08~Der Nachbarsjunge

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Song zu diesem Kapitel
Cry Baby-The Neighbourhood

„Willst du mir helfen, ein Haus auszusuchen?"
Plötzlich wechselt er das Thema, nachdem wir uns viel zu lange still angestarrt haben und all das Ungesagte wie eine unsichtbare Schicht zwischen uns in der Luft hing. Es fühlt sich an, als hätte dieses Schweigen mehr gesagt als Worte es je könnten.

Verwirrt ziehen sich meine Brauen zusammen, während ich versuche, seinen Gedankensprung nachzuvollziehen.
„Was meinst du?"

„Naja, ich bin ja nicht umsonst mit meiner Dieb-Mütze hier."
Er hebt kurz die Hand und deutet auf sie, als wäre das die logischste Erklärung der Welt.

Also entweder denken wir gerade erschreckend gleich, oder ich habe aus Versehen etwas laut gedacht, das definitiv in meinem Kopf hätte bleiben sollen. Beides ist nicht sonderlich beruhigend.

„Ach, du meintest das ernst."
Ich stelle es fest und beiße mir unbewusst auf die Innenseite meiner Wange. Das Timing dafür könnte wirklich ungünstiger kaum sein.

„Wenn es so wäre. Welches würde es sein?"
Also ist es doch nicht so? Oder doch? Er will mich ganz sicher aufziehen. Und wenn er wirklich ein Verbrecher wäre, dann würde ich das nicht tolerieren - so viel steht fest.

Seine Augen funkeln verdächtig, allerdings auf eine spielerische, neckende Weise, die mich daran zweifeln lässt, ob ich ihm überhaupt irgendetwas wirklich übelnehmen könnte.

Bevor ich mich aufhalten kann, spreche ich bereits.
„Mir käme da direkt die Familie Petrović in den Kopf. Aber von denen habe ich Ewigkeiten nichts gehört. Ich denke auch nicht, dass sie hier noch wohnen."
Hoffentlich liefere ich damit niemanden ins offene Messer.

Schlagartig taucht Neugier in seinem Gesicht auf, unverhohlen und ehrlich.
„Und warum käme sie dir in den Kopf?"

„Deren Sohn hat mir, als ich sechs war, immer so eine riesengroße Taschenlampe in mein Zimmerfenster gestrahlt. Ich hatte so mächtige Angst davor, weil ich dachte, mich würden gleich die Aliens holen."
Während ich erzähle, spiele ich mit dem Saum meiner Hose, fahre mit dem Zeigefinger gedankenverloren die kleinen Herzchen nach.
„Er wusste ganz genau, dass ich heulend unter meiner Decke lag und mich nicht einmal getraut habe, zum Fenster zu schauen."

Ich habe den Jungen ehrlich gesagt nie richtig beachtet. Ich hatte meine Freunde, er hatte seine. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass wir jemals ein Wort miteinander gewechselt hätten.

Vielleicht war es genau das.
Dass ich ihm egal war.

Deswegen verabscheute ich ihn als Kind. Ich fragte mich lange, warum jemand so etwas tat, ohne Grund, ohne Schuldgefühl.

Warum ich ausgerechnet dem Schönling neben mir diesen Namen nenne und ihm auch noch empfehle, dort einzubrechen - falls er wirklich so jemand ist -, überrumpelt mich selbst.

Der nächste Gedanke trifft mich unvorbereitet: dass ich ihn begleiten würde. Um aufzupassen. Als hätte ich irgendeine Kontrolle.

Als wäre Einbrechen allein harmlos.

„Du meinst, er hatte Spaß daran?"
Er versucht, es einzuordnen, während ich zum Antworten ansetze und genau bemerke, wie sein Blick kurz zu meinen Lippen wandert.

War das eben auch schon so gewesen, ohne dass ich es bemerkt habe?

„Ja!"
Ich nicke leicht, während ich weiterrede.
„Er war immerhin ein paar Jahre älter als ich und hat meine Naivität ausgenutzt. Schlimmer wurde es, als er es mehrmals die Woche tat, ich nie schlafen konnte und die Anfangszeit in der Schule komplett verhaute."
Meine Stimme wird schneller.
„Ich wollte meinen Eltern auch nie den Grund nennen, weil ich Angst hatte, sie würden genauso viel Angst haben wie ich."

Aiming at LoveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt