05~Augen wie Honig

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Nach meiner Vorlesung für den heutigen Tag will ich eigentlich nur noch eines: zurück in mein kuscheliges Bett, weg von all den Stimmen, Gesichtern und Gedanken, die mir seit Stunden durch den Kopf gehen. Mein Körper ist müde, doch mein Geist weigert sich standhaft, einfach abzuschalten.

Heute haben wir über die Gefühlsregung gesprochen, die den Menschen überkommt, sobald er sich verliebt. Ein Thema, das mich unerwartet mehr mitgenommen hat, als ich zugeben würde, vor allem weil ich nicht damit gerechnet hatte, mich selbst in so vielen Beschreibungen wiederzufinden.

Und ich habe besonders gut aufgepasst. So gut sogar, dass nicht nur ich selbst, sondern auch Jacob und Kim überrascht davon waren, mich derart aufmerksam und still zu erleben.

Meistens ist es nämlich so, dass wir nur mit halbem Ohr zuhören, halb anwesend, halb schon wieder in unseren eigenen Welten verschwunden. In meinem Fall vor allem deshalb, weil ich mich selbst überschätze und oft denke, ich wüsste ohnehin schon alles, zumindest genug, um nicht überrascht zu werden.

Heute jedoch nahm ich jedes einzelne Wort des Professors in mich auf und konzentrierte mich, als hinge mein Leben davon ab, als müsste ich mir jede Information einprägen, um etwas zu verstehen, das sich bisher nicht greifen ließ. Ich bin mir sicher, niemand sonst hatte sich dieselbe Mission auferlegt wie ich.

Ein Wort hat sich dabei besonders tief in mein Gehirn eingebrannt: Adrenalin.

Es ist mitverantwortlich für die Ruhelosigkeit, das Kribbeln und diese berühmten Schmetterlinge im Bauch, von denen Verliebte bei ihren ersten Treffen so oft sprechen. Die Pupillen weiten sich, der Atem wird schneller, Herzrasen tritt auf und der Körper wird mit Glückshormonen überflutet, als würde er in einen Ausnahmezustand versetzt werden, den man weder kontrollieren noch verhindern kann.

Aus rätselhaften Gründen fühlte ich mich davon komplett angesprochen, fast ertappt, als hätte jemand laut ausgesprochen, was ich selbst nicht einordnen wollte.

Vor meiner Zimmertür sehe ich bereits eine wieder erstaunlich muntere Peyton stehen, voller Energie, als hätte sie keinen anstrengenden Tag hinter sich. Ich hatte ohnehin die Vermutung, dass sie sich auf den Weg machen würde, da sie meine Vorlesungszeiten hier besser kennt als ich selbst und nie lange braucht, um aufzutauchen.

Doch sie ist nicht allein.

Gegenüber von ihr steht ein blonder Typ, etwas unsicher in seiner Haltung. Beim genaueren Hinsehen erkenne ich Austin. Ein ziemlich schlauer Student, der mit seiner Brille auf der Nase nie Probleme hat, die Leinwand zu erkennen und vermutlich immer genau weiß, worum es geht.

Er trägt gefühlt nie etwas anderes als Hemden, ordentlich in Jeans gesteckt, dazu ein etwas dickerer Gürtel, als wäre genau das seine Uniform, sein sicherer Hafen.

Darf ich vorstellen: Peytons Geschmack in Männern.

Sie braucht jemanden, bei dem sie dominant sein kann, jemanden, der ihr Raum gibt, sich auszuleben. Jemanden mit einer liebevollen Seele, der mit ihr seine ersten Erfahrungen im Schlafzimmer sammeln würde. Dazu kommt, dass sie bisexuell ist und ihr Typ bei Frauen nicht viel anders ausfällt.

Auch wenn sie es jederzeit mit mir tun würde - ihre Worte.

Das macht jedoch rein gar nichts merkwürdig zwischen uns. Sie möchte erst einmal ihren Spaß mit Menschen hier und da haben, ohne dabei Herzen zu brechen, während ich mich nur ein einziges Mal verlieben will - und dann für die Ewigkeit, ohne Umwege, ohne halbe Sachen.

„Deine Brille macht dich verdammt attraktiv. Hat dir das eigentlich schon mal jemand gesagt?", höre ich ihre Stimme.

Sie wickelt sich eine Strähne um den Finger und blinzelt ihm verführerisch in die Augen, vollkommen in ihrem Element.

Aiming at LoveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt