01~Wenn die Party kippt

1.5K 40 2
                                        

Seufzend lehne ich meinen Schädel gegen die braune Tür. Das Holz fühlt sich kühl an meiner Stirn an, fast beruhigend, während die Musik hinter der Tür so laut durch den Raum dröhnt, dass sie wie harte Schläge auf mein Trommelfell knallt. Jeder einzelne Beat vibriert durch die Wand, durch meinen Körper, durch meine Nerven. Zu laut, zu viel, zu nah.

So laut, dass es unmöglich ist, irgendetwas anderes zu hören.
Vor allem sie nicht.

Meine beste Freundin.

Diese Art beste Freundin, die mal wieder zu viel getrunken hat und sich jetzt zum gefühlt hundertsten Mal übergibt. Ich muss sie nicht sehen, um zu wissen, wie sie aussieht. Ich kenne jede ihrer Bewegungen, jedes Geräusch, das sie dabei von sich gibt. Ich kenne dieses Würgen, dieses kurze Innehalten, dieses tiefe Atmen danach. So, als würde sie sich jedes Mal neu sammeln müssen.

Würde sie mich einfach reinlassen, wäre alles leichter. Ich könnte ihr die Haare halten, ihr ein Glas Wasser reichen, ihr den Rücken streicheln, so wie ich es schon unzählige Male getan habe. Stattdessen steht sie da drin allein. Spielt die Vernünftige. Die Erwachsene. Die Mutter von uns beiden.

Und lässt nicht zu, dass ich sie in diesem Zustand sehe.

Peyton war schon immer so gewesen. Nicht nur mir gegenüber, sondern gegenüber allen Menschen in ihrem Leben. Sie versteckt alles, was nicht stark, gefasst oder selbstsicher wirkt. Schwäche ist etwas, das sie lieber verschluckt, als es jemandem zu zeigen. Und auch wenn wir uns seit der Grundschule kennen, macht sie bei mir keine Ausnahme.

Dabei sollte gerade ich diejenige sein, bei der sie nichts vorspielen muss.

Dieses Mädchen, ehrlich.

Ich atme tief ein und wieder aus, presse meine Lippen aufeinander und warte. Warte auf ein Zeichen. Auf irgendein Geräusch, das mir sagt, dass es ihr zumindest ein kleines bisschen besser geht. Die Musik hämmert weiter, unbeeindruckt von allem, was hier gerade passiert. Als wäre diese Nacht einfach nur eine weitere Nacht.

Dann öffnet sich plötzlich die Tür.

Erschrocken trete ich einen Schritt nach hinten. Der dunkle Flur wird vom gelblichen Licht des Badezimmers erhellt, das sich wie ein schwacher Schleier über den Boden legt. Meine Augen brauchen einen Moment, um sich daran zu gewöhnen. Ich blinzele, während sich meine Pupillen langsam anpassen.

Peyton steht im Türrahmen.

Ihr Blick ist glasig, ihre Schultern hängen, und sie stützt sich mit einer Hand am Türrahmen ab, als müsste sie sich selbst festhalten, um nicht umzukippen.

„Iliana", sagt sie leise. Ihre Stimme klingt rau, fast brüchig. „Du weißt gar nicht, wie unendlich beschissen ich mich gerade fühle."

In diesem Moment tut mir das Herz weh. Nicht dramatisch, nicht plötzlich - eher wie ein dumpfer Druck, der sich langsam ausbreitet. Die Art von Schmerz, die man kennt, weil man sie schon oft gespürt hat.

Der heutige Abend wird ihr mit Sicherheit noch lange im Kopf bleiben.
Oder zumindest der Teil, an dem sie beschlossen hat, sich selbst nicht mehr zu stoppen und wirklich jeden einzelnen Alkohol zu probieren, der ihr angeboten wurde. Als hätte sie sich beweisen müssen, dass sie das aushält. Dass sie stark genug ist.

„Du machst aber auch nur Blödsinn", sage ich sanft. Kein Vorwurf, kein Tadel. Nur Wahrheit. Meine Gesichtszüge sind weich, weil ich sehe, wie müde sie ist. Wie ausgelaugt. Wie sehr ihr Körper gerade gegen sie arbeitet.

„Können wir nach Hause?" murmelt sie. „Ich sehe aus wie ein benutztes Taschentuch. Benutzt mit den dreckigsten Händen der Welt."

Mit zittrigen Fingern fährt sie sich durch ihr blondes, völlig zerzaustes Haar. Es bleibt an einigen Stellen hängen, fällt ihr wirr ins Gesicht zurück. Sie gibt irgendwann auf und lässt die Hand sinken.

Aiming at LoveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt