18. Ian - an meiner Tür

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Ein leises Klopfen an meiner Haustür riss mich, aus meinen sich immer wieder im Kreis drehenden Gedanken. Nicht sicher, ob ich mich verhört hatte, stellte ich das schwere Whiskeyglas in meiner Hand auf dem Beistelltisch ab und lauschte. Doch tatsächlich, da war es auch schon wieder. Klopf, klopf. Leise. Fast schon schüchtern. Mich fragend, wer zu solch später Stunde wohl vor meiner Türe aufschlug, ohne sich vorher anzumelden, erhob ich mich vom Sofa und ging hinüber, um vorsichtshalber erst einmal durch den Spion der Eingangstür zu schauen. Überrascht, Colin zu sehen, öffnete ich augenblicklich die Tür.

Eine geschlagene Minute verflog, dehnte sich aus, wog immer schwerer zwischen uns, dann steckte er seine Hände tief in die Hosentaschen, wippte ein paar Mal auf seinen Füßen auf und ab, bevor er sich schlussendlich räusperte.
„Ich hab das Licht gesehen", sagte er schlicht und blickte kurz hinüber zu seinem Haus. Doch statt zu antworten, trat ich einfach beiseite und machte Platz, um ihn hineinzulassen. Immer noch nicht wirklich glaubend, ihn hier vor mir zu sehen. Statt zusammen mit diesem Toni. Beim Abendessen, oder noch weitaus Schlimmeres. Immerhin hatte er so glücklich zusammen mit diesem Kerl ausgesehen. Was konnte ich ihm im Gegenzug bieten? Außer einen Haufen Probleme?

Den ganzen Abend schon hatte ich meine Gedanken von links nach rechts und wieder zurückgewälzt. Hatte mich gefragt, was er der Richtige wäre. Ob ich selbst überhaupt bereit war, einen Schritt weiterzugehen. Mich auf ihn einzulassen. Es überhaupt mal auszuprobieren, bevor ich ihn schon im Vorab abschrieb und von mir schob. Und doch, war ich zu keinem Ergebnis gekommen. Mal ganz davon abgesehen, ob ich überhaupt noch eine Chance bei ihm hatte, nach dem ich ihn nun schon für zwei Wochen auf dem ‚Friends with no benefits – Gleis' parkte, wo doch dieser heiße Surferboy wieder zurück aus Hawaii war und meinen Colin umschwärmte? Warum nur, musste alles so verdammt kompliziert sein?

Wortlos folgte er mir ins Wohnzimmer, nach dem er die Tür hinter sich verschlossen hatte, wo er sogleich auf dem Sofa Platz nahm. Währenddessen holte ich ein weiteres Glas und goss uns beiden ein. Irgendwas sagte mir, dass wir beide einen weiteren Drink an diesem wunderbaren Abend vertragen könnten. Dann setzte auch ich mich zu ihm.

„Toni ist mein bester Freund. Bis vor drei Jahren waren wir sechs Jahre ein Paar gewesen. Vor zwei Jahren wanderte er aus nach Hawaii. Seitdem sind wir tatsächlich nur mehr Freunde. Nicht mehr und nicht weniger", sagte er leise, kaum, dass ich mich selbst gesetzt und ihm sein Glas gereicht hatte. Ich sah ihn an. Sah, wie aufgebracht er wirkte, sah, dass er diese Worte loswerden musste und dass er noch nicht am Ende war.
„Ich hatte nicht gefragt", erwiderte ich schlicht und eine seiner Augenbrauen schoss in die Höhe. Doch statt auf seine Skepsis einzugehen, wartete ich ab, was er noch zu sagen hatte.
„Du hast sehr laut, nicht gefragt", murmelte er brummend vor sich hin, zog einen Schmollmund, bevor er das halbe Glas Whiskey hinunterkippte, nur um gleich darauf sein Gesicht zu verziehen. Lächelnd, weil mir dieser Ausdruck mittlerweile so vertraut war und gleichzeitig für ein wärmeres Gefühl in meinem Bauch sorgte, als der Alkohol es vermochte, griff ich nach der Colaflasche, die am Boden neben dem Sofa stand und reichte sie ihm. Wortlos griff er danach, schraubte sie auf und spülte hinterher.

„Ich hab versucht, nicht eifersüchtig zu sein, ehrlich", gab ich zu und zuckte etwas verloren mit den Schultern. Immerhin war es nichts, worauf man stolz sein konnte, und gut hatte es sich auch nicht angefühlt. Außerdem, wann hatte ich mich das letzte Mal so dermaßen in Mordgedanken verstrickt? Mit fünfzehn, als ich meinem Mathelehrer, der absolut jedes Kind auf diesem Planeten hasste, die Pest an den Hals wünschte, war das ja vielleicht noch irgendwo in Ordnung gewesen, aber jetzt? Ach ja, und natürlich bei Sebastian, als er meine Schwester mit einer Visitenkarte für eine Abtreibungsklinik abgespeist hatte. Wobei den hätte ich am liebsten vor einem Gericht zerfetzt, dabei auf Schadensersatz und Alimente verklang, hätte es Ella mir nicht verboten. Aber daran wollte ich grade gar nicht mehr denken. Hier und jetzt gab es andere Probleme, die dominierten. Und vielleicht war es tatsächlich mal an der Zeit, mein Wohl an erster Stell zu stellen, statt die Sorgen um andere.

Ungeachtet dessen, keine Ahnung, ob es am Whiskey lag, oder an der Tatsache, dass mich in seiner Gegenwart immer das Bedürfnis überfiel, mich ihm zu öffnen, wollte ich dieses Gespräch. Vielleicht war es in der Tat an der Zeit. „Und ich weiß auch, dass ich kein Recht dazu habe. Ganz gleich wer er ist und was er dir bedeutet", seufzte ich schwer und ließ mein Glas zwischen meinem Fingern im Kreis wandern. Spürte die Kühle, die Feuchtigkeit an meiner Haut und seufzte erneut.

„Du bedeutest mir mehr", vernahm ich und meine Augen schossen ungläubig in die Höhe, nur um seinem sturen Gesichtsausdruck zu begegnen. „Ja, du hast mich schon richtig verstanden", setzte er hinterher. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und er hätte resigniert geschnaubt. „Gott, ich bin zu alt für diesen Scheiß!", ignorierte er mein Schweigen und kippte den Rest des Whiskeys hinunter. Dann, nachdem er erneut sein Gesicht verzogen hatte, stellte er das Glas krachend ab und fuhr sich durchs Gesicht.
„Ich weiß, dein Leben ist im Moment kompliziert und du hast mehr Probleme, als du selbst tragen kannst. Und eigentlich bin ich auch eher der Typ, der alles aussitzt und wartet, aber im Moment kann ich das nicht. Ich hab diesen Stillstand, diese Einsamkeit in meinem Leben so satt. Ja Ian, ich mag dich, ob du es hören willst oder nicht. Ich hab dich echt gerne. Ist es da verwerflich, dass ich mir wünsche, wir würden es miteinander probieren? Ganz gleich, was am Ende herauskommt? Dieses eins auf Freunde machen, um einander herum Eiern, immer darauf bedacht, dem anderen nie zu viel von sich preiszugeben, frustriert doch nicht nur mich, oder?!" Er hatte den Kopf gesenkt und blickte in seine leeren Hände, als würde er darin dennoch noch etwas Schwerwiegendes finden.

„Oh Mann ...", stöhnte er auf und hob den Blick. Begegnete dem meinem. Und eine unendlich lange Zeit sagte keiner von uns beiden auch nur ein Wort. Dann wandte er seinen Augen ab, räusperte sich und schluckte schwer. „Ich will dich nicht unter Druck setzen. Ich will auch gar nicht, dass du etwas übereilst, wenn du dir nicht sicher bist. Aber ich wollte, dass du weißt, wie ich fühle und dass ich bereit wäre, es mit dir zu versuchen. Dass es mir nicht reicht, nur irgendein Nachbar, ein Freund zu sein", flüsterte er leise in die Stille. Sog scharf Luft ein und erhob sich.

Zuerst dachte ich, mein Herz würde stehen bleiben und die Welt gleich mit dazu, doch ich irrte mich. Stattdessen überfiel mich überraschenderweise lediglich Ruhe. Ruhe und Gewissheit.

Als er grade an mir vorbeiging, griff ich automatisch nach seinem Arm und hielt ihn zurück. „Geh nicht!", bat ich leise, rau, fast schon flüsternd. Zog an seiner Hand, zog sie zu meinen Lippen und platzierte einen sanften Kuss auf seinen Handrücken. Dann hob ich den Blick und sah ihm in seine schönen, weit aufgerissenen Augen.

„Ich mag dich auch, Colin. Sehr sogar."

ENDE 












































...maybe...

Sweet EasterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt