Brax öffnete die Türe vor uns und bedeutete mir mit einem schelmischen Grinsen und einer galanten Armbewegung, als Erste hindurch zu treten. Vor ihm lief ich eine lange und recht steile Treppe empor, die mir den Weg zum einem weiteren Raum ebnete. Staunend betrachtete ich den Anblick, der sich vor meinen Augen offenbarte, als ich die Tür vor mir öffnete.
Links von mir schlängelte sich eine steinerne Wendeltreppe ihren Weg hinauf zum nächsten Stockwerk. Im ganzen Raum waren drei lange Tische verteilt, an denen einige Layphen saßen und sich ihr Frühstück schmecken ließen. An der Steinmauer zu allen vier Seiten des Raumes schmückten einige in Naturtönen gehaltene Bilder den grauen Hintergrund. Das Schönste war jedoch eine lange Fensterseite, die den Blick hinaus in den strömenden Regen offenbarte und das Meer direkt unter uns erkennen ließ, das von einigen Steilklippen regelrecht abgeschnitten wirkte. Meine Umgebung gänzlich vergessend, eilte ich zu der Fensterseite und betrachtete die Schaumkronen, die die unruhigen Wellen des dunklen Wassers bildeten und die Gischt, die mit einer unglaublichen Kraft an die Klippen schlug und in noch feinere Tropfen zerteilt wurde.
Selbstverständlich hatte ich als Nereide schon einige Male das Meer gesehen, doch in unserer Akademie hatten wir lediglich stets freien Zutritt zum See gehabt. Die Ausflüge zum Ozean waren immer etwas Besonderes gewesen, das meiner Meinung nach stets eine zu kurze Zeitspanne umfasst hatte, die viel zu schnell vor meinen Augen davon gezogen war. Und obwohl das Meer unter mir so kraftvoll und unbändig wirkte, dass es sicher vielen Neyen Angst und Respekt eingeflößt hätte, fühlte ich mich zu ihm hingezogen, sodass meine Nase vor lauter Sehnsucht beinahe die Glasscheibe berührte.
„Man könnte meinen, du seist süchtig", riss mich Brax' amüsierte Stimme aus meinen Gedanken zurück in die Gegenwart und ich spürte seine Präsenz neben mir. Ich zuckte zusammen, als hätte er mich aus einem Traum gerissen und wandte mich um.
„Haha, sehr wit-", begann ich und stockte dann abrupt. Erst jetzt realisierte ich wieder, wo ich mich befand und meine Blicke irrten wild durch den Raum. Wie hatte ich vergessen können, dass dieser Raum voll von Layphen war?!
Gut dreißig Augenpaare starrten mich aus den unterschiedlichsten Richtungen an. Einige hatten sich auf ihrer Bank sogar umgedreht, um einen Blick auf mich zu erhaschen. Ihre goldenen Augen schienen sich regelrecht in mich hinein zu bohren. Ich wich ein Stück zurück, sodass ich die kalte Scheibe hinter mir an meinen Armen spürte und schluckte schwer. Ich fühlte mich in die Situation zurückversetzt, als ich zum ersten Mal Navarra begegnet war, mit dem hauchfeinen Unterschied, dass mir nun mehr als ein Layph gegenüber stand und ich außerdem direkt das Wissen darüber besaß, wer sich da wenige Meter vor mir befand.
Meine Kehle schnürte sich zu und mein Körper spannte sich an, während mir ein feiner Schweißtropfen aus Anspannung und Angst den Nacken hinab perlte. Verschwinde, Scheibe und Meer, verschling mich bitte.
Absolut alles war besser, als hier wie ein Kaninchen vor der Beute zu stehen und darauf zu warten, dass irgendjemand darauf auf den Einfall kam, dass unser Abkommen Schwachsinn war und sich über das Verbot hinweg setzte, mich zu verspeisen.
„Serena? Geht es dir gut?" Zart fragend drang die Stimme des Layphen neben mir an mein Ohr und sein besorgter Blick schob sich in mein Sichtfeld. „Du wirkst etwas blass."
Ich antwortete nicht auf seine Frage und fühlte mich auch ganz und gar nicht dazu in der Lage, in nächster Zeit auch nur einen Laut über meine Lippen zu bringen. Stattdessen bewegte ich meinen Kopf ein wenig nach rechts, um an Brax vorbei zu schauen und die anderen Layphen im Blick behalten zu können, um im Notfall die Flucht antreten zu können. Wenn alle so wasserscheu waren wie Brax, dürfte es nicht allzu schwer sein, sie irgendwo abzuhängen.
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Nymphenkuss
Fantasy{ ABGESCHLOSSEN } Einige Momente lang durchdrang lediglich das Rascheln der Blätter um uns herum die Stille, dann untermalte ich sie mit leisen Worten. „Du, Aryan?" „Ja?" „Wie lange wird das Saphirherz eigentlich leuchten?" „Solange ich lebe und du...
