Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott!!! Wieso in drei Teufelsnamen hatte ich nicht auf Ian hören, und mit ihm im Bett bleiben können? Anstatt war ich zielsicher in seinen viel zu großen Klamotten nach unten gegangen und hatte in Erwartung die Kinder anzutreffen, freudestrahlend „Frohe Ostern" gerufen. Doch da standen keine Kinder und leider auch keine Marie. Nein, da blickten mir zwei geschockt, ja das traf es wohl am besten, dreinblickende Frauen entgegen. Und da ich nicht gerade der Dümmste war, hingegen die Indizien sehr aussagekräftig, musste ich nicht mal eins und eins zusammen zählen, um zu wissen, wer da so urplötzlich vor mir stand.
Seine Mutter und seine Schwester!!! Die, die so ein großes Problem damit hatten, dass Ian schwul war und es zu allem Überfluss auch noch auslebte. Und dann öffne ich frisch gevögelt die Tür und begrüße sie lautstark. In seinen Klamotten. Oh Gott, mein Herz stand immer noch still. Wo war das sprichwörtliche Loch, das ich auftat und worin ich mich hätte mit einem Kopfsprung retten können?
Aber damit noch nicht genug! Jetzt waren auch noch zu allem Überfluss meine eigenen Eltern spontan angereist. Sollte ich heute diese vermaledeite Scheiße überleben, würde ich Marie umbringen. Ihr schlicht und einfach den Kopf abreißen! Denn der einzige Grund, warum meine liebsten Eltern, verdammte fünfhundert Kilometer auf sich nahmen. Aus ihrer seit Ewigkeiten gebuchten Urlaubshüte in Österreich, um ja pünktlich um neun zum alljährlichen Osterbrunch zu erscheinen. Von dem sie sich auf Grund besagten Urlaubes bereits vor Wochen bei mir abgemeldet hatten, war schlicht und ergreifend, dass Marie ihnen gesteckt haben musste, dass zwischen Ian und mir mehr liefe und wir alle gemeinsam Ostern feiern würden.
Meine allerliebste Mama, die ich über alles auf dieser Welt liebte und vergötterte, die mich aber, seit das zwischen mir und Toni ein endgültiges Ende genommen hatte, am liebsten mit jedem schwulen Kerl im Umkreis von Hunderten von Kilometer, der nicht gerade in die Kategorie Sugardaddy fiel, verkuppeln wollte, war natürlich Feuer und Flamme, den Mann kennenzulernen, der mich, wenn man ihren Worten Glauben schenken konnte, endlich von Toni geheilt hatte.
Da wären wir also. Seine Familie, die mir wahrscheinlich gerade die Pest an den Hals wünschte und meine Familie, die höchstwahrscheinlich bereits Save-the-Date-Karten an Freunde und Verwandte verschickte und Porzellan für unsere Hochzeit aussuchte. Das konnte doch nur in die Hose gehen!
Oh Gott, nebst Herzstillstand wurde mir jetzt auch noch schlecht. Was sollte ich nur tun? Was machen, um diese, sich auf uns zu bewegende Katastrophe abzuwenden? Ich mein, ich hatte Ian grade mal so weit, dass er sich mir geöffnet hatte. Dass er endlich bereit war, es mit mir zu versuchen und jetzt das? Wie schnell würde er dicht machen? Sich wieder in sein Innerstes verkriechen und niemanden mehr an sich ran lassen? Nicht einmal mich. Nur um seiner Mama zu gefallen. Und derweil lief es so gut mit uns beiden! Ob wir wohl einen Oscar für die kürzeste Beziehung bekamen? Nichteinmal zwölf Stunden, aber hey, der Sex war phänomenal und dann das Ende mit Paukenschlag, Drama und wer wusste es schon, vielleicht sogar Blut vergießen! War das nicht einen Preis wert? Na super! Jetzt hätte ich heulen können.
Flippte ich also gerade innerlich total aus? Jupp! Musste ich nach außen hin immer noch nett, höflich und souverän dreinschauen? Definitiv.
Aber er war mir nun mal wichtig. Und hätte ich nicht gewusst, von welch großer Bedeutung ihm seine Familie war, trotz allem, was zwischen ihnen, immer und immer wieder geschah, hätte ich sie spätestens nach dieser spitzen Aussage zum Teufel geschickt. Stattdessen lud ich sie ein, meine Schwester lud sie ein und am Ende fragte sogar Ian höchstpersönlich. Und wenn sie nicht gänzlich aus Stein bestanden, so konnten sie doch wenigstens für ein paar Stunden auf heile Welt spielen. Ihm zu liebe. Ich mein, sahen sie nicht, wie er drein sah? Wie er litt?
Mir hier neben ihm zerriss es fast das Herz. Am liebsten hätte ich ihn in eine Umarmung gezogen und so lange mit Liebe und Küssen überschüttet, bis alles wieder gut war und er vergaß. Doch anstelle dessen traute ich mich nicht einmal meine Hand auszustrecken und nach ihm zu greifen, um dadurch ja keinen blöden Kommentar zu provozieren und damit die Situation gänzlich zum Eskalieren zu bringen. Dieses Schweigen allein war schon schlimm genug, da brauchte es keinen verbalen Schlagabtausch mit Anschuldigungen.
„Wenn es keine Umstände macht, sehr gerne", durchbrach seine Schwester die Stille und lächelte in die Runde. „Wir waren ja nicht eingeplant", setzte sie etwas verlegen schulterzuckend hinzu. „Emmm ... Dürfte ich mich vielleicht irgendwo hinsetzen? Ich bin diese Dinger ...", dabei deutete sie auf ihre Krücken. „... immer noch nicht gewöhnt"
„Ja, klar!", stieß ich voller Dankbarkeit aus und hätte sie am liebsten abgeknutscht. „Wie wär's, wenn wir alle hinübergehen, da ist eine Bank, dann kannst du Ronja beim Ostereiersuchen zuschauen."
Und das taten wir auch. Gemeinsam gingen wir hinüber, Ella setzte sich auf die kleine Bank vor meinem Haus bei Keks und Krümel und ich stellte alle allen vor. Seine Eltern und Ian selbst den meinen, meine Eltern, seiner Familie. Gott, war das vielleicht ein komisches Gefühl. Aber irgendwann wusste zumindest jeder wer, wer war und wie wer hieß. Anschließend entschuldigte ich mich mit der Ausrede, den Tisch fertig decken zu müssen, und verzog mich, um mich umzuziehen. So im Schlabberlook, mit seiner Kleidung an mir fühlte ich mich wie ein offensichtliches Mahnmal unserer letzten Nacht.
Kaum, dass ich fertig umgezogen war und anschließend tatsächlich den Tisch mit zwei weiteren Gedecken eingedeckt hatte. Denn wer hätte es gedacht, Marie hatte für unsere Eltern bereits mit gedeckt gehabt, also hatte sie definitiv gewusst, dass sie aufschlagen würden, da kam auch schon die Horde an Gästen in meine Küche. Ein Glück, dass man meinen Esstisch ausziehen konnte, so hatten immerhin alle genügend Platz.
Als ich mich schon etwas panisch nach Ian umsah, weil ich ihn unter den Ankommenden nicht ausmachen konnte, kam auch er in schicken Jeans und Poloshirt ums Eck gebogen. Augenblicklich schlug mein Herz höher, auch wenn ich mir nichts vormachte und er, mit seinem guten Aussehen, bestimmt nicht bei mir punkten wollte. Seine Wirkung verfehlte er trotzdem nicht. Wie konnte man diesen Mann nicht lieben?
Anschließend setzten wir uns alle gemeinsam an den Tisch und brunchten. Alle bis auf Ians Mutter unterhielten sich angeregt und lachend. Sie war zwar nie abweisend, antwortete höflich auf die Fragen meiner Eltern, aber sprach von sich aus niemanden an. Stattdessen schien sie alle zu beobachten und auch wenn ich der Ruhe nicht traute, so war dennoch der missbilligende Ausdruck von vorhin aus ihrem Gesicht verschwunden. In erster Linie sah sie einfach nur erschöpft aus.
Recht bald verzogen sich die Kids zum Kaninchen füttern und spielen ausgelassen im Garten. Lediglich wir Erwachsene blieben in der Küche zurück. Am liebsten, wäre ich ja mitgegangen, aber irgendwas sagte mir, dass das nicht gut angekommen wäre. Zumal uns jeder beobachten schien. Meine Eltern. Seine Mutter. Nur Ella unterhielt sich lachend mit Marie über die Kinder. Immerhin schienen sich die beiden prächtig zu verstehen.
„Darf man gratulieren?", wollte meine Mama plötzlich wissen, als hätte sie es keine Sekunde länger ausgehalten. Und erneut an diesem wunderbaren Ostermorgen, sackte mir mein malträtiertes Herz in die Hose. Ich wusste ja, dass sie neugierig war, aber so offen vor versammelter Mannschaft zu fragen? Nein, das hätte ich ihr nicht zugetraut. „Seid ihr endlich zusammen? Oder probiert immer noch herum, wie Marie erzählt hatte?", setzte sie skrupellos hinzu, um ja keine falsche Interpretation ihrer Frage aufkommen zu lassen. Dass Pa ihr eine Hand auf ihre Schulter legte, ignorierte sie geschickt. Aber wenn es um ihr Küken, alias mich ging, so konnte sie leider Gottes nichts stoppen.
Augenblicklich schoss mein Blick hinüber zu Ian, dann etwas gehetzt zu seiner Mutter und seiner Schwester und erneut zurück zu ihm. Was sollte ich denn bitteschön sagen? Waren wir zusammen? Also ja, wir wollten es versuchen. Oder? Und das heute Nacht war sehr intensiv, und schön, aber richtig darüber gesprochen? Nein, das hatten wir nicht! Außerdem hatte ich ihm doch noch nicht einmal gesagt, dass ich in ihn verliebt war, dass es so viel mehr war als eben nur Mögen.
Oh Mann, da war sie wieder, diese ausgewachsene Panikattacke, die ich partout nicht abschütteln konnte. Mein Mund wurde staubtrocken, während meine Gedanken sich regelrecht überschlugen. Was, wenn er nein sagte, bevor ich was sagen konnte? Und selbst wenn ich tatsächlich wissen würde, was ich sagen sollte, was würde es sein? Ja? Nein? Vielleicht? Würde ich nicht mit jeder Antwort vorgreifen? Ihn in eine ausweglose Situation bringen, wenn man davon absah, dass uns meine Ma bereits in besagte ausweglose Situation gebracht hatte. Oh Mann, irgendwie sah ich das mit uns schon wieder den Bach runtergehen, bevor es überhaupt eine Chance hatte zu starten. Wieso nur, musste alles zwischen uns so kompliziert laufen? Wieso mussten wir plötzlich einen Sprint hinlegen, statt einen Schritt nach dem anderen zu gehen? Oh, Mama!!! Irgendwie hatte ich erwartet, dass seine Mama uns in die Scheiße reiten würde ... klar meinte es meine nicht böse, aber dennoch ...
„Ja, das sind wir", sagte Ian schlicht in die erdrückende Stille hinein, als wäre es das Selbstverständlichste auf dieser Welt. Und auch wenn ich vorhin schon das Gefühl hatte an einem Herzstillstand zu leiden, so blieb mir dennoch erneut das Herz stehen. Also wirklich, wirklich stehen.
Hatte ich mich verhört? War das lediglich meine Wunschphantasie, die mir etwas vorgaukelte? Drehte ich durch? Oder war ich gar einfach nur umgekippt, weil ich ausersehen vergessen hatte zu atmen?
Doch da spürte ich auch schon seine Finger auf meiner Haut. Die sich real anfühlten. Mich zurück in die Realität beförderten. Wie sie über meinen Handrücken streichelten, wie sie sich warm und kräftig mit meinen Fingern verflochten und er sanft zudrückte. Ganz von selbst wanderte mein Blick hinab, sah auf unsere Hände, hob sich, begegnete dem seinem, nur um miteinander zu verschmelzen.
Ich öffnete den Mund, schloss ihn wieder, nur um ihn erneut zu öffnen. Sah dabei bestimmt aus wie ein Fisch auf dem Trockenen. Doch er schien es gar nicht zu bemerken. Stattdessen hob er seine Mundwinkel, lächelte, dass mir heiß und kalt und meine Knie weich zugleich wurden. Beugte sich darauffolgend vor, hauchte mir einen sanften Kuss auf die Lippen und flüsterte, ein leises, raues ‚ich liebe dich', welches jeder, absolut jeder am Tisch hören konnte. Ja, doch, jetzt stand mein Herz endgültig still, während ich ihm einzig und allein in seine wunderschönen Augen sehen konnte.
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Sweet Easter
RomanceKleine Oster-Kurzgeschichte, die sich langsam zu etwas Längerem entwickelt ... Ein junger Anwalt mit Leib und Seele, kurz vor einer wahnsinnig wichtigen Beförderung, die er auf keinen Fall vergeigen darf, versinkt in Stress und Überstunden. Und als...
