Zwischen Wahnsinn und Vernunft

26 6 0
                                    

Hanna brauchte eine Weile bis sie begriff, was Anouk da gerade gesagt hatte. Bela war wahrscheinlich noch am Leben! Sie bemerkte kaum, wie sich ihr ganzer Körper anspannte und sie die Kante des Stuhls, auf welchem sie saß, so fest umklammerte, dass ihre Fingerknöchel weiß hervor traten. In ihren Gedanken wiederholte Hanna den Satz immer und immer wieder: Bela ist noch am Leben... Bela ist noch am Leben! Was bedeutete das? Was bedeutete das für sie? Dass sie jeden Moment damit rechnen konnte, einen Bela sein Gesicht gegen die Fensterscheibe drücken zu sehen, der mehr tot als lebendig war? Und das wäre ja auch nicht der erste Fall, in dem jemand fälschlicher Weise für tot erklärt wurde. Nur zu gut konnte Hanna sich an den Vorfall mit Vega erinnern, der sich vor nicht allzu langer Zeit ereignet hatte. Wer erstand als nächstes von den Toten auf? Jan? Aber zur Zeit war ihre größte Sorge Bela. Das Mädchen sah zu Sarah, die mindestens genau so geschockt aussah, wie Hanna selbst. Kein Wunder. Sie hatte soeben heraus gefunden, dass der Junge, den sie liebte und den sie für tot gehalten hatte, wahrscheinlich noch lebte und unglaubliche Qualen durchlitt. Hanna atmete tief durch. Es konnte genau so gut sein, dass an Anouks Schlussfolgerungen gar nichts dran war. Sie war immerhin weder Gerichtsmedizinerin noch Ermittlerin und Hanna war sich sicher, dass auch ihr derartiges noch nie zu Gesicht gekommen war. Vielleicht mochte das mit den Kannibalen ja stimmen, was nun wirklich beunruhigend wäre. Aber das hieß ja noch lange nicht, dass es Bela war, der durch die Wälder irrte und Menschen verspeißte. Er konnte genau so gut selbst Opfer von Kannibalen geworden sein. In diesem Fall wäre es auch verständlich, weshalb er nicht mehr da war. Er war ganz einfach schon aufgegessen. Das mochte sich wohlmöglich herzlos anhören, aber im Grunde war es nur rationales Denken. Obwohl es wahrscheinlich nicht ganz so rational war, wie Hanna sich einbildete, denn gerade sie hatte einen Hang dazu, sich gedanklich beeinflussen zu lassen, zumindest im Moment. Aber so waren die Menschen eben- unterschiedlich. Sowohl in ihren Denkweisen als auch Verhaltensmustern und allem Anderen. Die einen bevorzugten ihr Wunschdenken, andere waren echte Pessimisten und wieder andere totale Realisten. Und Hanna? Die wusste beim besten Willen nicht wozu sie sich zählen sollte. Die Lage, in der sie sich befand, verwirrte sie erheblich und sie war sich sicher, dass sie das nicht als einzige betraf. Hier herrschte Ausnahmezustand und zwar für jeden. Schließlich raffte Hanna sich zusammen und teilte ihre Thesen mit den anderen: ,,Halt, halt, halt! Keine voreiligen Schlüsse! Vielleicht ist Bela ja wirklich tot. Vielleicht war er es ja gar nicht, der so grausam über Jan hergefallen ist. Vielleicht wurde er selbst zum Opfer von Kannibalen.". Das Mädchen bemerkte, wie Sarah ihre Tränen mit Mühe zurückhielt. Hatte Hanna Mitleid mit ihr? Sie hatte sich inzwischen so sehr an ihrer Theorie, dass Sarah die Mörderin war, festgebissen und so sehr daran gewöhnt, dass es für sie schon fast zur Wahrheit geworden war. Das merkwürdige daran war, dass sie sogar schon aufgehört hatte, diese zu hinterfragen. Egal wie viel Sarah auch durchmachen mochte, wie viele Qualen sie durchlitt, Hanna sah in ihr nur ein blutrünstiges Monster. Und sie bezweifelte, dass sich daran jemals etwas ändern würde. Als Aussenstehender stempelte man das höchstwahrscheinlich als Grausamkeit ab. Natürlich war Hannas Urteil über das Mädchen keines Wegs fair. Zu Anfang war ihr das auch noch bewusst gewesen, aber jetzt gab es für Hanna keinen sichtbaren Unterschied- nicht mehr. Die Behauptung, jeden in der Hütte ereile nach und nach der Wahnsinn, war wohl doch nicht so falsch. Man nahm immer an, man wisse, wenn der eigene Geist verrückt spielte, aber dem war nicht so. Denn wer sollte solch ein Urteil schon fällen, wenn nicht man selbst. Dem nach blieb den Bewohnern der Hütte nichts anderes übrig, als den Wahnsinn in ihren Mitbewohnern zu sehen, wobei sie irgendwann sich selbst komplett vergaßen. Wenn man zu lange Monster jagt wir man irgendwann selbst zu einem. Leider fiel keinem die tatsächliche Gefährlichkeit dieser Worte auf, am wenigsten Hanna. Wie auch, wenn man nur darauf bedacht war sich vor 'den Anderen' und ihren potentiellen Gefahren und Tricks zu schützen.Keiner hier fühlte sich stark, auch wenn einige so taten um dem Rest ein Gefühl von Stärke zu vermitteln. Hanna sah zu Riccardo und Anouk, auf die das wohl noch am ehesten zutraf. Manchmal schafften sie es tatsächlich das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe zu kräftigen, aber immer nur für einen begrenzten Zeitraum. Sobald man dann wieder allein auf seinem Zimmer saß kamen all die Befürchtungen wieder hoch. Außerdem waren Stimmung und Selbstvertrauen immer nur so gut, wie das während der Bedrohung durch einen Mörder möglich war- oder eine Mörderin, wie Hanna glaubte. Wie man es auch drehen und wenden mochte, es blieb aussichtslos. Ständig musste man aufpassen. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sich das nächste große Unglück ereignete. Jeder hier war eine tickende Zeitbombe und wenn die hochging, konnte alles mögliche passieren: Mord, Gewaltausbrüche, Suizid... Die Liste reichte fast bis ins Unendliche, was die Sache noch unberechenbarer machte. Genau wie die Menschen, die damit in Verbindung standen. Das schlimmste war die Ungewissheit darüber, was als nächstes geschehen würde. Die konnte man zwar nie haben, aber in einigen Fällen war das drastischer als in anderen und dieser hier war ganz ohne Zweifel einer von der extremen Sorte. Auch wenn das selbst verständlich keiner wahr haben wollte, so war es doch nötig dies einzusehen um sich selbst, und im besten Fall auch noch Weitere, schützen zu können. ,,Da ist was dran. Bela muss nicht am Leben sein.", sagte Anouk. Wow! Eigentlich war sie ja auf emotionaler Ebene neben Riccardo am feinfühligsten, aber diese Direktheit hätte Hanna nicht von ihr erwartet. Nicht, dass sie sonst nicht die Wahrheit sagte, aber für gewöhnlich drückte sie das... na ja... rücksichtsvoller aus. Wenn es schon so weit gekommen war, dass Höflichkeit einander gegenüber ein Luxus war, den sie sich nicht mehr leisten konnten, dann wusste Hanna auch nicht weiter. An erster Stelle stand erst einmal das eigene Überleben. Unter diesen Umständen litt selbstverständlich der soziale Faktor ihres Zusammenlebens erheblich, aber es war deutlich besser als gar nicht zu leben. Trotzdem war es grausam einer Welt beim Einstürzen zuzusehen, an die man sein ganzes Leben lang geglaubt hatte. Und letzten Endes war Hanna gezwungen sich die Frage zu stellen: Würde sei auch ihren eigenen Einsturz mit ansehen zu müssen? Oder mit anderen Worten: Sich selbst sterben zu sehen. Es war schon komisch sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen wann und wie man streben würde. Das war wirklich bedrückend. So langsam begann Hanna, Vega ,oder zumindest die Maßnahmen, die sie ergriffen hatte, zu verstehen. Das Mädchen hatte die Ungewissheit nicht ertragen können und ihr Schicksal in die eigene Hand genommen, in der Hoffnungen, ihr könnten Qualen erspart bleiben. Aber die Tatsache, dass das genaue Gegenteil eingetreten war, diente Hanna als Warnung. Hundert prozentige Sicherheit darüber, was mit ihr Geschehen würde, würde sie niemals erlangen. ,,Trotzdem musst du zugeben, dass die andere Möglichkeit mehr Sinn ergibt. Es ist einfach wahrscheinlicher, dass Bela nicht tot ist.", setzte Anouk ihre Erläuterung fort. Hanna zuckte nur mit den Schultern. Dabei war ihr das alles andere als egal. Ganz im Gegenteil. Es spielte eine große Rolle und sie machte sich wirklich Sorgen. Und vor allem hatte Hanna Angst. So große Angst, dass sie für den Rest der Konversation schweigend auf ihrem Stuhl saß, ohne wirklich mit zu bekommen, was die Anderen sagten. Es war, als wäre außer ihr niemand sonst da. Nur ihre Gedanken und inneren Dämonen, mit denen sie sich einen stillen Kampf der Vernunft lieferte. Aber ihr kamen immer mehr Zweifel, ob es so etwas wie Vernunft überhaupt noch gab. Wahrscheinlich nicht. Hanna konnte weder sich selbst, noch jemand anderem trauen...

The cabinWo Geschichten leben. Entdecke jetzt