{ 50. Kapitel }

1.7K 181 60
                                        

Erst, als ich in meinem Zimmer ankam, fiel mir auf, dass ich das Buch neben dem Gebüsch liegen gelassen hatte. „Verdammt“, fluchte ich leise. Was war nur mit mir los?

Damit meinte ich nicht nur die Vergesslichkeit, die mich heute geplagt hatte oder meine Unvorsichtigkeit. Meine Gedanken waren erfüllt von…Cyrion.
Du weißt, was mit dir los ist, antwortete mein Verstand nachträglich. Du stehst auf ihn. Auf Cyrion.

Ich knirschte mit den Zähnen. Das konnte und durfte nicht sein. Es musste am Mond liegen. Hier in der Akademie – oder besser gesagt, draußen in der Natur schien er mich stärker zu beeinflussen als Zuhause.  Wie sollte es erst in der nächsten Woche werden? Noch blieben mir ein paar Tage, bis der Vollmond am Himmel stehen würde, aber es wurde merklich schlimmer und meine Gedanken teilten mir nur zu deutlich mit, was sie wollten – abgesehen davon, dass sie meinem Körper Reaktionen entlockten, die mich in Teufels Küche brachten.

Dabei war es nicht so, dass ich an meiner Treue zu Aryan zweifelte. Ich würde ihn nie hintergehen und betrügen.

Nun, theoretisch würde ich das nie. Andererseits war ich seit nicht mal einem Monat seine zukünftige Gefährtin und hatte mich zudem noch nie abseits meiner ursprünglichen Akademie befunden, ohne eine Lilya, die mich im Auge behielt, allein mit dem Mond konfrontiert, der eine viel stärkere Wirkung auf mich zu haben schien, als es für gewöhnlich der Fall war.

Was soll ich nur tun? Mich von Cyrion fern halten?

Ein Teil meines Körpers teilte mir deutlich mit, dass dies vermutlich der beste Weg war, während sich ein anderer Teil von mir dagegen sträubte. Und ich konnte nicht sagen, welcher überwiegte.
Was sollte ich ihm sagen? Dass ich unser Training abbrechen wollte? Und dann nach dem Vollmond wieder plötzlich zu ihm gehen und sagen, dass ich meine Meinung doch wieder geändert hatte? Er würde mir nur den Vogel zeigen und vermutlich ohne ein Wort zu erwidern, weggehen, wenn ich ihm keine vernünftige Erklärung dafür geben konnte.

Und die Wahrheit sagen konnte ich ihm unmöglich. Dann müsste ich zugeben, dass ich mich augenblicklich zu ihm...hingezogen fühlte und überhaupt war mir das Ganze unangenehm. Und wer wusste, ob er meinen Zustand an Vollmond nicht ausnutzen würde oder jemand anderem davon erzählte? Mein Herz sagte mir zwar, dass ich ihm vertrauen konnte, aber ich kannte ihn kaum und wollte kein Risiko eingehen.

Ich schüttelte den Kopf. Wie ich es auch drehte und wendete, ich musste mich einfach darum bemühen, diesem Drang irgendwie zu widerstehen und bloß nicht am Abend oder in der Nacht mit ihm oder einem anderen Layphen zusammen sein. Auch wenn weder bei Brax oder Quil irgendein verräterischer Gedanke aufgekommen war…ich vertraute meinem Körper nicht, wenn er unter dem Monddrang stand.

***

Am Nachmittag machte ich mich auf den Weg zum üblichen Trainingstreffpunkt. Da es den Tag über recht warm geworden war, hatte ich mich für eine kürzere Hose und ein einfaches Top entschieden. Meine Haare waren zu einem hohen Zopf zusammen gebunden. Als ich die Tür öffnete, stolperte ich beinahe über das Lehrbuch, das ich heute nach meiner kleinen…Exkursion vergessen hatte. Als ich es hoch nahm, lag darunter ein kleiner weißer Zettel. Ich faltete ihn auf und überflog die wenigen Worte, die in geschwungener, leicht seitlicher Schrift auf ihm nieder geschrieben worden waren.

Du brennst wirklich darauf, dir die Kampftechniken so schnell wie möglich anzueignen, nicht wahr?
C.

Ich spürte, wie Hitze in meine Wangen stieg. Ja, damit konnte ich meine Hoffnung offiziell auf einem lodernden Scheiterhaufen verbrennen. Er hatte mich also wirklich gesehen. 

Allerdings war es tatsächlich praktisch, dass Cyrion sich schon eine Ausrede für mich überlegt hatte. Das ersparte mir eine ausgedachte Erklärung meines Verhaltens.
Ein wenig unschlüssig packte ich den kleinen Zettel neben Lilyas und Aryans Briefe auf den Nachttisch neben meinem Bett und machte mich danach endgültig auf den Weg zur Lichtung im Wald. Als ich dort angelangte, erwarteten mich bereits die beiden Layphen, die mir in der Akademie am nächsten standen.

Nymphenkuss Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt