09~Ein Blick ohne Gefühl

880 21 0
                                        

Song zu diesem Kapitel
Kiss in the Rain - Dasha Day

Er hat mich wahrhaftig bis zu meiner Haustür gebracht, genau bis vor den Punkt, an dem mein sicherer Rückzugsort beginnt und seine Präsenz eigentlich enden sollte. Wir stehen still, nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, und plötzlich fühlt sich diese Vertrautheit schwerer an als der gesamte Weg zuvor.

Langsam wende ich mich zu ihm und begegne sofort seinen Augen, die mich festhalten, als hätten sie nie vorgehabt, mich loszulassen.

„Dann danke fürs Nach-Hause-Bringen." Ich kann es trotzdem wertschätzen, dass er es getan hat.

Anerkennend nickt er. Nichts mehr, nichts weniger.

Kopfschüttelnd atme ich leise aus. „Willst du mir noch verraten, woher deine miese Laune kommt?"

Mies ist vielleicht übertrieben, aber irgendetwas an ihm ist einfach... falsch.
Kein einziges Wort hat er auf dem Weg gesagt. Er war so tief in seinen Gedanken versunken, dass er mich regelrecht ignoriert hat, als würde er diesen Weg alleine gehen und ich wäre bloß ein Schatten neben ihm gewesen.

Ich hatte ihn gefragt, warum er eigentlich auf der Bank saß, wenn er doch seinen Kumpel besuchen wollte. Vielleicht musste er warten, vielleicht auch nicht - doch er hat mir keine Antwort gegeben. Es bleibt ein blinder Fleck.

Die Chance, dass genau dieser Kumpel derjenige ist, der für mein kleines Kindheitstrauma verantwortlich ist, besteht noch immer.
Doch überraschenderweise spielt das gerade keine Rolle.

Was eine Rolle spielt, ist seine Stimmung.
Diese abrupten Schwankungen, dieses Schweigen, dieses Abdriften.

Ich habe keine Ahnung, was sie ausgelöst hat. Oder ob ich selbst der Auslöser bin.
Den gesamten Weg über habe ich jedes einzelne Wort von mir analysiert, mich gefragt, ob ich etwas Falsches gesagt habe. Etwas, das vielleicht anders angekommen ist, als ich es gemeint habe.

Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nichts getan habe.

Es fühlt sich eher an, als wäre in seinem Kopf ein Schalter umgelegt worden - ausgelöst von seinen eigenen Gedanken.

Nur... welche Gedanken könnten das sein?

„Ich weiß es nicht."

„Du weißt es nicht?"
Ich schaue ihn an, als würde er mich gerade für dumm verkaufen. Vielleicht tut er das sogar.

„Das sagte ich gerade eben."

Sein zickiges Verhalten färbt ab, und plötzlich werde auch ich bockig.
„Dann haben wir uns nichts mehr zu sagen."

Bevor es mir zu anstrengend mit ihm wird, bevor mein Nervenkitzel in leichte Aggression umschlägt, ziehe ich innerlich die Grenze. Für heute ist es besser, einen Schlussstrich zu ziehen.

Auch wenn ich mir nichts Schöneres für diesen Abend hätte vorstellen können.

Als ich mich zur Haustür umdrehe und akzeptieren muss, dass das hier tatsächlich das Ende sein soll, höre ich seine Stimme.

„Warte."

Ich merke genau, wie etwas in mir auflebt, wie sich ein Hauch von Hoffnung breitmacht - doch meine Sturheit hält dagegen.

Widerwillig lasse ich mich aufhalten. Neugier ist stärker, als ich mir eingestehen will. Ich drehe mich zu ihm um. Seine braunen Augen leuchten mir entgegen. Obwohl ich auf einer der Stufen vor der Tür stehe, bin ich immer noch nicht auf Augenhöhe mit ihm.

Er steht etwas weiter von der Tür entfernt, sodass ich ihm direkt geradeaus in die Augen sehen kann.

Abwartend verschränke ich die Arme vor der Brust.

Aiming at LoveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt