35. Versöhnung

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Drei Tage waren es jetzt her. Drei Tage, seit Ginny sich in ihr Zimmer eingeschlossen hatte, als würde sie sich damit vor allem schützen, was draußen zu laut, zu falsch oder zu schmerzhaft war. Und Harry hatte jeden einzelnen dieser Tage auf dem Flur davor verbracht. Erst mit Worten, dann mit Schweigen.

Sein schlechtes Gewissen nagte an ihm und schien ihn von innen heraus aufzufressen. Er bereute seine Entscheidung, Ginny die Sache mit Seamus zu verheimlichen, zutiefst. 

Ihm war klar geworden, dass es nicht seine Entscheidung zu treffen gewesen war. Ginny hatte ein Recht darauf gehabt, es zu erfahren.

Aber Harry war nicht der Einzige, der mit Ignoranz bestraft worden war. 

Seit mehreren Tagen fand auch Ron kein offenes Ohr mehr bei seinen Freunden. Dean und Seamus hatten sich abgewendet, ohne Abschied, nur mit Blicken, die zu lang auf dem Boden ruhten.

Harry lag in seinem Zimmer auf dem Bett und starrte an die Decke, an den Wasserfleck über ihm, der vage an eine Landkarte erinnerte. Vielleicht Italien. Vielleicht einfach nur ein geplatztes Rohr.

Er hatte es vermasselt. Das Gefühl lag in ihm wie eine erkaltete Tasse Tee, vergessen auf dem Fensterbrett.

Er wollte Ginny schützen. Vor Seamus. Vor der Wahrheit. Und jetzt redete sie nicht mehr mit ihm. Nicht, weil sie es nicht konnte - sondern weil sie es nicht wollte.

Was wog schwerer? Die Wahrheit oder der Schmerz, den sie auslöste.

Und dann noch dieser Satz, der in ihm nachklang wie ein Gong:

 ,,Ich will keinen Potter in meinem Haus."

Diese Worte hallten in ihm nach wie ein Fluch. Er hatte sie gehört, sie gespürt, als hätte jemand sie auf seine Haut geschrieben, glühend und unauslöschlich.

Mr. Granger war ihm fremd. Er hatte ihn dort zum ersten Mal gesehen. Harry hatte gespürt, dass dieser Satz tiefer ging als bloßer Zorn. Da war etwas Persönliches gewesen. Etwas Altes. Etwas, das gar nichts mit ihm zu tun haben konnte - oder?

Er wandte seinen Kopf zur Seite. Dort lag Hermines Schal, sorgsam über die Stuhllehne gefaltet. Sie hatte ihn vergessen, als sie ihm eine Gute Nacht gewünscht und in ihr eigenes Gästezimmer gegangen war. 

Hermine schien fast entschlossen, sich mit Wärme zu umgeben - sei es durch Tee, durch Geschichten oder durch ihn.

Harry setzte sich auf und fuhr sich durch die Haare.

Er hatte nicht gewusst, wie sehr es ihn entlasten würde, einfach mal gefragt zu werden: ,,Was möchtest du?" Nicht: Was bist du? oder Was musst du sein? - sondern einfach, wer er sein möchte.

Und dann war da Hermine. Die ihn nicht auch nur eine Sekunde glauben ließ, dass er für das Verhalten ihrer Eltern verantwortlich war. Die ihn ansah, als hätte sie schon die Vision von Harry gesehen, die er selbst kaum zu träumen wagte. Und trotzdem bei ihm blieb - auch in diesem Übergang, in dem er sich selbst noch nicht ganz kannte.

In den letzten Tagen war sie wie ein Kontrast zu allem anderen gewesen. Wo Ginny Mauern hochzog, riss Hermine sie ein. Wo andere ihn verurteilten, hörte sie zu. Und sie war da - konsequent, unbeirrbar, fast so, als hätte sie beschlossen, dass er der sichere Ort war, den sie schon so lange gesucht hatte.

Sie schlief nicht bei ihm. Natürlich nicht. Das hier war das Haus der Weasleys. Regeln waren Regeln, und Respekt vor Gastfreundschaft war wichtiger als jugendliche Sehnsucht. 

Natürlich war Harry nicht so naiv zu denken, dass sich alle an diese Regel hielten. Mehr als einmal hatte er Lavender gesehen, die sich morgens vor Sonnenaufgang aus Rons Zimmer schlich.

Das Leben von Harry Potter (wird derzeit überarbeitet)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt