"Louis!"
Die laute Stimme liess den ängstlichen Jungen zusammen zucken. Er hasste es, wenn jemand seinen Namen laut schrie.
Es war ungewohnt, dass sein Bruder ihn überhaupt beim Namen rief.
Normal kam so etwas wie 'Schwuchtel, Schwuli' oder ähnliches.
Louis war eigen. Er trug nicht die typischen Jungsklamotten, sondern liess sich oft von der Masse abheben. Doch er stand dazu.
Manchmal setzte er seine geliebte Blumenkrone auf. Doch das war wirklich selten.
An diesen Tagen hatte er etwas mehr Mut und Selbstbewusstsein als sonst. Dann traute er sich auch mal was.
Die Zimmertür krachte mit einem lauten Knall auf. Louis' grosser Bruder starrte ihn mit einem undefinierbarem Blick an.
Sofort verkrampfte der Kleinere sich. Er versuchte sich möglichst klein zu machen und hoffte, dass heute alles anders aussehen würde als sonst.
Seine Hoffnung, dass sein geliebter grosser Bruder irgendwann zu dem Mensch wurde, den er erhoffte, verblasste noch nicht.
Jedenfalls noch nicht.
Mit festen Schritten trat Harry näher, sah auf das kleine Bündel hinunter, das zusammen gekauert auf dem Bett lag.
Sein Blick wurde etwas weicher, als er das verängstigte Gesicht sah.
Nachdenklich musterte er den Kleineren, ließ sich dann auf die Bettkante nieder.
Sofort zuckte Louis zurück, versuchte möglichst viel Abstand zwischen die beiden zu bringen.
Harry zog eine Augenbraue nach oben. Hatte er wirklich so grosse Angst vor ihm? Scheinbar.
Dabei war er doch gar nicht unfreundlich zu ihm gewesen. Ja okay, er gab es zu.
Vielleicht ein- bis zweimal als er ihn beleidigte, aber was war schon dabei. Machten Geschwister doch ständig.
Hätte er gewusst wie sehr das seinen kleinen Bruder verletzte, hätte er es natürlich gelassen.
"Sag mal, hättest du Lust morgen mit mir etwas zu unternehmen?"
Es kam überraschend. Selbst der Lockenkopf war immer noch nicht sicher, wie diese Idee sich in seinen Kopf geschlichen hatte. Und wieso er sie auch noch umsetzte.
Mit grossen Augen blickte Louis seinen Bruder an. Das konnte er unmöglich ernst meinen. Das war doch ein Scherz.
Aber der Wuschelkopf wusste, dass Harry so gut wie nie Scherze machte, also stellte er dies in Frage.
Wie betäubt nickte er und setzte sich langsam auf. Seine verkrampfte Haltung entspannte sich, jeder Muskel liess locker.
"K...klar", stotterte er dann und lächelte ein klein wenig.
Auch Harry musste nun lächeln. Er hatte seinen Bruder schon ewig nicht mehr glücklich gesehen.
Louis stotterte seit er denken kann. Er konnte keine ganzen Wörter heraus bringen, ohne das seine Zunge sich verheddert. Manchmal war es so schlimm, dass er die ein oder andere Träne verdrückte und dann einfach schwieg.
Er besuchte Mittwochs einen Sprachkurs aber er muss zugeben, dass momentan dies auch nichts brachte. Der Kleine machte kaum Fortschritte.
"Gut. Morgen um 10 Uhr an meinem Auto", zwinkerte Harry nun gut gelaunt und spazierte wieder in sein Zimmer. Er wusste selbst nicht genau wo diese gute Stimmung her kam.
