30~Der Brief

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Song zu diesem Kapitel
Where are they now?- Emily Jeffri

Die Stille im Haus ist beinahe erdrückend, so schwer, dass sie mir auf die Brust drückt und mich daran hindert, ruhig zu atmen. Nur das leise Tappen von Hopes Pfoten auf dem Parkett durchbricht diese Ruhe, während sie mir folgt, immer dicht bei mir, als hätte sie gespürt, dass etwas in mir aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Die Nachmittagssonne wirft schmale, goldene Streifen Licht durch die halbgeschlossenen Vorhänge, zeichnet klare Linien auf den Boden und die Wände. Alles wirkt so ordentlich, so perfekt arrangiert, dass es fast unnatürlich erscheint. Dieses Haus ist makellos. Und genau deshalb fühlt es sich an wie ein Gefängnis. Nicht für mich - sondern für all die Dinge, die hier verborgen liegen. Für die Geheimnisse, die Kenzo zwischen diesen Wänden versteckt.

Ich weiß, dass ich das nicht tun sollte. Dieser Gedanke begleitet mich wie ein ständiges Echo. Ich weiß, dass ich Kenzo damit betrüge, wenn ich in seinen Sachen herumschnüffele, wenn ich Grenzen überschreite, die eigentlich nicht überschritten werden sollten. Und trotzdem stehe ich hier. Weil die Ungewissheit in mir sich längst zu etwas entwickelt hat, das mich innerlich zerfrisst.

Wer ist er wirklich?
Und warum fühlt es sich an, als würde er mich immer auf Abstand halten, egal wie nah wir uns kommen, egal wie sehr ich versuche, hinter seine Fassade zu blicken?

„Okay, Iliana, nur ein Blick", flüstere ich mir selbst zu, leise, fast flehend, als könnte ich meine Schuldgefühle damit dämpfen oder zumindest rechtfertigen. Nur ein Blick. Nicht mehr. Nicht tiefer gehen. So rede ich es mir ein.

Ich beginne in seinem Arbeitszimmer. Schon beim Eintreten wird mir klar, wie sehr dieser Raum ihn widerspiegelt. Der Schreibtisch ist akribisch aufgeräumt, beinahe steril. Kein einziges Blatt Papier liegt herum, kein Zettel, keine lose Notiz. Ich ziehe die Schubladen auf, eine nach der anderen, doch sie sind fast leer - ein paar Kugelschreiber, ordentlich nebeneinandergelegt, und ein Block, auf dem nichts geschrieben steht. Leere. Kontrolle. Ordnung.

Hope setzt sich neben mich und beobachtet mich neugierig, ihren Kopf leicht schiefgelegt, als würde sie genau wissen, dass ich etwas tue, das ich eigentlich nicht tun sollte. Ihr Blick fühlt sich beinahe anklagend an.

„Hilf mir lieber, einen Schlüssel zu finden", murmle ich, mehr zu mir selbst als zu ihr, während ich weiter durch den Raum gehe.

Ich öffne eine Tür nach der anderen, doch die verschlossenen Räume bleiben mir verwehrt, wie bewusst gesetzte Barrieren. Ich hebe Teppiche an, schaue unter Möbel, durchsuche die Bücherregale - systematisch, fast verzweifelt. Doch da ist nichts. Keine Spur eines Schlüssels. Keine Spur von irgendetwas, das mir helfen könnte, die Puzzleteile zusammenzusetzen.

Gerade als ich aufgeben will, fällt mein Blick auf eine kleine Kiste in der Ecke eines Regals. Sie wirkt unscheinbar, fast so, als würde sie gar nicht dazugehören. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen, während ich sie vorsichtig herunternehme.

Ich öffne den Deckel und finde einen Stapel Briefe. Die meisten sind in einem einfachen, anonymen Umschlag, ohne Absender.

Mein Blick fällt auf einen Brief, der obenauf liegt. Die Handschrift ist geschwungen, beinahe zärtlich.

Mein Atem stockt, als ich beginne zu lesen:

Ich hoffe, dass dieser Brief dich erreicht. Ich wollte dir nur sagen, dass ich die Blumen bekommen habe. Sie waren wunderschön - genau wie damals, als wir noch gemeinsam durch den Garten gegangen sind. Weißt du noch, wie du immer darauf bestanden hast, die Rosen zu schneiden, obwohl ich gesagt habe, dass sie sich noch nicht öffnen sollten?

Es tut mir gut, zu wissen, dass du an mich denkst. Hier geht es mir inzwischen besser. Es ist nicht einfach, aber ich habe gelernt, mit dem Alltag umzugehen. Und trotzdem - jeder Tag ohne dich fühlt sich unvollständig an.

Aiming at LoveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt