Es war ein langer Flug.
Ich war zuvor in meinem Leben erst ein einziges Mal geflogen, als wir mit unserer Jahrgangsstufe einen Ausflug gemacht hatten, der uns in unwirtliches Gelände geführt hatte, welches nicht mit Bussen passierbar gewesen war. Der Flug damals hatte aber nur rund zwei Stunden gedauert, während ich am heutigen Tage bereits im vergehenden Morgenrot gestartet war und sich die Sonne nun bereits gefährlich weit dem Horizont entgegen neigte.
Die Solarzellen auf dem Flugzeugträger blitzten mich an, als sie die Strahlen des lebensspenden Planeten reflektierten. Ich wusste, dass sich die Menschen mit einem Treibstoff namens Kerosin in die Luft bringen ließen, der jedoch die Umwelt sehr stark belastete. Wir nutzten die Elektrizität, um das Flugzeug abheben zu lassen und schalteten dann auf die Solarzellen um, die den gesamten Mantel und die Flügel der Maschine pflasterten. Außerdem verzauberten die Oreaden die glänzenden Energiespeicher mit ihrer Magie so, dass sie die Sonne noch stärker nutzten.
Im Laufe der Reise waren wir über den spärlichen Wolken verschwunden, die sich zunächst verflüchtigt hatten. Wir waren eine lange Zeit über ein Meer geflogen, welches tief unter mir blau geglitzert hatte und mich von meiner Einsamkeit abgelenkt hatte. Immer wieder waren zuvor die Gesichter meiner Freunde in meinen Gedanken aufgeblitzt und Verzweiflung und Trauer hatten tief in mein Herz geschnitten, sodass mir immer wieder Tränen über die Wangen gerollt waren.
Da ich gewusst hatte, dass mir keiner zusah, hatte ich auch für niemanden stark sein müssen und meinen Gefühlen endlich freien Lauf lassen können. Ich vermisste bereits jetzt den süßen Duft von Lilyas Haaren und ihr aufmunterndes Lächeln, ebenso wie die starken Umarmungen von Aryan. Seine Küsse schienen mir so weit entfernt, als wären sie nie geschehen, doch zeitgleich meinte ich hin und wieder, die Erinnerung an das Brennen seiner Lippen auf den meinen zu spüren. Doch wenn ich mir dann über die Lippen gestrichen hatte, war das Gefühl wieder so schnell verflogen, wie es gekommen war.
Nachdem wir das Meer hinter uns gelassen hatten, waren unter uns karge, von weißem Schnee bedeckte Gipfel aufgetaucht. Irgendwann hatten mir jedoch weiße Wolken den Blick auf die Berge geraubt und meine Gedanken waren in dem endlosen Weiß und Blau vor meinen Augen wieder zurück zu den Geschehnissen gewandert, die hinter mir lagen.
Würde Milo den anderen erzählen, was ihm widerfahren war? Oder würde er lügen? Was genau wussten Lilya und Aryan nun über die Situation, was hatte Ayala ihnen erzählt? Wie würde es mit Ayala und Milo im Allgemeinen weitergehen? Würde sie daran zerbrechen, was er ihr angetan hatte, war meine Hilfe zu spät gekommen? Hatte ich nicht stark genug versucht, sie zu überzeugen, hatte ich die falsche Methode gewählt?
Es gab so viele Fragen, die in meinem Kopf umher spukten, doch ich fand keine einzige Antwort darauf.
Irgendwann schläferte mich die immerwährende Gleichheit meiner Umgebung so ein, dass ich in einen leichten Schlummer verfiel. Als ich wieder erwachte, waren die Wolken unter mir deutlich dunkler geworden, jedoch nach wie vor komplett undurchdringlich. Das kleine Flugzeug glitt nicht mehr ganz so ruhig durch die Luft wie zuvor, sondern wurde hin und wieder ein Stück nach links oder rechts geworfen, oder sackte gleich ein ganzes Stück ab.
Jedes Mal stockte mein Atem und ich grub meine Hände in die hellen Sitzlehnen, sodass sich meine Fingernägel darin abzeichneten, als ich sie wieder los ließ. Ich hatte keine Ahnung, wer diese Maschine flog und konnte nur auf das Können des Piloten vertrauen. Ich spürte, wie sich mein Magen zusehends drehte und mir leicht übel wurde. Ich wusste nicht, ob es vor Hunger war oder weil wir in Turbulenzen geraten waren, aber es war mir auch ganz egal, denn ich war viel zu sehr damit beschäftigt, mich abzulenken und den Schwindel in meinem Kopf und Bauch zu beruhigen. Ich strich mit meinen Fingern seitlich über das Saphirherz in meiner Hand, fuhr seine Rundungen nach und die untere Kante und glitt über die Kette, während ich es fest gepackt hielt. Ich bemühte mich darum, an Aryan zu denken, mich auf seine zärtlichen Berührungen zu konzentrieren und an die Leidenschaft, die ich empfunden hatte, bis ich beinahe seinen einzigartigen Duft in meiner Nase zu spüren glaubte und seine dunkle, wohlbekannte Stimme, die mir neckende Worte ins Ohr flüsterte.
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Nymphenkuss
Fantasi{ ABGESCHLOSSEN } Einige Momente lang durchdrang lediglich das Rascheln der Blätter um uns herum die Stille, dann untermalte ich sie mit leisen Worten. „Du, Aryan?" „Ja?" „Wie lange wird das Saphirherz eigentlich leuchten?" „Solange ich lebe und du...
