletzungen mal angesehen. Es ist nichts sonderlich schlimmes, nur ein paar blaue Flecken und eine kleine Schürfwunde am Arm. In ihrem Finger habe ich noch einige Holzsplitter gefunden, aber das war auch schon alles. Sie scheint also soweit okay zu sein. Das was mir wirklich Sorgen macht ist ihr Blutverlust. Sie hat vor kurzem erst versucht Suizid zu begehen und ist nach wie vor geschwächt. Bisher sehen ihre Chancen das hier durchzustehen ganz gut aus, aber das kann sich ändern wenn wir uns nicht um sie kümmern. Es wird eine Weile dauern, bis sie wieder auf den Beinen ist und bis dahin braucht sie Ruhe.". Riccardo verdrehte die Augen. ,,Na super, das wird ja immer besser! Die Ferien fangen an, wir fahren zu einer abgelegen Berghütte, doch als zwei von unseren Leuten verschwinden und tot aufgefunden werden, da vergeht uns ganz schnell der Spaß. Wir wollen hier weg, doch ein Schneesturm hindert uns am gehen und draußen wird der Weg mit jeder Sekunde schwere, weil alles zuschneit. Wir können nicht mal Hilfe holen, denn unsere Handys haben in dieser Einöde keinen Empfang. Und das ist noch nicht mal alles! Dann kehrt eine für Tod geglaubte Freundin ins Leben zurück. Selbst wenn wir uns durch den Schneesturm schlagen könnten, dann würde sie das garantiert nicht überleben. Und zu allem Überfluss können wir natürlich den Rückweg nicht nur wegen des Schneesturms vergessen, sondern auch deshalb, weil ein Wahnsinniger da draußen rumläuft, der uns einen nach dem anderen abschlachten will- was ihm ja auch teilweise schon gelungen ist. Wisst ihr was? -Das sind die schönsten Ferien die ich je hatte!". ,,Jetzt beruhig dich doch erst mal!", forderte Hanna. ,,Ich soll mich beruhigen?! Ist das dein Ernst? Hier treibt ein kaltblütiger Killer sein Unwesen und ich soll mich beruhigen?! Du hast sie doch nicht mehr alle, Hanna!". Wütend starrte sie Riccardo an. Manchmal war er wirklich emotional. Und manchmal fand sie das richtig nervig. Er konnte das doch jetzt nicht einfach alles auf sie schieben! Idiot! Das Rascheln einer Bettdecke ließ sie alle herumfahren. Vega hatte sich so eben auf der Couch umgedreht und murmelte nun etwas unverständliches, bevor sie weiterschlief. ,,Man, beinahe hättet ihr sie aufgeweckt!", beschwerte sich Anouk. Sie war jetzt mindestens so angepisst wie Riccardo und Hanna. Hanna warf Riccardo einen letzten giftigen Blick zu, dann folgte sie Anouk, die den inzwischen kalten Tee wegschüttete. Es sah ganz danach aus, als müsse sie den Streit mit Riccardo begraben- fürs erste zumindest. Sie half Anouk dabei das Geschirr zu spülen, während Riccardo sich in den Sessel setzte. War ja klar!, dachte Hanna. Zu faul um mit zu arbeiten aber gut genug um andere anzuschreien. Die beiden mochten ihr Streitgespräch vielleicht vorerst verlegt haben aber sauer waren sie trotzdem, vor allem Hanna. Sie hatte Riccardo doch nie etwas getan, weshalb schrie er sie gleich so an. ,,Mach dir keinen Kopf, das hatte nichts mit dir zu tun.", sagte Anouk, als könnte sie Hannas Gedanken lesen. Ein bisschen unheimlich war die Vorstellung schon. ,,Ich glaube er gibt sich selbst die Schuld dafür, dass Vega diesen Albtraum durchleben musste. Das muss schrecklich sein in einem Sarg aufzuwachen und nicht zu wissen was los ist.",überlegte Anouk und vermutlich hatte sie recht was das betraf. Hanna grummelte ein leises 'Wenn du meinst' und fuhr damit fort Teller abzutrocknen. ,,Trotzdem muss er nicht gleich so austicken.", knurrte das Mädchen verärgert. ,,Und das dann auch noch an mir auslassen!". Mit jedem Wort redete sie sich mehr und mehr in Rage. ,,Was habe ich ihm denn jemals getan? Das ist so unfair!". Hanna stoppte, als sie bemerkte wie Anouk sie nachdenklich musterte. ,,Hanna, was ist los? So schlimm ist es doch nun auch wieder nicht." Hannnas Wut braute sich in ihr auf wie ein Tornado- aber nicht wegen Riccardo. Ihr Zorn auf den Jungen hatte in ihr alte Gefühle aufgeweckt, Gefühle, die sie zu lange verdrängt hatte, die sie gezwungener Maßen unter Verschluss gehalten hatte. Und diese Gefühle brachen nun in einem riesigen Wasserfall aus Trauer, Wut und Rachsucht über sie herein. Sie fühlte eine Menge Dinge- aber nicht für Riccardo, sondern für denjenigen, der für diese katastrophale Wendung der Ereignisse verantwortlich war, der ihre Freunde auf dem Gewissen hatte. Hanna drehte sich um und schmiss den Teller, den sie gerade noch abgetrocknet hatte gegen die Wand, sodass Vega aus dem Schlaf hochschreckte und Riccardo sich ruckartig umdrehte. ,,Geht es dir noch gut?!". Dieses mal schrie er wirklich so laut und verärgert, dass Hanna einen Grund gehabt hätte  auf ihn sauer zu sein, aber dem war nicht so. Sie war sauer auf den Mörder, die Hütte, die sie hier festhielt, auf die Grausamkeit der Welt und letzten Endes auch auf sich selbst. ,,Scheiße!", kreischte sie und ließ eine Tasse zu Bruch gehen. Dann schlug sie mit der Faust vor eine Wand und presste die Stirn daran. ,,Was ist das nur für eine Scheiße?". Sie hatte den Drang ihre Wut auszulassen und alles zu zerstören was ihr unter die Finger kam. Sie schielte zur Seite wo eine stark zitternde Vega saß und sie mit angsterfülltem Blick anstarrte. 'Reiß dich zusammen, Hanna! Willst du etwa noch mehr Schaden anrichten?' ,ermahnte sie sich selbst. Na toll! Jetzt hatte sie es auch noch geschafft ihre Freunde zu verstören. Sie ließ sich an der Wand hinunter sinken. ,,Tut mir... äh... tut mir leid.". Das Mädchen sah den Umstehenden nicht in die Augen, als sie diese Worte sagte. Sie konnte es nicht. Diese Situation war ja schon bizarr genug und nun auch noch diese völlig bekloppte Entschuldigung. Hanna hätte sich ohrfeigen können. Doch dann überwand sie sich doch und sah auf. ,,Es tut mir wirklich leid!"...

The cabinWo Geschichten leben. Entdecke jetzt