Kapitel 11: Schutz

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Erwin und Mike kamen schon am Nachmittag an ihrem alten Arbeitsplatz an. Vorsichtig sahen sie sich um während sie sich hinter einem Auto am Straßenrand versteckten. Eine Art Patrouille ging an ihnen vorbei und gerade als Erwin und Mike dachten, sie seien in Sicherheit, hörten sie aus der Richtung, aus der die Gruppe gekommen war, ohrenbetäubenden Lärm. Waffen wurden abgefeuert, Menschen schrien um ihr Leben und kurz darauf hörte man animalisches Grollen - doch die beiden Polizisten zweifelten stark daran, dass es sich dabei wirklich um Tiere handelte ...

Auf den ganzen Lärm folgend, kam auch die Patrouille zurückgelaufen und beinahe hätten sie dabei die beiden blonden Männer entdeckt, doch offenbar wollten sie lieber ihren Blutdurst - oder wie auch immer man das bezeichnen mochte - stillen.

Mehrere Minuten noch hörte man das Grollen und Grunzen, einzelne Worte, die geschrien wurden, erneutes Schreien - heiser und wütend.

Erst nach fast zehn Minuten wurde es langsam wieder ruhiger. 
Mit dem Rücken drückte Erwin sich an die Tür des Autos und presste die Lippen und Augen zusammen. Als er sie langsam wieder öffnete, sah er zu Mike, der sich verzweifelt die Ohren zuhielt, doch die Schreie hatte er trotzdem gehört. Einen Moment noch wartete Erwin, dann legte er Mike eine Hand auf den Schenkel und sah ihn durchdringend an:"Mike ..."


Der Größere schüttelte den Kopf und flüsterte leise - so leise, dass man ihn kaum hörte:"Ich kann das nicht mehr ... Was machen die nur mit den Menschen? Warum töten sie alle ...?"


"Ich weiß es nicht ... Aber wir müssen ins Gebäude. Dort sind wir sicherer", sagte Erwin und griff nach Mikes Hand als er diese von seinen Ohren nahm, um sie zu drücken:"Komm."


Mike atmete noch mehrmals durch, ehe er leicht nickte und mit weichen Knien aufstand. 
Sie liefen zwischen die parkenden Autos, deren Besitzer wohl nie mehr mit ihnen wegfahren würden. Kurz checkten sie beide Seiten der Straße ab. Erst als sie sich wirklich sicher sein konnten, dass man sie nicht entdecken würde, überquerten sie die ehemalige Hauptstraße und liefen zur Polizeiwache. 
Als Erwin durch die große Glastür blickte, sah er, dass innen alles verwüstet, aber immerhin frei von Biestern war. Er biss sich auf die Lippe und drehte sich zu Mike, der mit einem kurzen Nicken zu verstehen gab, dass er aufpassen würde. 
Erwin lächelte leicht und betrat dann vorsichtig das Gebäude. 
Die zweite Glastür war zur Hälfte zerstört und lag in Scherben mitten im Weg. Als Erwin darüber lief, knirschte das zerbrochene Glas unter seinen festen Sohlen. Er atmete tief durch und ging weiter.

Es dauerte etwas, doch schließlich hatte Erwin die untere Etage durchsucht und sichergestellt. Biester gab es keine. Ebenso wenig aber auch keine Waffen. Und - was Erwin eigentlich am meisten wunderte - keine Leichen. 
Auf ihrem Weg hatten sie mehr als genug davon gesehen, doch je mehr sie sich der Stadt näherten, desto weniger Tote waren zu sehen gewesen. Hieß das, dass die Biester sie wegschafften? Oder ... aßen sie sie schlicht und einfach auf?!
 Bei dem Gedanken musste Erwin würgen und er hatte Mühe, sich nicht zu übergeben. Aber noch hatten er und Mike kein feste Nahrungsversorgung, weshalb er sich zu viel Flüssigkeitsverlust einfach nicht leisten durfte.

Er nahm seine Waffe runter und ging wieder zum Eingang, wo er Mike mit einem leisen Pfiff nach drinnen holte. Der Riese kam rein und sah sich kurz um:"Sollen wir versuchen, die Tür zu verriegeln? Es ist Panzerglas, das können die nicht zerstören."


Erwin nickte etwas:"Ja, aber vielleicht sollten wir dann auch nach den Fenstern gucken."


Die beiden Männer schafften alles heran, womit sie es den Biestern zumindest erschweren würden, in das Gebäude zu kommen. Mike fand schließlich noch den Schlüssel für die Außentür und konnte diese immerhin abschließen. 
Dann machten sie sich daran, das nächste Stockwerk zu erkunden, wobei sie auch hier nur auf Chaos trafen.

"Meine Güte ... Die haben fast alles hier zerstört", murmelte Erwin und schob mit dem Fuß ein zertrümmertes Regal beiseite, um in eines der alten Büros zu treten:"Die Technik ist auch zerstört."


"Na ja, immerhin müssen wir nicht mehr so viel Geld für das Knabberzeug und die Softdrinks bezahlen", meinte Mike am anderen Ende des Flures, wo er auf einen umgeschmissenen Snackautomaten zeigte, dessen Scheibe gesprungen war.

"Immerhin etwas", sagte Erwin mit einem schwachen Lächeln:"Ich würde sagen, wir gucken uns noch bis oben hin durch und kommen dann wieder hier hin. Dann kriegen wir am ehesten mit, wenn unten jemand reinkommt."


Mike war damit einverstanden und so suchten sie noch die restlichen drei Etagen ab, doch wirklich anders war das Bild dort auch nicht. Blut und Chaos, aber keine Leichen und ebenso wenig Waffen.

Als sie mit allem fertig waren, war es schon fast Abend. Es war dunkel im Gebäude, ohne das kalte Licht, welches sonst die Gänge und Büros erleuchtete, doch Mike und Erwin entschieden sich dagegen, mit Kerzen oder Taschenlampen Licht zu machen. Von draußen sah man das schließlich sofort.

Also gaben sie sich damit zufrieden, eines der Büros nahe am Treppenhaus möglichst freizuräumen, ehe sie eine Couch aus dem ehemaligen Pausenraum dort hintrugen und abstellten.


"Ich übernehme die erste Wache", sagte Mike und setzte sich an das Fenster im Büro. Erwin blickte zu ihm und dann auf seine Armbanduhr. Halb sechs. Eine absurd frühe Zeit, um einzuschlafen, aber er spürte, wie die viele Bewegung und das ständige Aufpassen an seinen Kräften zerrte. Auch wenn er ebenso gut hätte Wache halten können, war er dennoch dankbar für den Schlaf, den er erstmal kriegen würde.

Er legte sich auf die viel zu kleine Couch und betrachtete Mike noch eine Weile bis ihm schließlich doch die Augen zufielen und er in einen unruhigen Schlaf fiel.


Abrupt riss er die Augen auf als Mike ihn rief. Er brauchte ein paar Augenblicke, um wach zu werden und setzte sich mit einem leichten Schwindelgefühl auf:"Mike? Was ist?"


"Komm her", wisperte der Riese und sah zu ihm. Inzwischen war es richtig dunkel geworden und Erwin dachte, es sei mitten in der Nacht, doch als er auf seine Uhr sah, stellte er fest, dass erst zwei Stunden vergangen waren. 
Er strich sich das Haar zurück und kam dann zu Mike ans Fenster:"Was ist denn?"


"Da vorne", Mike drückte den Finger leicht gegen die Fensterscheibe:"Da vorne ist eine kleine Gruppe ... Ich glaube, es sind normale Menschen. Sie verstecken sich immer hinter den Autos. Siehst du sie?"


"Ja ...", murmelte Erwin nachdem er die Gruppe entdeckt hatte:"Oh Mann ... wer kommt denn auf die Idee im Dunkeln hier rumzula-"


Er stockte und weitete die Augen. Einer aus der Gruppe hatte eine Taschenlampe angemacht und damit kurz in der Gesicht einer Person geleuchtet. Nur ein kurzer Augenblick und doch war Erwin sich ganz sicher:"Levi!"

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