Ich wache auf, bevor mein Kopf bereit dafür ist.
Das Zimmer ist noch dunkel, nur ein schmaler Streifen Morgenlicht schiebt sich durch den Spalt zwischen Vorhang und Fenster. Peytons Wohnung riecht nach Kaffee vom Vorabend und nach etwas Vertrautem, das ich lange vermisst habe. Ich liege auf ihrer Couch, eine Decke über mir, Hope zusammengerollt an meinen Beinen, warm und ruhig, als hätte sie die Nacht besser verstanden als ich.
Mein Körper fühlt sich schwer an, aber nicht unangenehm. Eher so, als hätte er endlich aufgehört, gegen alles anzukämpfen.
Gestern war viel.
Nicht nur bei mir.
Peyton hatte irgendwann mitten in der Nacht angefangen zu reden, leise zuerst, dann brüchiger, über ihren Vater, über Dinge, die sie viel zu lange in sich getragen hat. Über Enttäuschung, Wut, dieses Gefühl, immer stark sein zu müssen, weil niemand sonst es ist. Ich hatte zugehört, ihre Hand gehalten, genau wie sie meine gehalten hat, als ich nicht weiter wusste. Wir hatten uns gegenseitig gestützt, ohne Lösungen, ohne große Worte, einfach da.
Und mir war klar geworden, dass ich nicht nur für ihn existieren kann.
Dass meine beste Freundin mich genauso braucht.
Dass ich gebraucht werde, nicht nur als jemandes Halt, sondern als Iliana.
Ich bewege mich kaum, als mein Handy auf dem Tisch vibriert.
Einmal.
Dann nochmal.
Dann wieder.
Ich weiß, wer es ist, noch bevor ich hinschaue.
Keanu.
Mein Magen zieht sich zusammen, als ich das Display sehe.
Wo bist du?
Ich hätte dich nicht alleine durch die Nacht gehen lassen sollen.
Bitte sag mir, wo du bist.
Ich schließe kurz die Augen.
Eine weitere Nachricht erscheint.
Ich möchte dich sehen.
Ich muss dich sehen.
Mein Herz schlägt schneller, verräterisch, als hätte es nur darauf gewartet.
Dann:
Bitte.
Ich brauche dich.
Lass es mich erklären.
Ich starre auf die Worte, als könnten sie mir sagen, was ich tun soll. Meine Finger schweben über dem Display, bereit zu antworten, bereit, alles wieder aufzumachen, was ich gestern mit so viel Mühe verlassen habe.
Was, wenn ich antworte?
Was, wenn ich es nicht tue?
Ich denke an sein Gesicht, an die Art, wie er mich nicht angesehen hat, weil er es nicht konnte. An die Kälte in seiner Stimme, an diese Maschine, zu der er geworden war. Und gleichzeitig an die Nacht davor, an seine Arme um mich, an dieses leise Kribbeln, an das Gefühl, dass Nähe bei ihm nie leicht ist, aber echt.
Ich denke an Peyton, wie sie irgendwann eingeschlafen ist, erschöpft, mit geröteten Augen, nachdem sie mir Dinge anvertraut hat, die sie kaum jemandem erzählt. Wie sie mich braucht, genauso wie ich sie.
Ich lege das Handy neben mich. Atme tief ein. Dann aus.
Noch eine Nachricht.
Bitte, Iliana.
Mein Brustkorb zieht sich zusammen.
In dem Moment beginnt das Handy zu klingeln.
Der Ton ist laut in der Stille des Morgens, viel zu laut, zu dringend. Hope hebt sofort den Kopf, schaut mich verschlafen an. Peyton bewegt sich auf der Matratze im Nebenzimmer, dreht sich um.
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Aiming at Love
عاطفيةIliana wusste, dass Keanu gefährlich ist. Nicht wegen dem, was er sagt - sondern wegen dem, was er verschweigt. Keanu lebt nach Regeln, die niemand kennt. Er ist verschlossen, kontrolliert und tödlich präzise. Gefühle sind in seiner Welt Schwächen. ...
