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Nachdem ich eine Woche lang das Haus nicht verlassen konnte, stehe ich jetzt wieder vor unserer Schule. Das Abdecken hat beinah über eine Stunde gedauert, ist dafür aber auch gut gelungen. Selbst die Beweise meiner schlaflosen Nächte, die tiefen Augenringe sind beinah verschwunden. Aber eins konnte ich nicht über schminken, mein schmerzendes Herz.

Es ist beinah unerträglich, die ganze Woche habe ich über das Geschehene nachgedacht, über das was Gesagt und das was Gemacht wurde. Wieso war die Polizei bei ihm, wieso hat er mich so von sich gestoßen, wieso hat er nie angerufen.

Die ganze Woche habe ich auf ein Zeichen von ihm gewartet. Das er vorbei kommt um mich zu sehen und zu sprechen, das er mich anruft oder zumindest schreibt. Aber nichts der gleichen kam. Kein Sterbenswörtchen. 

Jetzt wieder hier zu sein, fühlt sich fast an als ob ich Jahre weg gewesen wäre. 

Nathan läuft neben mir bis wir in der Schule angekommen sind. Er hat Schuldgefühle, wie immer, aber kann nunmal nichts gegen unseren Vater unternehmen und seit er gemerkt hat, dass es diesmal mehr ist als 'nur' unser Vater, weicht er mir kaum eine Sekunde von der Seite.

Wir sprechen es nicht aus, aber wir brauchen uns. Wir brauchen uns, um die Situation zu Hause auszuhalten, um zumindest in der Hinsicht eine Familie zu haben, und mental um nicht als vollständiges Wrack zu enden.

Als er Melli bei unseren Spinden entdeckt, verabschiedet er sich und geht zu seinem Kursraum. Melli schaut ihm kurz hinterher bevor sie mich feste in den Arm nimmt. "Ich bin so froh das es dir wieder besser geht. Es kann echt heftig sein von einen auf den anderen Tag so krank zu werden, aber so ist das nunmal bei einer Grippe. Ich freu mich jeden falls das es dir wieder gut geht"

"Ich freu mich wieder hier zu sein", und das tue ich wirklich. Eine Woche mit meinen Eltern zusammen zu Hause sein, ist die Hölle auf Erden. Ich habe Mum viel im Haushalt geholfen und konnte so die meiste Zeit kein Aufsehen erregen, weshalb ich noch halbwegs glimpflich davon gekommen bin. Trotzdem tut es gut, dem wieder zu entfliehen.

"Du glaubst gar nicht was hier los war während du krank warst. Ryan hat sich dreimal geprügelt und daraufhin einen Verwarnung bekommen, wenn sowas noch einmal vorkommt fliegt er. Außerdem war das alles total unnötig, es war beinah so, als ob er es provoziert das die sich mit ihm anlegen"

"Wie meinst du das" - "er ist anders, seit letzter Woche meine ich. Vielleicht hat ihn das doch mehr ausgemacht als du annimmst"

Es ist einfach zum verrückt werden. Wie kann es sein, dass jedes noch so kleine Fünkchen ganze Flammen der Hoffnung entzünden lässt. Suchend schaue ich mich um, entdecke ihn aber nirgendwo. Besser so, ich sollte immer noch sauer auf ihn sein, was er zu mir gesagt hat und vor allem wie er es gesagt hat, hat mich verletzt und das werde ich ihm nicht so einfach durchgehen lassen.

Seufzend drehe ich mich wieder zu Melli, sie schaut mich erwartungsvoll an. "Wir sollten zum Unterricht gehen", sage ich allerdings nur, ganz zu ihrer Enttäuschung. Was sie auch denkt, wir werden sicher nicht eins dieser Traumpaar aus ihren kitschigen Liebesfilme, denn dafür müssten wir es erst einmal schaffen überhaupt ein offizielles Paar zu sein. Ohne Geheimnisse, weder untereinander noch unsere Beziehung als Geheimnis vor anderen. Soweit sind wir noch nicht und werden wir auch offensichtlich nicht kommen, denn schon als Geheimnis sind wir gescheitert.

Der Unterricht vergeht viel zu schnell, nun hätte ich nur noch Englisch und dann Schluss, weshalb ich mich in die Bücherei setze, um dort alleine zu lernen.

Als die Stunde gerade vorbei ist geht die Tür der Bibliothek mit einem Schwung auf. Ein Junge, schätzungsweise 8 Klasse schaut sich suchend um. "Ist hier ein Lehrer, draußen prügelt sich wieder Ryan, diesmal mit Jake", ruft er hilfesuchend. 

Wie ferngesteuert schmeiße ich meine Sachen in den Rucksack und renne nach draußen. Es hat sich eine Menge an Schülern versammelt. Alle rufen und schreien irgendwas, doch ich verstehe keinen von ihnen. 

Nur mit Gewalt schaffe ich es bis zum Mittelpunkt der Horde. Ryan ist über Jake gebeugt, sein Faust landet in seinem Gesicht.

"Ryan", schreie ich verzweifelt, doch er hört mich nicht. Ich trete in den Kreis, näher an ihn heran und rufe immer wieder seinen Namen.

"Willst du denn wirklich alles verlieren", schreie ich verzweifelt, er muss mich doch hören. Abrupt fährt er hoch, seine Augen sind weit aufgerissen, aus seiner Nase läuft Blut.

Er schaut mich einfach nur an, hinter ihm sehe ich wie Jake das weite sucht. Die Menge ist wie gebannt, alles ist totenstill. Bis die Schuhe der Direktorin auf dem Boden nachhallen. Schneller als ich gucken kann sind die meisten Schüler verschwunden. 

Ich greife nach seiner Hand und renne mit ihm so schnell ich kann in Richtung Ausgang. Viele Schüler versuchen sich auf einmal durch die Eingangstür zu schieben, mit Gedrängel schaffen wir es zu seinem Auto. Er schließt auf, wie steigen ein und fahren los.

***

879 Wörter

Was das wohl sollte, warum nimmt Ryan es in Kauf von der Schule zu fliegen, um ausgerechnet Jake zu verprügeln?

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