Die Lichter der Kirmes kleben noch an mir.
Wie ein Nachbild auf der Netzhaut, wie Glitzer, der sich in die Haut frisst und sich weigert, loszulassen – selbst jetzt, wo sie längst hinter uns liegt.
Ich lehne den Kopf an die kühle Scheibe, beobachte die Spiegelungen der Straßenlaternen, wie sie sich dehnen, verzerren, verschwinden. Alles zieht vorbei, und ich bleibe zurück. Ein leises Lächeln legt sich auf meine Lippen, überraschend sanft.
Vorhin war ich leicht.
Nicht oberflächlich-leicht – sondern so, als hätte mir jemand das Gewicht von den Schultern genommen, das ich seit Jahren trage, ohne es noch zu bemerken.
Für ein paar Stunden war mein echtes Leben pausiert gewesen.
Ich hatte nicht an morgen gedacht.
Nicht an Verpflichtungen.
Ich war einfach nur da.
Und glücklich.
So glücklich, dass es fast wehgetan hat.
Jetzt sitze ich im Auto, der Motor brummt ruhig vor sich hin, und diese Leichtigkeit beginnt langsam zu bröckeln. Nicht abrupt. Sondern schleichend.
Wie Glas, das feine Risse bekommt, bevor es springt.
„Also", sage ich schließlich und räuspere mich, weil meine Stimme zu dünn klingt, „wo schlafen wir eigentlich heute?"
Er wirft mir einen kurzen Blick zu. Dieses schiefe Grinsen, das mehr verspricht, als es erklärt.
„Ich werde was finden."
Ich ziehe die Knie etwas an, verschränke die Arme. Plötzlich fühle ich mich wieder klein in dieser großen Freiheit, die eben noch so selbstverständlich war. Zerbrechlicher, als mir lieb ist.
Meine Gedanken streifen mein Studentenwohnheim. Es gehört noch zu meinem Leben.
Aber es passt nicht mehr zu meinem Leben.
Der Gedanke, heute Nacht allein in diesem schmalen Bett zu liegen – während er und Hope irgendwo anders sind – zieht mir kurz die Luft ab. Und ich hasse mich ein wenig dafür, wie deutlich mir das wird.
„Ich muss morgen zur Uni", sage ich leiser. „Zu Vorlesungen. Ich kann nicht einfach verschwinden."
Er nickt langsam. Kein Zögern. Keine Diskussion.
„Versteh ich."
Aber zwischen uns hängt dieses unausgesprochene Und was wäre, wenn nicht wie eine Spannung im Raum.
Ich starre nach draußen. Die Straßen werden leerer, dunkler. Die Nacht fühlt sich plötzlich nicht mehr nur nach Freiheit an – sondern nach Entscheidung.
„Ich werde da heute nicht bleiben", sage ich schließlich ehrlich. „Aber ich muss kurz hin. Sachen holen."
„Natürlich."
Diese Ruhe in seiner Stimme ist gefährlich beruhigend.
Zu einfach. Zu selbstverständlich.
Wir fahren zum Wohnheim. Die Lichter werden greller, nüchterner. Beton statt Kirmes. Alltag statt Rausch. Als wir anhalten, steige ich aus, ziehe meine Jacke enger um mich.
„Bin gleich wieder da."
Ich spüre seinen Blick im Rücken, bis ich durch die Tür verschwinde.
Mein Zimmer wirkt kleiner als sonst. Kälter. Als hätte es gemerkt, dass ich innerlich schon einen Schritt weiter bin. Ich verschwende keine Zeit. Ziehe den Koffer unter dem Bett hervor, reiße den Schrank auf. Jeans, Tops, ein schwarzes Kleid, das ich früher nur zu besonderen Anlässen getragen habe. Heute fühlt es sich richtig an, es mitzunehmen – fast wie eine stille Entscheidung.
Im Bad stopfe ich Make-up, Parfum, Pflegeprodukte ein. Dinge, die mir ein Gefühl von mir selbst geben. Dann meine Lernunterlagen. Skripte, Notizen, Ordner. Ich brauche sie. Auch wenn ich gerade so tue, als würde ich sie nicht brauchen.
DU LIEST GERADE
Aiming at Love
RomanceIliana wusste, dass Keanu gefährlich ist. Nicht wegen dem, was er sagt - sondern wegen dem, was er verschweigt. Keanu lebt nach Regeln, die niemand kennt. Er ist verschlossen, kontrolliert und tödlich präzise. Gefühle sind in seiner Welt Schwächen. ...
