Sicht Timothy Dugan
London, 1964
Ich wurde beobachtet, das wusste ich. Die Jahre im Zweiten Weltkrieg lehrten mir, immer meine gesamte Umgebung im Auge zu behalten. Selbst wenn man sich sicher fühlte. Irgendetwas stimmte nicht.
Aber wie hatten sie mich gefunden? Oder besser, wer hatte mich gefunden.
Ich war teil des Howling Commandos unter der Führung Captain Americas gewesen, die Nazis wurden zerschlagen, Hydra zerbrach, oder zumindest dachten wir das. Ich beschleunigte meine Schritte. Ich hatte vertrauliche Informationen erhalten, die ich Peggy Carter oder Howard Stark, irgendwem, zuspielen musste.
Ich umklammerte den Brief mit den Informationen, die die gesamte Welt verändern könnten, fest in meiner Jackentasche als hänge mein Leben davon ab. In gewisser Weise tat es das auch. Ich musste es nur bis zur U-Bahnstation Jubilee Line schaffen, dann könnte ich direkt zur der Shieldfiliale in London fahren.
Die Straßenlaternen erleuchteten die Straßen nur spärlich. In einigen Seitengassen konnte man nur ein paar Schritte weit sehen. In jeder von ihnen könnte der Tod lauern.
Ich beschleunigte erneut meine Schritte und die kalte Nachtluft fing an in meinen Lungen zu brennen. Irgendjemand, oder irgendetwas, war mir dicht auf den Fersen.
Ich fing an zu rennen. In den dreckigen Pfützen am Boden spiegelte sich das silbrige Mondlicht. Keine einzige Person war zu sehen. Die Kirchturmuhr schlug drei Uhr.
Endlich. Am Ende der Straße leuchtete das U-Bahnschild der Jubilee Line. Ein einzelner Schuss zerschnitt die Stille der Nacht und das Wasser in der Pfütze vor mich wurde von einer Pistolkugel aufgestoben wie eine Fontäne.
Das Blut dröhnte in meinen Ohren und jeder einzelne Muskel brannte und flehte, sich entspannen dürfen, doch ich rannte. Ich lebte von einem Herzschlag zum nächsten, wusste nicht ob ich die nächste Sekunde erleben werde.
Im Krieg hatte ich dem Tod so oft ins Auge gesehen, doch es war immer noch so verdammt beängstigend.
Ein weiterer Schuss und ich duckte mich in den Eingang zur U-Bahnstation der Jubilee Line. Geschafft. Die komplette Station war menschenleer wie in einer Geisterstadt. Mein Blick schnellte zum Fahrplan. 6 Minuten dann würde die nächste Bahn kommen.
Meine Augen scannten unablässlich die Umgebung ab. Ich stellte mich an den Rand des Bahnsteigs und lugte in die gähnende tiefschwarze Öffnung , aus der die Scheinwerfer der U-Bahn jeden Moment auftauchen sollten. "Komm schon, komm schon, komm schon!", murmelte in mich hinein.
Obwohl ich die ganze Zeit meine Umgebung im Blick gehabt hatte, war es bereits zu spät als ich ihn bemerkte.
Ein Mann mit enger Lederrüstung und Gurten, an denen unzählige Waffen und Messer befestigt waren stand direkt hinter mir am Bahnsteig. Er hatte feste Lederstiefel und etwas längere braune Haare. Die Hälfte seines Gesichts war von einer schwarzen Maske überdeckt. Seine stechend blauen Augen starrten mich an, doch das war nicht das Auffälligste an ihm. Das, was einem ins Auge stach war der silbernglänzende Metallarm.
Irgendwo in den hintersten Ecken blitzte ein Name auf. Vor zehn Jahren, ein überflogener Bericht über ein Massaker ohne Hinweise auf den Täter.
Der Winter Soldier.
Hydras Geheimwaffe.
Ich packte den Brief in meiner Jackentasche fester, damit ich zumindest irgendwas hatte an das ich mich klammern konnte. Ich hatte den Bericht für das Gefasel eines verstörten Mannes gehalten, der den Winter Soldier erfunden hatte um das Unerklärliche zu erklären. Wir wussten nicht, wer er war und was ihn zu dem gemacht hatte der er war. Ich wusste nur, dass die Liste seiner Mordopfer heute Nacht um einen Namen länger wird. Und es würde mein eigener sein.
Für einen unendlichen Moment starrten wir uns gegenseitig an.
...wieso kam diese Person mir so bekannt vor. Diese Augen... wie oft schon hatte ich in diese entschlossenen Augen geblickt, als alles um mich herum explodierte und ein Blick zu ihm hatte gereicht, und ich hätte meinen Kampfesmut wieder gefunden.
"Bucky?"
Doch etwas fehlte in diesen Augen. Sie hatten ihren Funken verloren. Sie waren matt und abgestumpft wie bei denen eines Toten... oder einer Maschine.
Es war keine Regung in dem Gesicht meines Gegenübers zu erkennen. Kein Zucken der Augenlider, kein Runzeln der Stirn, wie James es früher immer getan hatte. Nichts.
Und mit einem mal wurde mir klar, dass nicht James vor mir stand. Wer auch immer diese Person war, Bucky war es nicht mehr.
Ein heller Lichtblitz tauchte auf und es dauerte einen stockenden Herzschlag bis ich realisierte, dass eine metallene Faust meine Kehle umschloss und mich über die Kante des Bahnsteigs hielt. Ich jauchzte nach Luft und meine Füße tasteten nach Boden doch da war nichts als Leere.
Ich versuchte den Griff zu lockern, doch er hielt mich mit eiserner Kraft gepackt.
"Bucky, bitte", flehte ich, doch natürlich war es zwecklos. Dieses Monster war kein Mensch mehr, geschweige denn einer meiner besten Freunde.
Der Brief würde nie Shield erreichen.
Ich war verloren.
Shield war verloren.
Die gesamte Welt war verloren.
Ich hatte sie alle enttäuscht.
Ein letztes Mal blickte ich in die Augen meines Mörders. Sie waren so hart und eisern wie sein Metallarm.
Ein Hupen ertönte. Und ein Lichtkegel tauchte im Tunnel auf.
Die Bahn fuhr ein.
Und der Winter Soldier ließ los.
Sicht Bucky
London, 2015
Ich ordnete mich in dem Strom der Leute ein, die zur Jubilee Line eilten. Ich beobachtete sie. Große Leute, kleine Leute. Leute die gerade von der Arbeit kamen und welche, die gerade erst aufbrachen.
Dieser Ort kam mir so bekannt vor, doch seine Erinnerungen an ihn waren verschwommen und unvollständig als würde ich versuchen, die Erinnerungen durch mehrere Metern von Wasser zu erkennen. Ich passierte den Ticketschalter und ging zu den Gleisen.
Einen Moment hielt ich inne, als ich das Denkmal sah. Eine verzerrte Erinnerung tauchte in meinem Kopf auf, doch bevor ich irgenentwas erkennen konnte, sickerte die Erinnerung durch die Risse meines zerbrochenen Geistes und war verschwunden. Ich schluckte hart, ehe ich mir einen Weg durch die Londoner dorthin bahnte.
Irgendwann stand ich davor. Das Denkmal war lediglich eine Goldplakette auf der stand: In Gedenken an Timothy Dugan, dem Stellvertreter des Howling Commandos, der sich hier am 12.10.1964 das Leben nahm. Wir werden dich nie vergessen.
Ich weinte, stellte ich fest. "Es tut mir so so leid", murmelte ich.
Und so stand ich nun da, 50 Jahre später an der Stelle, an der ich einen meiner engsten Freunde ermordet hatte.
Damals war der Bahnsteig vollkommen verlassen gewesen, doch diesmal stand ich in der Rush Hour des modernen Londons und trotzdem fühlte ich mich genauso einsam wie damals.
Mit niemanden auf der Welt, dem ich noch irgendetwas bedeutete.
DU LIEST GERADE
Marvel Oneshots
Fanfiction~Marvel Oneshots~ Auch Gay-Ships! Don't like it, don't read it! Started: 15.1.19
