Er schwirrt mir durchgehend im Kopf herum, hartnäckig und beständig, als hätte mein Verstand beschlossen, ihm einen festen Platz einzuräumen, ganz gleich wie sehr ich versuche, mich auf meinen Alltag zu konzentrieren oder mir einzureden, dass es sich nur um eine flüchtige Begegnung gehandelt hat, die keine weitere Bedeutung verdient.
Ich hätte nach seinem Namen fragen sollen.
Dieser Gedanke kommt immer wieder zurück, leise, aber bestimmt, begleitet von der Frage, ob es ihm wohl genauso geht wie mir, ob auch er sich darüber ärgert, diesen einen simplen Moment verpasst zu haben, oder ob er den Abend längst als etwas Abgeschlossenes betrachtet, während ich ihn gedanklich immer wieder neu durchlebe.
Ryan - der Polizist - war während der gesamten Fahrt über ausgesprochen freundlich, auf eine unaufdringliche, angenehme Art, die weder aufgesetzt noch distanziert wirkte. Wir führten belanglosen Smalltalk, über Dinge, die keine große Bedeutung hatten, und dennoch war es überraschend beruhigend, auf dem Beifahrersitz eines Polizeiautos zu sitzen, während die Straßen an uns vorbeizogen und sich die Nacht langsam auflöste.
Früher hatte ich selbst einmal davon geträumt, Polizistin zu werden, hatte mir vorgestellt, wie es wäre, Ordnung zu schaffen, Menschen zu helfen, Teil von etwas Strukturiertem zu sein, bis ich irgendwann merkte, dass mein Interesse viel tiefer ging, dass mich nicht die Tat an sich, sondern die Gründe dahinter faszinierten - und so fand ich schließlich zur Psychologie.
Nun befinde ich mich im ersten Semester meines Studiums und im jetzigen Moment in meinem Studentenwohnheim, einem Ort, der sich überraschend schnell wie ein Zuhause angefühlt hat. Mein Zimmer teile ich mir mit Kim, einer zurückgezogenen, ruhigen Person, die eine fast schon stille Warmherzigkeit ausstrahlt, als wäre sie jemand, der nicht viele Worte braucht, um verstanden zu werden.
Peyton studiert leider nicht mit mir. Sie findet in keinem Bereich wirkliches Interesse und lebt stattdessen mit der Kreditkarte ihres Vaters, der stinkreich ist und ihr diese ohne Einschränkungen zur Verfügung stellt. Solange sie glücklich mit ihrem Leben ist, rede ich mir ein, ist das wohl die Hauptsache - auch wenn ich manchmal denke, dass sie sich selbst unterschätzt.
Auch meine Eltern besitzen viel Geld, doch ich möchte mir lieber etwas Eigenes aufbauen, meine eigenen Erfahrungen sammeln, meinen eigenen Weg gehen und genau deshalb auf einer Universität lernen, statt mich auf Sicherheiten zu verlassen, die mir zwar angeboten werden, sich aber nicht wie meine eigenen anfühlen.
Bis jetzt kann ich mich absolut nicht beschweren.
Ich habe viele Freunde hier, verstehe mich mit nahezu allen gut, erlebe wenig Stress und habe trotz Lernphasen genügend Freizeit. Klar, das Studium kann anstrengend sein, besonders wenn Prüfungen näher rücken, doch bisher bekomme ich alles gut auf die Reihe, ohne mich selbst dabei zu verlieren.
Meine beste Freundin besucht mich oft, und wir unternehmen viel zusammen, so wie gestern zum Beispiel, und zu meinen Eltern kann ich jederzeit zurückkehren, wenn ich das Bedürfnis danach habe.
Ich habe, objektiv betrachtet, das perfekte Studentenleben.
In genau diesem Moment klingelt mein Handy, und mich erwartet ein Anruf von Peyton.
„Guten Morgen", trällere ich, vielleicht ein wenig zu fröhlich für diese Uhrzeit.
Sie gähnt lang und ausgiebig. „Dir auch guten Morgen, du glückliches Wesen", murmelt sie, noch immer deutlich verschlafen, was mich nicht überrascht.
Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, mitten in der Woche eine solche Party zu veranstalten, hat wirklich nicht alle Tassen im Schrank. Ich sehe förmlich vor mir, wie all die Studenten, die gestern ebenfalls dort waren, heute völlig übermüdet im Hörsaal sitzen oder direkt ganz im Bett bleiben.
Außerdem hat mich ein gewisser Mann nicht wirklich schlafen lassen.
Ich hatte noch nie mit jemandem so intensiven Blickkontakt wie mit ihm, nie dieses Gefühl gehabt, dass so viel unausgesprochen in der Luft liegt, begleitet vom lauten Pochen meines eigenen Herzens.
Ich muss ihn wiedersehen.
„Du hast mich aber gestern nicht den ganzen Weg zu mir nach Hause getragen, oder?" murmelt Peyton in ihr Kissen hinein.
„Doch, natürlich war ich das", antworte ich trocken, und selbst sie hört die Ironie.
„Wieso habe ich das Gefühl, gestern ist mehr passiert und dazu auch noch etwas eigenartiges?" fragt sie, und damit liegt sie erschreckend richtig.
Denn eigenartig war es, wie wir unsere Augen kaum voneinander lösen konnten, wie wir kaum gesprochen haben und dennoch von der bloßen Anwesenheit des jeweils anderen eingenommen waren.
„Das ist es allerdings", gebe ich zu. „Angefangen bei einem Typen, der dich auf meine Bitte die Treppen heruntergetragen hat, bis zu einem Polizisten, der dich später wieder hochgetragen hat."
„Über welche Treppen sprechen wir gerade?" fragt sie verwirrt.
„Ich weiß nicht, Peyton. Vielleicht die, auf denen du eingeschlafen bist und die zu deinem Zimmer führen?"
„Ein Bulle?! Hatte ich was mit ihm?" ruft sie plötzlich euphorisch, und ich höre förmlich ihr Grinsen.
Ich lache.
„Das muss ich leider verneinen."
„Warte mal kurz... ich rufe dich später zurück. Nein, weißt du was? Ich komme nach deiner Vorlesung vorbei und du erklärst mir alles."
Bevor ich reagieren kann, legt sie auf.
Ich lege mein Handy beiseite und beginne, mich anzuziehen.
Ich entscheide mich für eine Low-Waist-Jeans in Blau und ein eng anliegendes weißes Oberteil, das einen kleinen Teil meines unteren Bauchs freilässt. Ich liebe diese Hosen, und dass sie wieder in Mode sind, kommt mir nur entgegen.
Vor dem Spiegel überprüfe ich die Passform, lasse meine langen schwarzen Haare offen fallen, tusche meine Wimpern, trage etwas Rouge auf und verleihe meinen Lippen mit leicht rötlichem Gloss den letzten Schliff.
Ein letzter Blick in meine blauen Augen, dann stecke ich mein Handy ein, greife mir Block und Stift und mache mich auf den Weg zur Vorlesung.
„Iliana!"
Kim, eine gute Freundin und ebenfalls meine Mitbewohnerin, schließt zu mir auf und passt sich meinem Tempo an. Sie steht extrem früh auf, verbringt viel Zeit in der Bibliothek und ist eine ruhige, schüchterne Person, die mir dennoch sehr ans Herz gewachsen ist.
„Hey", lächle ich.
„Wurdest du gestern von einem Polizeiauto hier rausgelassen?" fragt sie ungläubig.
„Macht das etwa die Runde?" grinse ich.
„Ich habe gehört, wie Levin es weitererzählt hat."
Diese männliche Tratschtante.
„Und was hat er noch gesagt?" frage ich, wissend, dass es nicht dabei geblieben ist.
„Dass du was mit dem Polizisten am Laufen hast und es verheimlichst."
Ich schüttle belustigt den Kopf. „Selbst wenn es so wäre, warum sollte ich es verheimlichen?"
„Genau das dachte ich mir auch!" ruft sie gestikulierend.
Ich beginne zu erklären, als Jacob uns mit einem Spruch unterbricht. „Na, die Nacht Spaß gehabt?"
„Du auch? Oder steckst du noch zu tief in deiner Trennung?" kontere ich.
Wir liefern uns unseren gewohnten Schlagabtausch, bis wir beide lachen müssen.
„Aber mal ehrlich", fragt er schließlich, „wie war's?"
„Wir hatten nichts miteinander. Ich kenne ihn nicht mal. Außerdem weißt du, dass ich nicht auf Blonde stehe."
„Dann hätte er wohl lieber Peyton nach Hause fahren sollen", meint Jacob.
„Das hat er."
„Einen Dreier?!" ruft er viel zu laut.
Ich schlage ihm gegen den Hinterkopf.
Und so setzen wir uns schließlich gemeinsam in den Hörsaal, während ich weiß, dass dieser Name, den ich nicht kenne, mir noch lange nicht aus dem Kopf gehen wird.
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Aiming at Love
RomanceIliana wusste, dass Keanu gefährlich ist. Nicht wegen dem, was er sagt - sondern wegen dem, was er verschweigt. Keanu lebt nach Regeln, die niemand kennt. Er ist verschlossen, kontrolliert und tödlich präzise. Gefühle sind in seiner Welt Schwächen. ...
