40~Der unbekannte Gast

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Keanu ist seit Stunden weg.

Zu lange.

Es ist bereits Nachmittags, das Licht fällt schräg durch die Fenster, viel heller als gestern noch, und trotzdem fühlt sich das Haus nicht wacher an. Eher so, als würde es warten. Ich sitze auf der Couch, Hope liegt dicht neben mir, ihr kleiner Körper angespannt, als würde sie jede Veränderung in der Luft registrieren. Sie hebt immer wieder den Kopf, lauscht, legt ihn wieder ab, nur um kurz darauf erneut aufmerksam zu werden. Die Stille ist nicht beruhigend. Sie ist falsch. Sie liegt schwer über allem, zieht sich durch die Räume, als würde das Haus selbst den Atem anhalten, aus Angst, etwas zu verpassen.

Er hat nichts gesagt.

Kein Wohin, kein Wie lange, kein Was genau. Nur dieser Blick heute Morgen, noch müde, noch nah, seine Hand an meiner Wange, warm, vertraut, und der Satz: „Ich komme zurück." Als wäre das ein Versprechen, das alles andere ersetzen könnte, als müsste man nichts weiter erklären, wenn man nur fest genug daran glaubt.

Der Gedanke an diese schöne Nacht schlich sich immer wieder in meinen Kopf. An seine Nähe, seinen Blick, die Art, wie alles zwischen uns so selbstverständlich gewesen war. Allein bei dieser Erinnerung breitete sich ein warmes Kribbeln tief in meinem Unterbauch aus, langsam, beinahe verräterisch. Mein Körper reagierte, auch wenn mein Kopf zur Ruhe kommen wollte. Ich schloss die Augen, ließ das Gefühl zu – nicht mehr, nicht weniger. Nur die Gewissheit, dass diese Nacht etwas in mir hinterlassen hatte, das nicht so schnell verschwinden würde.

Danach lag in seinen Armen, hörte seinen Atem, spürte seinen Herzschlag. Es war genug gewesen, einfach gehalten zu werden, ohne etwas leisten zu müssen.

Jetzt ist er weg.

Ich stehe auf und gehe langsam ein paar Schritte durch das Wohnzimmer, lasse meine Finger über die Rückenlehne der Couch gleiten, über die glatte Oberfläche des Tisches. Mein Blick bleibt an Details hängen, die mir vorher nie wirklich aufgefallen sind. Die klaren Linien, die bewusste Ordnung, die Art, wie alles seinen festen Platz hat. Nichts steht zufällig irgendwo. Kein überflüssiger Gegenstand, keine Spuren von Chaos. So lebt jemand, der Kontrolle braucht. Oder jemand, der gelernt hat, dass Unordnung gefährlich sein kann.

Und plötzlich wird mir schmerzlich bewusst, wie wenig ich wirklich weiß.

Er sagt, er akzeptiert, dass ich bleibe, dass ich an seiner Seite bin. Aber er lässt mich nicht hinein. Nicht wirklich. Es gibt Teile seines Lebens, die er verschlossen hält wie Räume ohne Türgriff. Ich weiß nicht, was er gerade tut. Ich weiß nicht, wo er ist. Ich weiß nicht, ob er in diesem Moment genau das tut, was von ihm verlangt wird. Und der Gedanke, dass er vielleicht Blut an den Händen hat, lässt mich nicht mehr los, egal wie sehr ich versuche, ihn wegzuschieben.

Ich gehe zur Treppe und bleibe stehen.

Tu es nicht, sagt eine leise Stimme in mir. Das ist seine Grenze. Du weißt das.

Aber eine andere ist lauter, hartnäckiger, drängender. Wenn er mir nichts sagt, dann muss ich mir selbst ein Bild machen, zumindest ein kleines, zumindest irgendetwas, das mir das Gefühl gibt, ihn ein Stück besser zu verstehen.

Ich zögere lange, viel zu lange, als würde ich darauf warten, dass sich das Haus selbst entscheidet, mir diesen Schritt abzunehmen. Dann steige ich leise die Treppe hinauf.

Der obere Flur ist schmal, gedämpft beleuchtet, das Licht weicher als unten. Türen auf beiden Seiten, jede geschlossen, jede ein eigenes Versprechen. Schlafzimmer, Bad, ein weiteres Zimmer, das ich als Arbeitszimmer vermute. Ich öffne nichts hastig, bewege mich langsam, bewusst, als müsste ich mir selbst beweisen, dass ich hier nicht eindringe, sondern nur schaue. Ich suche nicht nach Waffen, nicht nach Geheimräumen, nicht nach irgendetwas, das man aus Filmen kennt. Das wäre zu auffällig, zu offensichtlich, und Keanu ist nicht offensichtlich.

Aiming at LoveGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt