Der junge Mann fasste sich spielerisch mit der Hand aufs Herz. "Autsch! Der Wagen ist mein ganzer Stolz."
Leiser fügte er hinzu: "Außerdem ist das der aktuelle F82 Competition."
"Hm...", machte ich nur "Meinst du deine 450PS beeindrucken mich jetzt?"
Ungläubig blickte er mich an. "Tun sie es etwa nicht?"
"Ich verrate dir mal ein Geheimnis:" Mit dem Zeigefinger deutete ich ihm ein wenig näher zu kommen "Es braucht mehr, als ein Serienauto, bei welchem man ein Gewindefahrwerk und andere Felgen draufklatscht um mich wirklich zu beeindrucken."
Mit großen Augen erwiderte er meinen Blick. "Ach und was hat dein Dodge alles?"
Ich lachte nur. "Wenn ich damit anfange, sitzen wir morgen noch hier."
Daraufhin wusste er offensichtlich nichts mehr zu sagen, also streckte er mir die Hand entgegen.
"Versuchen wir es doch, wie normale Menschen: Ich bin Noah, darf ich dich vielleicht auf einen Drink einladen?"
"Talia.", erwiderte ich nur knapp und lächelte. "Nur musst du mit dem Drink noch warten, bis ich den hier..." Kurz hob ich meine blau-silberne Dose an. "Fertig bin."
"Die Zeit nehme ich mir doch gerne." Er schenkte mir ein ehrliches Lächeln und bestellte sich ebenfalls etwas alkoholfreies.
"Wir Fahrer müssen immerhin zusammenhalten.", erklärte er auf meinen fragenden Blick.
"Da gebe ich dir Recht. Wie viele Leute musst du nachher in der Gegend verteilen?", fragte ich und hoffte so ein normales Gespräch zum Laufen zu bringen.
Er stöhnte und fuhr sich durch die Haare. "Ähm... Vier meiner Jungs, du?"
"Nur meine beste Freundin." Aus dem Augenwinkel heraus, sah ich besagte Freundin gerade mit einem Typen an der Hand in Richtung Terrasse verschwinden. Seufzend zog ich die Augenbrauen in die Stirn. Jeder in diesem Club wusste, wofür genau man auf die dunkle Terrasse verschwand.
"Kann es sein, dass ich dich kenne?", lenkte Noah meine Aufmerksamkeit, wieder auf sich.
"Ähm, nicht dass ich wüsste.", erwiderte ich und musste über seinen lahmen Anmachspruch grinsen.
"Doch.", beharrte er. "Du bist doch häufig an der alten Bundesstraße. Du fährst Rennen."
Ertappt barg ich den Kopf in den Händen. "Gelegentlich findet man mich da."
"Ich wusste es! Ich wusste es in dem Moment, in dem ich dich auf den Parkplatz gesehen hab.", jubelte er und ich war mir nicht ganz sicher, ob ich mich jetzt freuen sollte, oder lieber nicht.
Der Bass und die Musik wurden immer lauter und es war mittlerweile unglaublich schwer, seine eigenen Gedanken hier drin noch zu hören, daher war ich Noah echt dankbar, als er vorschlug, dass wir uns ein wenig nach oben in die Chill-Area setzen sollten.
Stöhnend plumpste ich in einen der Korbsessel und ließ den Blick über die Menschen gleiten. Sie schienen alle unbeschwert, oder unglaublich betrunken.
Suchend drehte ich mich nach Noah um. Irgendwie schien ich ihn in der tosenden Masse verloren zu haben. Gerade als ich mich meinem Schicksal ergeben hatte, doch alleine die halbe Nacht hier oben zu sitzen, schob sich ein großer Schatten in mein Sichtfeld.
"Was tust du hier?", fragte ein muskelbeladener Schrank, dessen Augen irgendwie glasig schienen.
Was er wohl eingeworfen hatte? Eigentlich wollte ich es lieber nicht erfahren.
"Bitte?", fragte ich ihn und versuchte zu verstehen, ob er absolut zugedröhnt oder komplett irre war.
"Du solltest hier nicht in so schlechter Gesellschaft deine Zeit verbringen. Er spielt für die Gegenseite.", erklärte der Fremde.
Mein Kopf fing an zu rattern.
Meinte er Noah?
Noah fuhr einen BMW, wie gefährlich konnte er schon sein? Für wen könnte er arbeiten? Gab es jemanden aus einem anderen Rennteam, den ich mal abgezogen hatte und der sich jetzt rächen wollte, weil ich sein Ego geknickt hatte? Nein, mit Sicherheit nicht. Wir Fahrer hatten einen Kodex, zumindest in meiner Stadt.
"Ich glaube du verwechselst mich. Kann ich dir helfen? Was hast du genommen?", fragte ich und bildete mir ein, dass seine Augen für einen Moment komplett schwarz waren.
"Er wird kommen. Du gehörst zu ihm." Seine Stimme war fest und es schien, als würde er wirklich an den Unsinn glauben, den er da faselte.
Als ich ihn nur leer und abwägend anstarrte, fuhr er fort:
"Machen dir die verschwundenen Mädchen denn gar keine Angst? Fürchtest du nicht das Wesen von dem alle reden? Immerhin ist heute Vollmond. Hast du keine Angst, dass du die nächste sein könntest, die er zu sich holt?"
Trocken schluckte ich. Seit einiger Zeit drehte die gesamte Stadt durch. Sogar die Landesnachrichten, hatten von den mysteriösen Entführungsfällen berichtet. Ersten Gerüchten zufolge gab es wohl einen Serienmörder in unserer Stadt, dem es gefiel an Vollmondnächsten Angst und Schrecken über die weibliche Bevölkerung zu bringen.
Bis jetzt hatte ich dem Ganzen nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Einige Frauen waren wieder aufgetaucht und konnten sich nicht dran erinnern, was passiert war. Einige blieben verschwunden.
Die Polizei konnte sich nicht erklären, was vorging und war - verständlicherweise - am Verzweifeln.
Erst vor wenigen Tagen hatte man angeblich eine blutleere Leiche am Flussrand gefunden.
Was das aus einer friedlichen kleinen Stadt wie unserer machte, musste ich wohl nicht genauer erklären.
Viele glaubten an einen Serienmörder, andere an eine Sekte oder Satanisten. Sogar das Wort Vampir, war zwei Orte weiter auf der Titelseite gelandet.
Das hier irgendetwas vorging, war nicht mehr zu leugnen. Aber bis jetzt hatte ich mir noch keine großartigen Gedanken darüber gemacht. Mein Alltag blieb derselbe.
"Kollege...", begann ich, stand auf und machte eine beruhigende Geste mit den Händen. "Ich glaube du solltest dir dringend Hilfe holen."
Genau in diesem Moment vibrierte mein Handy in meiner Hosentasche und ich zog es hervor.
Sechs verpasste Anrufe von meiner kleinen Schwester.
Mary...
Irgendetwas stimmte hier nicht. "Woher...", wollte ich den komischen Typen fragen, aber er war weg.
Einfach verschwunden. Als wäre er niemals da gewesen.
Noah, der in diesem Moment, mit zwei neuen Dosen RedBull wieder vor mir auftauche, sah mein kreidebleiches Gesicht. "Was ist passiert?"
"Ich muss los! Meine Schwester... Es gibt einen Notfall! Ich muss weg!", versuchte ich zu erklären und wartete gar nicht mehr auf seine Antwort, sondern mache mich auf die Suche nach Cassy.
Ich fand sie auf dem Weg zum Ausgang, in der Mitte der Tanzfläche. Eng umschlungen mit einem attraktiven jungen Mann.
Als sie mich sah, löste sie sich augenblicklich von ihm und kam mir entgegen. Sie erkannte die Panik in meinem Blick, ohne dass ich etwas sagen musste.
Ich zeigte ihr die verpassten Anrufe auf meinem Handy und sie nickte nur.
Sie wusste, dass meine kleine Schwester alles für mich war und ich für ihre Sicherheit über Leichen gehen würde.
"Lia, fahr bitte vorsichtig. Es hilft keinem von euch, wenn du dich jetzt totfährst!", rief sie über die Lautstärke zu mir.
"Ich versuche es!", schrie ich zurück.
"Los jetzt! Lass mich wissen, wenn irgendwas ist. Ich finde dann schon einen Weg zu euch zu kommen!" Sie umarmte mich schnell und dann rannte ich los zur Garderobe.
Als ich sah, wie viele Leute da anstanden, drehte ich mich auf dem Absatz um und rannte aus dem Laden.
Wieder einmal bestätigte sich, warum ich nie darauf verzichtete, meinen Autoschlüssel dicht bei mir zu haben.
Gestresst stieß ich die Türen des Clubs auf und rannte mit wehenden Haaren über den Parkplatz.
Quietschende Reifen und helle Rückleuchten, waren das letzte was man von mir sah, bevor ich mich in den Verkehr drängte.
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Schwingen der Nacht
FantasyTalia ist ein 19-jähriges Mädchen, dass ihr Leben in vollen Zügen genießt. An das Gerücht, dass in ihrer Stadt rumgeht glaubt sie nicht wirklich. Darin heißt es, dass jeden Vollmond ein geflügeltes Wesen von unmenschlicher Schönheit in ihrer Stadt...
