Die Tage waren ins Land gezogen. Zwei Wochen wie nichts verflogen. Und in all der Zeit lief überraschenderweise alles nach Plan. Na ja, größtenteils zumindest.
Wir hatten sogar schon sowas wie Routine. Ian brachte Ronja in die Kita, holte sie nachmittags ab und fuhr sie anschließend zu mir, um noch einmal für Stunden in die Kanzlei zu verschwinden. Abends, nachdem ich zusammen mit der Kleinen gekocht hatte, tauchte er wieder auf, wir aßen gemeinsam und sie verschwanden wieder bei sich zu Hause, nur damit sich das Spiel am nächsten Tag wiederholte.
Heute war Karfreitag und trotz Feiertag musste Ian erneut in die Kanzlei. Dieser gottverdammte Job würde ihn irgendwann umbringen, so wie er sich da hineinhing. Aber all meine Bedenken, die ich hingehend geäußert hatte, wurden lediglich weggelächelt. Ja, er liebte diesen Job. Dennoch hätte ein bisschen Kürzertreten nicht geschadet. Und doch verstand ich ihn irgendwo. Er wollte an die Spitze und dass einer seiner Kollegen ausgefallen war, dafür konnte wohl niemand was. So blieb ihm quasi gar nichts anderes übrig, als dessen Mandanten zu übernehmen. Vielleicht würde alles einfacher werden, wenn er sich bewiesen hatten und den Posten, auf den er schon so lange hin fieberte, erhielt.
Auch wenn es definitiv stressig für ihn war, so ließ er sich nichts an kennen. Beschwerte sich nie. Stattdessen wirkte er ausgelassener und er strahlte. Lachte.
Wieder hatte ich sein Lächeln vor Augen ... Ja, dieses wunderschöne, süße, verfluchte Lächeln. Fast hatte er mich ja gehabt, nachdem er mich an diesem einen Abend, so intensiv angesehen hatte, während ich ihm meine Hilfe bezüglich der Betreuung von Ronja regelrecht aufgezwungen hatte. Als er mich auf die Stirn geküsst hatte. Ja, da dachte ich, es hätte auch bei ihm gefunkt. Doch leider schien sich mein Wunschgedanke nicht zu bewahrheiten und weiterhin Wunschdenken zu bleiben. Denn in all den zwei Wochen, die wir jetzt gemeinsam verbracht hatten, hatten, hatten wir uns lediglich zu Freunden entwickelt. Zu engen Freunden. Die sich vom Tag erzählten. Die zusammen aßen und lachten. Die vielleicht auch noch ihre Abende miteinander verbrachten. Aber dann ging jeder seiner Wege. Lebte sein eigenes Leben. Keine Intimität. Keine wirklichen Flirts. Keinerlei Küsse ...
Ein Läuten riss mich aus den Gedanken. Seufzend blickte ich auf die saubere Kaffeetasse in meiner Hand, die ich bis dato abgetrocknet hatte, und die mittlerweile blitze, so aufpoliert wie sie war, während mein Blick zur Uhr wanderte. Es war noch zu früh für Ronja und Ian. Eigentlich hätte ich sie erst in einer viertel Stunde erwartet. Dennoch stellte ich die Tasse auf den Küchentresen und machte mich pfeifend auf den Weg zur Tür.
Auch wenn es schade war, dass sich nicht mehr zwischen uns zu entwickeln schien, nahm ich mir vor, jeden Augenblick mit ihm zu genießen. Die Zeit würde im Nu vergehen und bis ich mich versah, würden wir wieder getrennte Wege gehen und jeder wieder sein eigenes, geregeltes Leben fortsetzen.
„Toni ...", entschlüpfte es mir überrascht, kaum, dass ich die Tür geöffnet hatte, da fiel er mir auch schon um den Hals und drückte mich an sich.
„Was zur Hölle ...", lachte ich auf und erwiderte etwas sprachlos seine stürmische Umarmung. Gott, wie ich ihn vermisst hatte! „... machst du hier?", presste ich immer noch lachend hervor und klammerte mich nur noch mehr an ihn.
Dieser vertraute Geruch. Diese Wärme. Alles an ihm katapultierte mich automatisch in die Vergangenheit, sodass ich seufzend mein Gesicht in seiner Halsbeuge vergrub und tief einatmete. Oh ja, ich hatte ihn wirklich vermisst. Sehr sogar.
„Ich hatte Sehnsucht", bekam ich keck retour, da wurde ich auch schon auf Abstand geschoben. Wohlwollend ließ er seinen Blick über mich hinweg schweifen, nur um mich erneut an sich zu ziehen. „Du hast dich überhaupt nicht verändert", murmelte er liebevoll und drückte mir einen Kuss auf die Backe, dem noch viele folgten.
„Du aber auch nicht!", erwiderte auch ich glucksend, weil seine Küsse kitzelten, und es war nicht gelogen. Toni hatte sich in den letzten beiden Jahren kein bisschen verändert. Sah immer noch aus wie der süße, blonde Loverboy von nebenan und strahlte mit der Sonne um die Wette. Nun, braungebrannt und mit wilden Locken, sah er tatsächlich aus wie einer dieser Surferboys, denen er immer nachgeeifert hatte. Der Sonne, dem Strand und den Meerestieren.
„Hat dich etwa der Ozean wieder ausgespuckt?!", wollte ich wissen und konnte mich einfach nicht dazu hinreisen, ihn wieder loszulassen. Er hat mir wirklich gefehlt. Klar, wir schrieben hin und wieder und telefonierten ab und an, wenn es die Zeit zu ließ. Seine Zeit, die er viel lieber im Wasser verbrachte, oder bei Expeditionen. Aber das war zu wenig. Viel zu wenig, wie ich gerade feststellen musste.
Als Toni sich entschloss sein Studium in Manoa an der School of Ocean and Earth Science and Technology zu beenden, auszuwandern, um sein Leben, seiner Liebe dem Ozean sowie dessen Bewohnern zu widmen, hatte es mir schier das Herz gebrochen. Und auch wenn er mich immer wieder gebeten hatte, dass ich ihn über den großen Teich besuchen kam, so hatte es sich bis jetzt doch nie ergeben. Die Zeit war regelrecht verflogen und nun stand er wieder vor mir. In all seiner Pracht.
„Nicht ganz. Aber ich dachte mir, er kann einen kleinen Urlaub von mir vertragen", witzelte er, drückte mich auf Armeslänge von sich und strahlte erneut. „Außerdem heiratet Mimi nächstes Wochenende", setzte er verschmitzt hinzu und zwinkerte. „Und du bist mein Date!"
„Colin ...", ertönte es, bevor ich auf sein Gesagtes reagieren konnte, und ertappt fuhr ich herum, nur um in der Gartentür Ronja und Ian auszumachen. Die eine strahlte, wo der andere finster drein sah. Die Hände tief in der Anzughose steckend. Irgendwas schien meinem Herzchen über die Leber gelaufen zu sein. Ob es wohl wieder Stress in der Arbeit gab? Aktuell hatte er einen sehr verzwickten Mordfall, an dem er arbeitete.
„Hey!", grüßte ich und grinste beide an, vielleicht würde er ja mir zu liebe, wieder seine Mundwinkel heben, aber da hatte ich mich wohl getäuscht.
„Tut mir leid, dass wir stören, aber ich muss wirklich los", sagte Ian, statt einer Begrüßung, holte eine Hand aus der Hosentasche und blickte demonstrativ auf seine Armbanduhr. Dann drückte er Ronja durch das Tor, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand, ohne ein weiteres Wort.
Irritiert blickte ich ihm hinterher. War es so schlimm? Machte dieser eine Kollege wieder ärger? Der, der wusste, dass Ian aktuell auch noch auf Ronja aufpassen musste, ihn aber nur noch mehr mit Arbeit überhäufte. Ich hatte diesen Kerl noch nie gesehen, aber ich konnte ihn jetzt schon nicht leiden!
„Wer war denn das?", wollte Toni wissen. Ließ von mir ab und ging in die Hocke, um Ronja zu begrüßen. Die stand immer noch schüchtern auf dem Gehweg und steckte nun gleich ihrem Onkel ihre Hände tief in die Taschen ihres Kleides, welches sie heute trug.
„Du bist ja eine Hübsche", flirtete Toni und grinste übers ganze Gesicht, was wohl nicht nur bei mir für Schmetterlinge sorgte, denn auch Ronja lief augenblicklich rot an.
Kopfschüttelnd streckte ich die Arme aus und sie überbrückte die wenigen Meter, um in meinen Armen zu landen. Viel langsamer und gesitteter, wie sie es sonst tat. Ich war es gar nicht gewöhnt, sie so zurückhaltend zu erleben.
„Gehen wir erst mal rein", schlug ich vor und so verschwanden wir gemeinsam ins Haus. Ich kochte heiße Schokolade und Kaffee und bei ein paar Plätzchen, die Ronja und ich vor ein paar Tagen gebacken hatte, machten wir es uns im Wohnzimmer gemütlich. Toni erzählte von seinen Abenteuern rund um den Ozean. Von Haien, Walen und Schildkröten, zeigte Bilder, während Ronja staunend förmlich an seinen Lippen hing. Ich hingegen lehnte mich zurück, nippte an meinem Kaffee und genoss es einfach in allen Zügen, ihn wiederzusehen. Seine Stimme zu hören und ihn einfach wieder bei mir zu haben. Wenn auch, wohl nur für eine sehr kurze Zeit.
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Sweet Easter
RomanceKleine Oster-Kurzgeschichte, die sich langsam zu etwas Längerem entwickelt ... Ein junger Anwalt mit Leib und Seele, kurz vor einer wahnsinnig wichtigen Beförderung, die er auf keinen Fall vergeigen darf, versinkt in Stress und Überstunden. Und als...
