Sieben Minuten nach Mitternacht

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Ein durch Licht hellbeleuchteter Raum mitten im Oktober , ein lieblos bezogenes Bett und ich würde am liebsten in dem Glas vor mir ertrinken
Mein Vater liegt in dem Krankenbett vor mir und war total geschwächt , draußen war es schon dunkel und weit nach acht
Julian saß im Flur des Krankenhauses und trank seinem Café und ich laß meinen Vater die Zeitung vor
Aber ich fragte mich wenn der Quatsch überhaupt interessieren würde , mein Papa starrte an die Decke und war Däumchen am drehen
„Papa , was sollen wir jetzt machen" fragte ich ihn , ihm fiel das Atmen durch seine Lungenentzündung schwer , was mir Sorgen bereitete aber die Ärzte können nichts mehr machen
Wieder einmal schaute er mich an , ohne ein winzige Ahnung davon zu haben wer ich bin
„Ich weiß nichts mehr über dich , noch nicht mal deinen Namen" ihm liefen Tränen über die Wangen und tropften auf sein Kopfkissen
„Ich bin deine Tochter Clara Christin , bin 28 Jahre alt und verheiratet, du hast mich diesen Sommer zum Altaar geführt. Weißt du denn garnichts mehr" Ich streichelte ihm über die Hand und tupfte mir mit einem Taschentuch die letzte Träne weg
Mein Vater schüttelte den Kopf , wie gern würde er sich an was erinnern und litt darunter das er einfach nichts mehr wusste
„Ich geh mal kurz raus zu Julian , okay?"
„Ist er dein Bruder?"
Und schon wieder wurde mir klar er hatte wieder alles vergessen , was ich ihm vor wenigen Minuten gesagt habe
Ich schüttelte verletzt den Kopf , gab ihm die Fernbedienung für den Fernseher und ging raus auf den Flur
Mein Mann saß wenige Meter von der Tür auf einem Flur , stützte seine Unterarme auf den Knien ab , schaute nach unten und spielte mit seinem Café Becher
„Schatz" rief Julian über den Flur , stand auf und nahm mich in den Arm
„Wie geht es ihm?" erkundigte er sich
„Er denkt wir wären Geschwister, er weiß nicht mehr einfach nichts" heulte ich gegen seine Brust
„Soll ich nochmal mit zu ihm gehen?"
„Nein Juli , behalte ihn so in Erinnerung wie du ihn kennengelernt hast"
Julian legte seine Hand unter mein Kinn , so dass ich gezwungen war ihm in die Augen zu schauen
„Kannst du mich bitte küssen?" schluchzte ich , nachdem er mich nach fast zwei Minuten tief in die Augen schauen immernoch nicht geküsst hatte
Frech grinste er und legte dann behutsam seine Lippen auf meine , liebevoll küsste er mich und streichelte mir durch Haar
„Möchtest du auch noch einen Café?" fragte mein Mann mich
„Wie kann man eigentlich so verrückt nah Café sein wie du?" fragte ich
Der Fußballer lachte solang bis ich auch lachte und genau dass liebte ich an ihm , er brachte mich zum lachen ganz egal wie schlecht es mir ging
Aber ich nickte , setzte mich auf den Stuhl und wartete bis Julian mit den Cafés zurückkam , alle weißen Türen waren auf gem Gang geschlossen und hinter einer von diesen lag mein todkranker Vater
Als Julian wieder da war setzte ich mich quer auf seinen Schoß und legte meinen Kopf gegen seinen Hals
Wir waren beide müde und die Uhr zeigte mittlerweile nach elf , doch nach diesem Café wollte ich zurück zu meinem Papa
Wieder zurück ging ich ins Zimmer und mein Vater schaute eine Wiederholung einer Kochsendung und um 23:23
„Martina?" sagte er zu mir als ich den Raum betrat und das war der Name meiner Mutter , nein ich war nicht meine Mama und sie würde auch niemals mehr zurückkommen
Aber er erinnerte sich wenigstens an irgendetwas
„Nein Papa , ich bin deine jüngste Tochter. Sollen wir was spielen?"
„Ja , den Quatsch kann sich keiner geben" sagte mein Vater und saß im nächsten Moment Kerzengrade im Bett
Ihr fragt euch warum wir noch um diese Uhrzeit wach sind?
Ganz einfach , schlafen können wir in diesem Zustand alle nicht und die Tage meines Papas sind gezählt, wenn man es so will könnte er jeden Moment Tod sein , ohne dass ein Arzt , ein Heilpraktiker oder ich als seine Tochter was sagen tun kann
„Mensch ärgere dich nicht?" schlug ich vor
„Gute Idee"
Ich setzte mich mit meinem Papa an den kleinen Tisch , er hatte die gelben Figuren und ich die roten
Er stellte irgendwann selber die Regel auf , wenn er eine 6 würfelte , er aber 8 Felder brauchte um mich rauszuschmeißen ging der gnadenlos die 8 Felder voran
Voller Stolz gewann mein Vater das Spiel und legte sich danach wieder ins Bett
Ich setzte mich an sein Bett und streichelte bis nach Mitternacht seine Hand
Ich konnte sehen dass etwas nicht stimmt und ahnte eigentlich schon was sich hier gleich passieren würde
Mein Papa schaute mir in meine Augen und wir redeten sogut wie garnicht mehr
„Du bist mein kleine Prinzessin ... für immer" flüsterte er schwach , in meine Augen schossen die Tränen und die letzen Tränen meines Papas tropfen auf das Kissen bevor er für immer seine himmelblauen Augen schloss
Die Uhr meines Handys zeigte 00:07 Uhr und mein Vater war in dieser Minute von uns gegangen
Noch eben haben wir hier gesessen und mein Vater gewann das Spiel , doch das Leben hatte er soeben für sich verloren
Mein Herz drohte zu explodieren und ich weinte , noch einmal küsste ich seine Stirn und legte dann meine Stirn auf seine Handfläche
„Pass gut auf ihn auf , Mama" flüsterte ich und küsste nochmals seine Hand
Ich hatte meine Eltern für immer verloren und ich fragte womit ich das verdient hatte
Immer wenn Julian beim Training war und mein Papa bei uns in Paris , bin ich mit ihm Eis essen gegangen
Mal aß mein Vater seelenruhig sein Eis und bei andern mal spuckte er es wieder aus , weil es ihn zu kalt war
Ich verließ unter Tränen das Krankenzimmer und blickte das letzte mal auf meinen Papa
Zum letzen Mal schloss ich diese schreckliche weiße Tür und rannte in die Arme meines Mannes
Ich zitterte , weil ich so doll weinte , es war so ein schreckliches Gefühl zu wissen ich werde ihn nie wieder sehen , reden hören , ich kann mir einen Rat mehr bei meinem König holen und auch mit ihm zusammen lachen konnte ich nicht mehr
„Was ist passiert?" fragte Julian und rieb mir mit seinem Daumen unter meinen Augen her
„Er ist tot"
Der Fußballer drückte meinen Kopf gegen seine Brust
Noch in dieser Nacht wurde der Totenschein ausgefüllt und ein Notarzt bestätigte seinen Tod , die Bestattung traf ein und begleiteten meinen Vater auf seinem letzten Weg oberhalb dieser Erde
Als ich so gegen 02:30 in meinem Bett lag und Julian sich an mich gekuschelt hat kreißten meine Gedanken völlig umher
In meinem ganzen Leben konnte ich von keinem so viel lernen wie von meinem Vater , er hat mich beschützt und mich zum lachen gebracht
Er hat sich nicht wie jeder andere Vater vor den Sandkasten gestellt , sondern er hat sich immer zu mir gesetzt und sich mit mir zum Affen gemacht
Ich habe ihn mein ganzes Leben lang wie einen Held gefeiert , bei jedem Blödsinn war er dabei und wenn es mir schlecht ging konnte ich auf ihn zählen
Trotz seiner damaligen schweren Alkoholkrankheit war er da , er hat nie aufgehört mir zu sagen wie lieb er mich doch hat und wie stolz ich ihn mache
Als kleines Mädchen habe ich ihm immer die Fingernägel lackiert und mit mir zusammen ist er durch den Kletterpark geklettert
Doch ab jetzt sollte er schweigen und ich weiß nicht wo er jetzt ist
Aber vielleicht werden seine Gedanken einfach nur leiser und der Wind und der Regen tragen sie weiter
Sie erzählen von seiner Liebe , den Kampf ein guter Vater zu sein und sie deuten auf den Tag , als er mich für immer verließ
Vergessen werde ich meinen Papa nie , denn er hatte mich so stark gemacht , wie ich heute bin
Danke Papa

Dächer von Paris Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt