Chapter 24

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Nach den Weihnachtsfeiertagen hatten Niall und ich vorerst keine Gelegenheit, uns zu sehen. Zum Einen waren da unzählige Termine, die er wahrnehmen musste, zum anderen – so hatte er mir erzählt – war die Band dabei, an einem neuen Album zu arbeiten.
Um es also auf den Punkt zu bringen: Sein Terminkalender war von der ersten Stunde des Tages an bis zur Letzten komplett verplant. „Manchmal glaube ich, das Management denkt, wir haben kein Privatleben“, hatte er gelacht. „Dafür haben wir an solchen Tagen nämlich wirklich keine Zeit.“
Aber er rief jeden Abend gegen acht bei mir an, um mich zu fragen, wie es Grace und mir ging, ob wir gut zurechtkamen und was wir an diesem Tag gemacht hatten. Er schien aufrichtig interessiert daran zu sein – und genau das überraschte mich, wenn ich an den Anfang dieser Geschichte zurückdachte.
Eigentlich war es eine ziemlich überraschende Entwicklung, die mir erst bewusst geworden war, als ich im London Bridge Hospital gelegen hatte, und Niall zu der Geburt seiner Tochter erschienen war. Ab diesem Moment war mir irgendwie klar gewesen, dass Grace sehr wohl einen Vater haben würde – nur keinen, der zu ihr stehen konnte.

Nur einige Wochen später, als Niall's Terminkalender nicht mehr allzu gut gefüllt war und er wieder mehr Zeit für Grace und mich hatte, machte ich erstmals Gebrauch von seinem Angebot, mir nachtsüber mit ihr zu helfen. Grace fing nämlich an, ihre ersten Zähne zu bekommen.
Niall blieb so oft nachts hier, wie er es einrichten konnte. Und das wirklich Schöne daran war, dass er es ohne irgendeinen Hintergedanken zu tun schien.
Ein schönes Beispiel dafür war ein kühler Samstagabend, an dem Niall seine Tochter sehen und sich um sie kümmern wollte.
„Es kommt mir vor, als wäre sie viel größer geworden seitdem ich sie das letzte Mal gesehen habe“, in seinem Lächeln mischten sich Witz und Traurigkeit zu einem Blick, der das Ganze mehr bedauerte, als darüber lachen zu können.
„Das täuscht“, antwortete ich, obwohl ich wusste, dass es nicht so war. „Es waren nur fünf Wochen.“
„Fünf Wochen können eine ziemlich lange Zeit sein“, argumentierte er, schien allerdings trotz seiner Bedenken unendlich froh sein, Grace wieder zu sehen.
„Willst du etwas trinken?“, fragte ich, während ich mein Glas Wasser leerte.
„Gern“, er lächelte mich an, und ohne nachzufragen, was er denn gerne hätte, holte ich eine Dose Cola aus meiner Speisekammer und stellte sie zusammen mit einem Glas auf dem Tisch ab.
Er lächelte mich an, als hätte er nicht erwartet, dass ich erraten konnte, was er trinken wollte. „Danke.“
„Kein Problem.“

Als wir etwa eine Stunde später zusammensaßen und aßen, fiel mir auf, dass er sich seit unserem ersten Treffen vor etwa einem Jahr sehr zum Positiven verändert hatte. Er schien sich mir gegenüber geöffnet zu haben, und nicht mehr ganz so eingeschüchtert zu sein, auch wenn er sich von Simon noch immer viel zu viel sagen ließ – das war zumindest meine Meinung.
Außerdem war mir aufgefallen, dass er tatsächlich Verantwortung übernehmen konnte – und es auch wirklich tat. Nie im Leben hätte ich mich träumen lassen, dass er jede freie Minute für seine Tochter opferte, obwohl er ohnehin so gut wie keine Freizeit hatte.
Ich war mehr als nur überrascht – und ich spürte, wie sich etwas tief in mir wirklich berührt davon fühlte.
„Ich kann niemandem sagen, wie froh ich bin wieder mehr Zeit für mein Privatleben zu haben“, Niall seufzte auf, als er sich einen Bissen Nudeln in den Mund schob.
„Kann ich mir vorstellen“, antwortete ich, als ich mir vorstellte, wie anstrengend es für ihn sein musste, jeden Tag eine andere Stadt zu bereisen und dort Konzerte zu geben – für Leute, die alles dafür geben würden, seine feste Freundin zu sein. Und das, obwohl sie ihn noch nicht einmal wirklich kannten.
Alles, was sie kannten, war seine Hülle, sein Äußeres. Und natürlich das, was er bereit war, von sich preiszugeben – oft kannten sie allerdings nur Lügen, die er sich bereitlegen musste, um Simon zufriedenzustellen.
Ja, ich konnte definitiv nachvollziehen, wie er sich fühlte. Aber das behielt ich vorerst für mich.
„Nervt ihr euch eigentlich nicht oft gegenseitig?“
„Wer? Die Jungs und ich?“, er grinste mich an, bei dem Gedanken an seine vier besten Freunde.
„Ja“, antwortete ich, und lächelte zurück.
„Nein“, energisch schüttelte er seinen Kopf. „Überhaupt nicht. Ich meine, natürlich gibt es die ein oder andere Diskussion, aber wir gehen uns nicht gegenseitig auf die Nerven, und ernsthafte Streitigkeiten gibt es so gut wie nie. Ganz im Gegenteil. Ich glaube jeder von uns ist froh, die Anderen dabeizuhaben. Allein die Vorstellung, das alles alleine durchziehen zu müssen, gefällt keinem von uns. Wir sind nicht nur Kollegen, wir sind richtig gute Freunde“, ich konnte sehen, wie seine Augen anfingen, zu strahlen während er erzählte.
Ich hatte einmal gehört, dass ein Mensch am glücklichsten aussieht, wenn er von etwas spricht, das er wirklich liebt – und zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass das wirklich wahr sein konnte.
„Du musst wirklich froh sein, sie zu haben“, kommentierte ich mit einem Lächeln auf den Lippen. Wie gerne hätte ich auch solche Freunde.
„Natürlich bin ich froh, sie zu haben“, erwiderte er, „Aber darf ich dir etwas sagen?“
Überrascht sah ich ihn an, bevor ich beide Schultern zuckte. „Selbstverständlich.“
„Ich bin viel froher, Grace und dich in meinem Leben zu haben“, sagte er schließlich mit ehrlicher Miene.
Ich schluckte. „Wirklich?“
Er nickte. „Ja.“
Ich konnte nicht wirklich glauben, was er eben gesagt hatte – wenn man jemandem mehr bedeutete, als seine besten Freunde, dann war das wirklich ein unendlich großer Vertrauens- und Liebesbeweis. Ganz egal, ob es sich nun um freundschaftliche Liebe handelt, oder um die Liebe zwischen zwei Menschen, die eine Beziehung miteinander führen.
Eine Weile lang kehrte wieder dieses Schweigen bei uns ein, das ich in letzter Zeit schon so oft bemerkt hatte. Es war kein peinliches oder unerträgliches Schweigen, ganz im Gegenteil. Es gab uns beiden einfach das Gefühl, dass Worte gänzlich überflüssig und auch gar nicht nötig wären. Dass wir uns auch ohne Sprache verständigen konnten.
Und das taten wir, auch wenn ich am Anfang nicht wirklich begriff, weshalb wir uns minutenlang einfach nur ansahen, ohne dass einer von uns beiden verlegen wurde, oder den Blick abwand. Ich konnte plötzlich gar nicht mehr wegsehen, weil seine blauen Augen mich in einen Bann zu ziehen schienen. Insgeheim fragte ich mich jedes Mal, ob es ihm genauso ging.
„Ich bin so froh, dass du ihr Vater bist“, flüsterte ich schließlich, ohne dass ich wirklich Kontrolle darüber gehabt hätte. Es waren ehrliche Worte, die über meine Lippen kamen, also hatte ich nichts zu befürchten.
Niall sah mich genauso irritiert an, wie ich ihn vorhin angesehen haben musste: „Ehrlich?“
Ich nickte. „Ehrlich.“
„Weshalb?“
„Weil du dich so gut um sie kümmerst“, antwortete ich, „Du opferst ohne zu zögern jede freie Minute für sie, obwohl dein Terminkalender bis oben hin gefüllt ist.“
„Das ist selbstverständlich“, er zuckte beide Schultern, „Sie ist meine Tochter.“
Ein Lächeln umspielte seine schmalen Lippen.
„Eben deswegen bin ich so froh darüber“, gab ich zurück. „Du musst dich nicht dazu quälen, dich um sie zu kümmern. Du machst es gerne.“
Nun wuchs sein Lächeln zu einem zufriedenen Grinsen an. „Das mache ich wirklich.“

Sharing the secret (Niall Horan FF)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt