43~Nackte Wahrheit

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Song zu diesem Kapitel
You dont get my high anymore-Phantogram

Ich habe den Tag mit Peyton verbracht. Mit meiner besten Freundin fühlte sich alles ein kleines Stück leichter an. Wir hatten gelacht, geredet, über Dinge gesprochen, die nichts mit ihm zu tun hatten – und doch war Keanu da gewesen. Still. Unaufdringlich. Wie ein Gedanke, der sich nicht abschütteln ließ.

Es sind nicht viele Tage mit ihm vergangen. Und trotzdem haben sie gereicht, um mich aus meiner gewohnten Welt zu reißen. Um mir das Gefühl zu geben, als hätte sich etwas verschoben, unwiderruflich. Ich habe den Tag genossen, ehrlich. Aber selbst in den ruhigen Momenten, wenn Peyton sprach und ich zuhörte, war da dieses leise Ziehen in mir. Sein Blick. Seine Nähe. Alles, was unausgesprochen zwischen uns hing.

Jetzt ist es Abend. Die Dunkelheit hat sich über alles gelegt, und mit ihr kommt diese Schwere zurück. Keanu hatte nicht geschrieben. Kein Zeichen. Kein kleines Lebenszeichen. Und seltsamerweise macht es mich nicht wütend. Ich wusste, warum. Er ließ mir Raum. Abstand. So, wie ich es brauchte. Und genau dafür respektiere ich ihn.

Trotzdem lässt mich dieses Gefühl nicht los.

„Was hältst du davon?", frage ich Peyton schließlich. Meine Stimme klingt ruhiger, als ich mich fühle.

Sie sieht mich an, lange, ehrlich. „Ich glaube, er bedeutet dir viel", sagt sie langsam. „Und ich glaube, du ihm auch. Aber da ist noch so viel unausgesprochen. Das kann gut ausgehen – oder richtig wehtun."

Keine Warnung. Kein Urteil. Nur Wahrheit.

Ich nicke. Genau das habe ich gebraucht.

Ich weiß, dass ich so nicht weitermachen konnte. Dieses Dazwischen. Halb in seinem Leben, halb draußen. Ich akzeptiere Keanu. Alles an ihm. Seine Stille, seine Abgründe, das, was er mir noch nicht gezeigt hat. Ich habe keine Angst davor. Aber ich habe es satt, nur ein Teil zu sein. Ein Abschnitt. Ein Raum, den man öffnete und wieder schloss.

Entweder ganz.
Oder gar nicht.

Ich nehme mein Handy in die Hand, mein Herz schlägt schneller, während ich schreibe:

Ich möchte reden. Aber nicht bei dir zuhause.
Wir treffen uns bei der Bank.

Seine Antwort kommt schneller, als ich erwartet hatte.

Soll ich dich abholen?

Ein leises Ziehen in meiner Brust. Typisch Keanu.

Nicht nötig, schrieb ich zurück.

Kurz darauf sitzen Peyton und ich im Auto. Hope ist natürlich auch dabei, ruhig auf dem Rücksitz, fast so, als würde sie spüren, dass dieser Abend wichtig ist. Ich schaue aus dem Fenster, lasse die Straßen an mir vorbeiziehen und gehe das Gespräch immer wieder durch. Alles, was ich sagen will. Alles, was ich nicht mehr verschweigen werde.

Peyton lässt mich etwas weiter weg aussteigen, ich werde dem kurzen Weg mit Hope zu Fuß gehen.

Als ich die Bank sehe, stockt mir der Atem.

Er sitzt bereits dort.

Nicht so, als würde er warten, weil wir verabredet sind. Sondern so, als wäre er schon länger hier. Als hätte er Zeit gehabt. Zum Nachdenken. Zum Erinnern. Sein Blick liegt auf dem Weg vor sich, genau dort, wo ich gerade herkomme.

Mein Herz macht einen Satz.

Ich habe den Ort nicht sinnlos ausgewählt.

Hier sind wir uns schon einmal begegnet. Als wir noch Fremde waren. Als ich nicht ahnte, dass der Mann, der mir hier aufgefallen war, mein Nachbar gewesen war. Ein Teil meiner Kindheit, den ich nicht richtig zuordnen konnte.

Aiming at LoveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt