„Ich weiß. Und ich bin echt froh drum", gab ich schwer seufzend von mir und blickte in mein leeres Glas hinab.
Was war nur in mich gefahren? Er hatte diese Umarmung bestimmt nur als originell Scherz gemeint, um mich aufzuheitern, und was machte ich? Ich hatte ihn einfach umarmt. Ebenso wie zuvor im Eingangsbereich, da hatte ich ihn auch berühren müssen. Irgendwas an ihm zog mich einfach an. Gott weiß warum ... jedoch fühlte ich mich grade so allein und so verloren, so abgrundtief einsam, dass mir jeder Halt fehlte, mir jeder Halt recht war. Wieso nur musste mein Leben so verdammt kompliziert verlaufen? Und auch wenn ich es niemals laut zugeben würde, aber vielleicht hatte meine Mutter ja irgendwo recht gehabt mit ihrer Paranoia und mein ‚Schwulsein' machte wahrhaft alles kompliziert. Alles kaputt. Wäre ich es nicht – müsste ich mich dann überhaupt fragen müssen, oder das, was ich hier gerade trieb, richtig war?
„He y...", riss er mich aus meinen immer düster werdenden Gedanken und gleichzeitig landeten seine warmen, langen Finger an meinem Kinn, welches er in kaum Kraftaufwand die Höhe drückte. „Was ist los?", wollte er direkt wissen und Sorge spiegelte sich in seinem Gesicht. Mein Hals wurde trocken und mein Blick verschmolz mit dem seinen. Gleichzeitig schien die Zeit plötzlich stillzustehen. Wäre ich normal. Wäre ich nicht schwul, wäre dies ein ganz harmloser Augenblick. Aber so ... Meine Augen fühlten sich mit heißen, brennenden Tränen und ich hatte die Befürchtung, alle Stärke, die ich mir all die Jahre über aufgebaut hatte, auf einmal zu verlieren. Als würde eine Mauer einstürzen, die ich mir in schwerster Arbeit aufgebaut hatte, um sämtliche Emotionen wegzusperren, unter all der Last, die auf mir plötzlich zu ruhen schien.
„Ian ...", flüsterte Colin und regelrechte Fassungslosigkeit spiegelte sich in seinem Gesicht. Durchbrach die Stille, die Zeit und sorgte dafür, dass sich mein Herzschlag hart in meiner Brust überschlug. Was zum Teufel trieb ich hier bloß? Was zum Henker ging nur schief mit mir? Wieso musste ich mich bloß so vor ihm blamieren? Der hielt mich doch bestimmt für verrückt! Zuerst musste er mich retten, wie einer seiner Märchenprinzen und jetzt heulte ich zum Dank auch noch herum, wie eine dieser nichtsnutzigen, überforderten Prinzessinnen, die einsam und verlassen von ihrer Familie irgendwo im Nirgendwo gestrandet waren. Witzige Vorstellung. Nur, dass mir ganz eindeutig nicht zum Lachen zumute war. Eine Krone auf dem Haupt fehlte mir zu allem Überfluss.
Schwer schluckend senkte ich peinlich berührt meine Augenlider, merkte viel zu spät, wie mir dabei eine dieser heißen Tränen hinab fiel und schwer auf meinem Handrücken, mit dem leeren Glas Whiskey landete. Was hätte ich dafür getan, wenn noch ein bisschen von dieser brennen Flüssigkeit darin gewesen wären! Stattdessen wischte ich mir mit dem freien Handrücken über die Augen, wollte mich vom Sofa erheben und ins Bad flüchten, bevor es noch peinlicher wurde für uns beide. Doch bevor ich mich tatsächlich erheben konnte, da spürte ich bereits, wie sich plötzlich seine Arme um mich schlossen, mein Herzschlag stockte und er mich fest an sich, an seine Brust, zog. Wieder war da Stille, die uns umgab, und etwas überfordert schloss ich einfach halber die Augen. Schluckte, atmete tief durch und versuchte, mich wieder zu sammeln. Wieder Herr meiner Sinne zu werden, bevor ich ihn nach Hause schickte. Damit er uns endlich loswurde. Wieder sein ruhiges Leben leben konnte. Statt mit Problem überhäuft zu werden.
Hätte ich mich losen sollen? Bestimmt. Doch ich tat es nicht. Nur noch ein ganz kleines Bisschen. Weil es so warm war, weil er so gut roch und weil es sich einfach viel zu gut anfühlte, gehalten zu werden. Zumal seine rechte Hand immer und immer wieder wohltuend meinen Rücken auf und ab fuhr, mich auf der einen Seite beruhigte, und auf der anderen Seite gleichzeitig aufwühlte. Auf eine ganz andere Art und Weise wie grade noch zu vor.
Welch Ironie des Schicksals. Aber es machte doch einen Unterschied, wenn man jemanden hatte, der auch für einen da war. Der einen festhielt, wenn man es brauchte. Der alle Sorgen mit einem teilte. Statt lediglich mit jemand anonymen zu schlafen und dann wieder getrennte Wege zu gehen. Und auch wenn ich das nie wahrhaben wollte, so war es mir noch nie so klar wie jetzt. Warum stellte ich plötzlich alles infrage? Seinetwegen?
Sein kräftiger, regelmäßiger Herzschlag, beruhigte mich etwas und ich versuchte, mich wieder von ihm zu lösen. Es war auch so schon unverhältnismäßig lange gewesen. Doch statt mich gehen zu lassen, presste er mich einfach noch fester an sich. „Halt still!", befahl er darüber hinaus und streichelte mir erneut über den Rücken. Mit einer noch peniblen Krafteinwirkung, damit ich wohl kaum, auf dumme Ideen kam. „Und ich verspreche, nie auch nur ein Wort über diese Situation zu verlieren, wenn du willst", setzte er hinzu und sein Streicheln wurde nur noch intensiver.
Ein irrwitziges Lächeln hob meine Mundwinkel in die Höhe und auch wenn die Situation nicht absurder hätte sein können, gluckste ich auf. Atmete tief ein, ließ meine angespannten Muskeln los und lockerte meine Arme, um sie vorsichtig um seine Mitte zu legen. Just in diesem Moment stockte sein Herz in seiner Brust, bevor es anfing, schneller zu schlagen. Diese Tatsache ignorieren, schloss ich erneut die Augen, und sog den Duft, der mich schon seit einer Weile um gab, ein. Er roch wirklich gut. Frisch. Nach Minze und Meer und ein bisschen nach Sandelholz. Ächzend entließ ich die gestaute Luft wieder aus meiner Lunge.
„Ich glaub', du bist wirklich Olaf", murmelte ich vor mich hin, weil die Situation immer stranger wurde, und erntete einen Klaps auf den Hinterkopf.
„Schön, dass es dir besser zu gehen scheint", ertönte es gespielt beleidigt, doch statt wie gedacht, mich loszulassen, machte er einfach in seinem Tun weiter.
Die Zeit verging. Wir schwiegen. Aber es störte irgendwie nicht. Stattdessen merkte ich, wie ich mich immer und immer mehr innerlich entspannte. Das Brennen in meinen Augen besser wurde und langsam das Gefühl von Kontrolle über mich selbst und meine Gefühlswelt zurückkehrte. Dennoch wollte ich mich noch nicht von ihm trennen. Wollte mich halten lassen. Auffangen lassen. All dieses Gewicht, welches auf meinen Schultern lastete, schon viel zu lange, teilen.
Und ja, mir war durchaus bewusst, dass ich mir hier was vormachte, dass er lediglich nur ein netter Mensch war. Immerhin hatte er auch Ronja geholfen, so wie er jetzt eben auch mir half. Und wäre ich Quasimodo, hätte er mir wohl auch, wie eben einer dieser selbstlosen Prinzen, geholfen. Und dennoch, glaubte etwas ganz tief in mir drin, dass dieser Moment zwischen uns besonders war. Diese Intimität. Sein Herzschlag, der höher schlug, sich nicht mehr beruhigte, sich aber stattdessen, ohne es zu ahnen, dem meinem anpasste.
„Onkel Ian ...", ertönte es plötzlich weinerlich hinter mir und erschrocken fuhren wir beide auseinander. „... Mama muss immer weinen ...", setzte sie Augen reibend und gleichzeitig schluchzend hinzu. Sofort erhob sich Colin vom Sofa und trat Ronja entgegen, um sie auf den Arm zu nehmen. Ich hingegen saß immer noch im Schock gefroren da, als hätte ich keine Ahnung, wie mir geschah. Und irgendwie war das auch so. Meine Gefühlswelt, mein ganzes, verfluchtes Leben fuhr Achterbahn. Schüttelte mich durch, erschütterte mich. Und gleichzeitig wusste ich nicht, wie mir geschah. Was hier passierte. Wieso mein ganzes Leben binnen ein paar Augenblicke erneut Kopf stand.
„Was ist passiert? Hast du schlecht geträumt?", wollte Colin von ihr wissen, setzte sich gemeinsam mit ihr wieder zu mir aufs Sofa und streichelte nun ihr über den Rücken, wie er es zuvor noch bei mir getan hatte. Wenn das nicht Beweis genug war, dann wusste ich auch nicht. Er gehörte einfach nur zu den Menschen, die zu gut für diese Welt waren und einfach selbstlos jedem halfen. Dieser Moment zwischen uns hatte nichts zu bedeuten. Oh verdammt auch! Allein der Gedanke an diese Tatsache tat weh. Zerstörte die Ruhe, die zuvor noch durch meinen Körper geströmt hatte und mich endlich seit Tagen, ach was sagte ich da, seit Jahren gut hatte fühlen lassen.
„Ich will zu meiner Mama. Sie hat so fest geweint im Krankenhaus", schluchzte das Mädchen in seinen Armen und klammerte sich nur noch mehr an ihn. Zeitgleich überschlug sich das schlechte Gewissen in meinem Inneren. Statt mich um sie zu kümmern, war ich zu sehr mit mir selbst überfordert, um richtig zu reagieren. Wie sollte das bitteschön nur die nächsten Wochen mit uns werden? Ich kam ja schon mit mir allein nicht zurecht, wie sollte ich da auf ein Kind aufpassen? Dazu auf eines, das genauso von unserer gemeinsamen Familie traumatisiert schien, wie ich selbst.
„Sie war bestimmt auch traurig, weil sie dich vermisst hat", flüsterte Colin und streichelte unentwegt den keinen Körper. Doch statt zu antworten, schüttelte diese nur den Kopf. Hob diesen hoch und sah sich suchend nach mir. Dann hob sie ihre kleine Hand, bis ihr zitternder Finger auf mich deutete. „Wegen Onkel Ian", piepste sie schwer schluckend, nur um anschließend den Finger wieder zu senken, als wöge er Tonnen.
Fassungslos starrte ich sie an. Was denn nun schon wieder? Was hatte ich dieses Mal verbrochen? War es nicht genug, dass sie mein Leben einmal gänzlich auf den Kopf gestellt hatte? Ich konnte doch gar nichts dafür, dass Richard sie verlassen hatte, kaum, dass er erfahren hatte, dass sie schwanger war. Ich hatte sie doch sogar noch gewarnt, wie er war, wie er tickte. Die ganze Geschichte war jetzt schon so lange her! Warum konnte es nicht endlich gut sein?
„Was ist passiert?", fragte Colin nach, weil ich keinerlei Anstalten machte, auch nur irgendetwas zu fragen. Ganz ehrlich, ich wollte es gar nicht hören.
„Mama hat gesagt, sie macht schon wieder alles kaputt. Sie macht immer alles kaputt. Und immer mit mir", kam es schluchzend von dem Mädchen und ließ mein Blut gefrieren.
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Sweet Easter
RomanceKleine Oster-Kurzgeschichte, die sich langsam zu etwas Längerem entwickelt ... Ein junger Anwalt mit Leib und Seele, kurz vor einer wahnsinnig wichtigen Beförderung, die er auf keinen Fall vergeigen darf, versinkt in Stress und Überstunden. Und als...
