Eigentlich hatte ich es noch gar nicht erzählen wollen und doch war es mir herausgerutscht. Vielleicht wollte ich sie schockieren, vielleicht den indirekten Vorwurf, ich würde die Arbeit Colin vorziehen, von mir weisen. Aber eigentlich war es egal. Die Katze war aus dem Sack und ich blickte ein klein wenig zufrieden in fassungslose Gesichter.
Ella, die schon vor meiner Auseinandersetzung mit Mama auf Abstand gegangen war, ließ sich ächzend auf der Bank, die auf Colins Veranda stand, nieder. Und Mama, ja, die sah mich mal wieder mit ihrem distanzierten Gesichtsausdruck an. Gott, wie ich diesen hasste. Da wusste ich nie, wo ich dran war. Hegte aber langsam den Verdacht, dass sie sich und ihre Gefühle so sehr von der Außenwelt verschloss, dass es ihr mittlerweile unmöglich war, diese ungefiltert zu zeigen. Stattdessen saß die steinerne Miene, wie professionell einstudiert.
Schon unser ganzes Gespräch über hatte sie sich fest im Griff. Ihre Stimme, ihre Mimik, ihre Gestik. Sie explodierte dieses Mal nicht einmal, wenn ich sie reizte, wie all die Male zuvor. Denn das war sonst das einzig Echte an Emotionen, was ich aus ihr heraus bekam. Ich wusste, warum sie es tat, wusste, dass sie versuchte, dieses Gespräch eben nicht eskalieren zu lassen. Weil es längst überfällig war. Weil die Worte herausmussten. Von ihr, von mir, um endlich diese Mauer einzureißen, gegen die wir liefen und liefen. Die uns verletzte. Mich. Sie. Ella und Ronja, die dazwischen standen und alles abbekamen.
Ja, doch, ich glaubte ihr, dass es ihr leidtat, und ich glaubte ihr sogar, dass sie wollte, dass ich glücklich war. Und dennoch konnte ich diese Enttäuschung nicht von mir schütteln. Es hatte mich verletzt. Tief verletzt. Es hatte mich verändert und es hatte mich selbst glauben lassen, nicht genug zu sein. Oder erst etwas Wert zu werden, wenn ich zumindest in meiner Karriere an der Spitze mitwirkte. Mag sein, dass ich mich selbst unter Druck gesetzt hatte, mag auch sein, dass es unfair war, ihr dafür die ganze Schuld in die Schuhe zu schieben. Trotzdem liefen meine Gefühle nach wie vor Amok. Keine Ahnung, ob es tatsächlich an Colin lag, oder einfach daran, dass ihr Vorwurf ein Tropfen zu viel des Guten war. Aber irgendwo hatte ich ihre Methoden, mich in die richtige Richtung zu schubsen, satt.
„Warum?", erklang es atemlos und ich wirbelte überrascht herum. Nicht Mama oder Ella hatten gefragt, nein, Colin stand plötzlich in der Tür und sah mich sichtlich geschockt an. Verdammt auch! Ihm wollte ich es tatsächlich in einer ruhigen Minute erzählen, die sich bis dato nicht ergeben hatte. Trotzdem musste ich da wohl jetzt durch, im Beisein meiner Familie, denn er sah nicht danach aus, als würde er sich auf später vertrösten lassen. Aber wenn ich ehrlich war, hatte niemand von ihnen etwas damit zu tun, somit war es vielleicht wirklich das Beste, allen gleichzeitig davon zu erzählen.
„Weil mich die letzten Wochen nicht glücklich gemacht hatten. Dieser extreme Konkurrenzkampf, dieser Stress und dann das Verhalten so mancher Kollegen, hatte gezeigt, dass es all die Arbeit nicht Wert war", fing ich meine Erzählung an und sah dabei nur in Colins Augen. Dieser öffnete den Mund, wollte was sagen, schloss ihn aber wieder. Im Gegenzug zu Ma, spiegelten sich in seinem Gesicht sämtliche Gefühlsregungen wider. Fassungslosigkeit, genauso wie Mitgefühl oder auch Wut.
„Die Zeit mit Ronja und die Auszeit, die ich über die Feiertage haben wollte, hatten dazu geführt, dass mein engster Konkurrent auf die Barrikaden ging und mich statt freizustellen, mit noch mehr Arbeit zuschüttete. Da hatte es endgültig gereicht. Wenn ich ehrlich bin, ich will so ein Leben nicht führen. Ein Leben, in dem ich nicht einmal ein paar Tage Zeit für meine Familie erübrigen konnte. Also hab ich meinem Chef eine lange, ausführliche Kündigung mit allen Gründen geschickt", endete ich, zuckte mit den Schultern und betrachtete weiterhin sein fassungsloses Gesicht.
„Unseretwegen?", flüsterte er schon fast brüchig und für einen Augenblick schloss ich die Augen. Nein! So sollte er nicht denken. Ich tat es nicht für uns. Und wenn, dann tat ich es, weil ich es wollte. Nur ich. Er hatte weder die Schuld, noch war er der alleinige Grund. Als öffnete ich meine Augen wieder. Blickte ihm fest in die seinen und schüttelte vehement den Kopf.
„Ich mach' das, weil in meinem Leben was nicht richtig läuft. Nur, weil es mir durch Ronja und dich begreiflich wurde, bedeutet das nicht, dass ich meine Stellung aufgebe, um mit dir zusammen zu sein", sagte ich mit fester Stimme. Griff nach seinen Händen und zog ihn näher zu mir heran. „Du bist nicht verantwortlich für meine Entscheidungen", setzte ich bestimmt hinzu. Er sollte aufhören, sich ein schlechtes Gewissen einzureden. „Außerdem will ich mich nicht verstecken müssen, wenn wir zusammen sind. Ich will mit dir durch die Stadt bummel, zum Essen gehen, oder ins Kino und wenn es irgendwo eine Feier gibt, dann will ich dich mitnehmen, als meinen Mann und nicht nur als irgendeinen Freund. Ich war so lange allein. Solange unglücklich. Habe für andere gelebt, allein für die Arbeit. Jetzt bin ich glücklich, weil du mich glücklich machst, also will ich auch ein Leben, dass ich genießen kann."
Wieder öffnete er den Mund. Schnappte immer wieder nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Aber ein klein bisschen verstand ich ihn. Auch mein Hirn kam irgendwie mit den Ereignissen der letzten Tage und Wochen nicht hinterher, und doch war es mir egal. Ich war glücklich. Wirklich glücklich und würde weiß Gott alles dafür tun, dieses Glück auch weiterhin aufrecht zu halten.
„Und jetzt?", brachte er endlich die Worte heraus, die ihm scheinbar auf der Seele lagen. „Du liebst deine Arbeit!", setzte er immer noch gespenstisch bleich hinzu.
„Ich könnte jetzt sagen, dich liebe ich mehr!", lachte ich auf und zwinkerte, kassierte aber augenblicklich einen Schlag gegen die Brust und auch sein Gesicht verfinsterte sich. Böse dreinschauende Rehaugen waren aber auch zuckersüß, von daher konnte ich nur noch breiter grinsen. Ruderte aber wenigstens mit meinen Worten zurück, um ihn nicht weiter zu provozieren. „Schon gut, schon gut", wiegelte ich also ab. „Du hast recht. Ich liebe meine Arbeit", gab ich des Weiteren zu und sah, wie seine Augenbrauen immer mehr aufeinander zukrochen. Er machte sich Sorgen. Immer noch. Vielleicht war es an der Zeit, mit der ganzen Wahrheit herauszurücken. Denn dieses Mal lief eben nicht alles, wie beim letzten Mal. Ganz und gar nicht.
„Mach dir keine Sorgen. Mir stehen immer noch alle Möglichkeiten offen. Wenn ich will, kann ich Partner werden. Wenn ich will, kann ich einfach so weiter arbeiten. Und wenn ich gar nicht will, kann ich mir eine neue Stelle suchen oder mich selbstständig machen. Außerdem kenne da auch einen schwulen Scheidungsanwalt, der letztens erst wieder gejammert hatte, dass er den Fluss an Mandanten nicht mehr allein bewältigen kann."
„Aber ... aber ich dachte, du hast gekündigt?", wollte er sogleich wissen und die Fragezeichen standen ihm regelrecht ins Gesicht geschrieben. Kurzerhand hob ich meine Hand und streichelte ihm mit dem Daumen die Falten zwischen den Augenbrauen glatt.
„Hab ich auch", sagte ich und grinste. „Aber mein Chef hat meine Kündigung vorerst nicht akzeptiert", fügte ich etwas scheinheilig hinzu und zuckte erneut mit den Achseln.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich seine Augen weiteten und er mir mit wutverzerrtem Gesicht in den Bauch kniff. Das war endgültig, zu viel des Guten. Das Lachen brauch regelrecht aus mir heraus, gleichzeitig griff ich nach seinem Gesicht, zog es zu mir ran und presste meine Lippen auf die seinen. Ich fühlte mich leicht. Ich fühlte mich frei und ich hatte endlich das Gefühl, wieder Luft zu bekommen, statt von allem und jeden erdrückt zu werden.
„Hey ...", brummte er, kaum, dass ich von ihm gelassen hatte, und trat, immer noch sichtlich beleidigt, einen Schritt zur Seite. Auch ich drehte mich und sah zu Ma und Ella, die ich fast schon wieder ganz vergessen hatte. Für eine Millisekunde war da ein Lächeln auf Mamas Gesicht, bevor sie wieder ihre Maske überzog.
„Oh Mama ...", stieß ich frustriert aus und rollte mit den Augen, dennoch konnte nichts die Leichtigkeit und das Hochgefühl, welches sich in meinem ganzen Körper heimisch machte, trügen. „Keine Angst, ein bisschen Lächeln bringt dich schon nicht um ...", schoss ich also lediglich hinterher, ohne es auf irgendeine Art und Weise persönlich zu nehmen.
Die Luft war raus. Ich hatte genug für heute. Ich würde sie nicht ändern können. Ganz gleich, wie viel und was wir heute noch diskutieren würden. Und so schnell vergessen würde wohl auch nicht klappen. Dafür war viel zu viel passiert. Aber vielleicht könnten wir uns von nun an, auf einer anderen Ebene begegnen. Sie mich und ich sie mit anderen Augen sehen und wir uns gegenseitig akzeptieren, wie wir waren. Möglicherweise noch nicht morgen, aber bald in der Zukunft, denn das Kind in mir wünschte sich seine Familie zurück, wie sie mal war. Eine Familie, die immer durch dick und dünn ging. Die alles gemeinsam meisterte, für einander einstand und einander bedingungslos liebte. Vielleicht, ja vielleicht gab es sie ja noch, irgendwo versteckt, tief unter all den anderen Emotionen, Vorwürfen und Problemen.
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Sweet Easter
RomanceKleine Oster-Kurzgeschichte, die sich langsam zu etwas Längerem entwickelt ... Ein junger Anwalt mit Leib und Seele, kurz vor einer wahnsinnig wichtigen Beförderung, die er auf keinen Fall vergeigen darf, versinkt in Stress und Überstunden. Und als...
