„Da seid ihr ja", begrüßte uns Ian, und kam etwas gehetzt, ums Eck schießend, bei uns zum Stehen. Wieder einmal in einem perfekt sitzenden Dreiteiler. Dieses Mal von einem schönen Silbergrau, dazu ein schwarzes Hemd, welches ihm stand, und seine schlanke, lange Figur betonte. Fuhr sich sichtlich erleichtert, uns wohl endlich angetroffen zu haben, durchs Haar und lächelte von Ronja zu mir und wieder zurück.
Wir hatten am Morgen ausgemacht, uns nach seinem Meeting mit den wichtigen Franzosen, in der Stadt zu treffen und für Ronjas vorübergehendes Zimmer zu shoppen. Auf den Vorschlag, noch ein paar Tage bei mir zu verbringen, war er partout nicht eingegangen. Schade irgendwie. Ich mochte es, wenn in meinem Haus Leben herrschte. Nicht nur, wenn meine Schwester mit ihren Zwillingen zu Besuch da war. Dieser Trubel in der Früh, das gemeinsame Frühstück wie heute Morgen, fehlten mir. Manchmal fühlte ich mich echt einsam in meinem für mich alleine zu großen Haus.
Wir hatten zusammen mit Ronja aus Ermangelung an Lebensmitteln und der gähnenden Leere in meinem Kühlschrank, Samstag war immerhin Einkaufstag, Pancakes zubereitet. Ian hatten wir währenddessen schlafen lassen. Er konnte es gut brauchen, bei dem ganzen Stress, dem er zurzeit ausgesetzt war. Und wenn die Kleine schon mich statt ihn weckte, konnte man diesen Umstand auch positiv ausnutzen. Kaum, dass das Essen fertig war, kam ein verwuschelter und gähnender Ian, leidlich in Jogginghose und Shirt die Treppe hinunter, sodass wir gemeinsam frühstücken konnten. Barfuß, schnucklig, zum Anbeißen. Verdammt auch, ich hatte mir das Ungeziefer in meinem Magen, von gestern Abend nicht eingebildet. Die ganze Nacht, in der ich mich von einer auf die andere Seite gewälzt hatte, hat es da drin rumort und ich hatte mir noch gut zugeredet, es läge an dem Bier, welches von einer auf die andere Seite schwappte und nicht an dem sehr süßen Nachbarn, den ich plötzlich nicht nur aus der Ferne, sondern von ganz Nahem anschmachten konnte.
Gott, ja, ich war sichtlich reif für eine eigene Familie, wenn ich mir schon, mir nichts, dir nichts, die von nebenan einquartierte und am liebsten gar nicht mehr weglassen würde. Aber so einfach war es eben nicht. Die ganzen Jungs in den Clubs, oder bei den einschlägigen Plattformen wollten Sex. Unverbindlich. Anonym. Sie wollten sich alle austoben, niemand von denen wollte heiraten, vielleicht ein, zwei Kinder adoptieren und ein stinknormales, glückliches Leben führen. Vielleicht war ich zu altmodisch? Zu romantisch? Ach, keine Ahnung. Zumindest war ich einsam. Eine alte Seele, in dem Körper eines Fünfundzwanzigjährigen.
„Hab ihr schon gegessen?", wollte er wissen, atmete tief durch und sah sich um. Wie immer Samstagmittag war auch in diesem Shoppingcenter viel Trubel. Überall wuselten Pärchen, Familien, oder Grüppchen an Freunden umher und es herrschte stetiges Treiben. „Gott, ich war schon Ewigkeiten nicht mehr hier", setzte er abschließend hinzu und lächelte erneut. Dabei wirkte er etwas überfordert. Vielleicht lag es am Laden, vielleicht auch an der ganzen Situation. Dass Ronja ihm nach wie vor die kalte Schulter wies und kein Wort zu ihm sagte, trug wohl auch nicht zur Besserung bei.
Ach, keine Ahnung. Irgendwie fühlte ich mich ja auch etwas komisch. Zum Teil fühlte es sich an, als wären wir Fremde und Freunde zugleich. Jedenfalls für mich. Ihm schien es wohl ähnlich zu gehen, weil er nicht wusste, wie er mir begegnen sollte. Aber die Ereignisse von gestern und unser Abend auf dem Sofa hatte uns irgendwie zusammen geschweißt. Und doch war alles sehr surreal. Wir waren uns nahe und gleichzeitig unendlich weit entfernt.
Ich verneinte und fragte Ronja, auf was sie Hunger hatte, um ihm die Niederlage, erneut von ihr abgewiesen zu werden, zu ersparen. Und wie wohl eins von vielen Kindern bestand sie auf eine riesige Portion Pommes mit ganz viel Ketchup.
Gemeinsam suchten wir uns ein Restaurant, nahmen Platz und gaben die Bestellung auf. Dann, als sich der Trubel legte, wurde es still an unserem Tisch. Ronja sah demonstrativ weg, und Ian rutschte sich sichtlich unwohl fühlend auf seinem Platz hin und her.
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Sweet Easter
RomanceKleine Oster-Kurzgeschichte, die sich langsam zu etwas Längerem entwickelt ... Ein junger Anwalt mit Leib und Seele, kurz vor einer wahnsinnig wichtigen Beförderung, die er auf keinen Fall vergeigen darf, versinkt in Stress und Überstunden. Und als...
