03~Unerwartetes Schicksal

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Nicht einmal zwei Schritte entfernt steht er hinter mir, so nah, dass ich seine Anwesenheit nicht nur registriere, sondern sie beinahe körperlich spüre, als hätte sich die Luft zwischen uns verdichtet und beschlossen, sich ausschließlich auf diesen einen Moment zu konzentrieren, in dem alles andere - die Straße, die Geräusche, die Menschen - für einen Augenblick an Bedeutung verliert.

Und als ich mich schließlich in aller Ruhe erhebe, langsam und ohne Hast, als hätte mein Körper instinktiv verstanden, dass dieser Moment Zeit braucht und nicht überstürzt werden darf, wird es möglich, dass wir uns gegenüberstehen, während ich gleichzeitig meinen Kopf hebe, nicht aus Trotz oder Selbstbewusstsein, sondern schlichtweg, weil es notwendig ist.

Denn dieser Mann ist nicht klein.
Ganz und gar nicht.

Er überragt mich deutlich, und obwohl ich es gewohnt bin, Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, fühlt sich dieser Größenunterschied nicht unangenehm oder einschüchternd an, sondern eher ruhig, fast stabilisierend, als würde seine bloße Präsenz einen festen Rahmen schaffen, in dem nichts erklärt oder verteidigt werden muss.

Aus der Nähe verschlägt er mir erneut die Sprache, diesmal sogar doppelt so sehr, denn alles, was aus einer kleinen Entfernung bereits überaus attraktiv wirkte, bekommt nun eine Tiefe, die sich nicht mehr allein mit gutem Aussehen erklären lässt, sondern vielmehr mit Ausstrahlung, mit dieser stillen Selbstverständlichkeit, mit der er Raum einnimmt, ohne ihn einzufordern.

Kein Makel ist an seinem Gesicht zu erkennen - nur leichte Augenringe, die in meinen Augen jedoch keineswegs Makel darstellen, sondern vielmehr Spuren eines Lebens, das nicht nur aus ruhigen Nächten bestanden hat, sondern aus Wachsein, aus Denken, aus Momenten, die einen prägen, ohne dass man es verhindern kann.

Ein feuchtes Gefühl auf meiner Wange holt mich schließlich ein Stück weit zurück aus dieser fesselnden Starre, und erst in diesem Augenblick wird mir bewusst, dass sich tatsächlich eine Träne gelöst hat, lautlos und ohne Vorwarnung.

Sie kam also tatsächlich raus.

Und während ich noch versuche, mich innerlich zu sammeln, folgt sein Blick dieser Träne, aufmerksam und ruhig, beinahe behutsam, als würde er ihr Fallen beobachten, bis sie ganz unten an meinem Kinn angelangt ist und ich sie schließlich mit dem Daumen wegwische, nicht hastig, nicht beschämt, sondern einfach, weil sie da ist.

„Sie lebt nicht mehr."

Ich wusste, dass sich seine Stimme so anhören würde.
So rau.
So tief.
So reif.

Es ist eine Stimme, die nichts beschönigt und dennoch nicht grausam wirkt, sondern ehrlich, fast schon beruhigend in ihrer Klarheit, als wäre Wahrheit etwas, das man nicht umgeht, sondern annimmt.

Mir fällt auf, dass er nicht viel älter aussieht als ich. Ich schätze ihn auf vielleicht vierundzwanzig oder fünfundzwanzig, womit er immer noch recht jung ist, und doch liegt in seiner Art etwas Zeitloses, etwas, das nicht in Jahren messbar ist.

Und sind wir mal ehrlich:
Ein wenig ältere Männer sind verlockend.

Ich spüre, wie mein Herz unruhig flattert.

„Wie meinst du das?"
Ich flüstere nicht, aber ich spreche auch nicht in meinem normalen Tonfall, als würde Lautstärke diesem Moment nicht gerecht werden.

Aiming at LoveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt