Jetzt saß ich hier, mit einem weinenden Mädchen auf dem Schoß und einem Ian, der aussah, als wäre er mit eiskaltem Wasser begossen worden, wo grade noch das Gefühl aufkam, dass es ihm etwas besser zu gehen schien.
Was war nur vorgefallen in dieser Familie?
Am liebsten hätte ich ihn ja wieder in meine Arme gezogen, denn das schien er dringend nötig zu haben, aber bei aller Sehnsucht, ging Ronja vor. Irgendwie schien es, als wären die Ereignisse der letzten Tage allen zu viel geworden. Da war die weinende Mutter im Krankenhaus. Eine Ronja, die in so kurzer Zeit für ihr Alter verdammt viel Negatives verkraften musste und Ian, der scheinbar irgendwie zwischen den Stühlen hockte und von allen Seiten mit Anschuldigungen und Vorwürfen bombardiert wurde.
„Ich glaube nicht, dass du an irgendetwas schuld bist. Weißt du, ab und zu sagen Erwachsene lauter doofe Dinge, die sie eigentlich gar nicht so meinen. Vor allem, wenn sie wütend sind, oder traurig", versicherte ich ihr und drückte ihren kleinen Körper fester an mich. Gab ihr Halt, und hoffte, dass sie sich beruhigte, um wieder einschlafen zu können.
„Hast du Mama nicht mehr lieb?", fragte sie, meine Worte ignorierend, dafür sehr kleinlaut, Ian. Gleichzeitig bebte ihre Unterlippe und sie schluckte schwer. „Mama hat gesagt, sie hat dich schon lieb, aber das, das sowieso egal ist. Weil du eh wieder weg bist, wenn sie aus dem Krankenhaus kommt", setzte sie an, nur um eine dramatische Pause einzulegen, sich ungeniert mit ihrem Schlafanzugärmel über die laufende Nase zu wischen und stoßweise nach Luft zu schnappen. „Ich will nicht, dass du weg bist. Ich will dich immer besuchen. Und Colin. Und Keks und Krümel", erklärte sie tapfer, bevor ihre Augen erneut übergingen und sie ihr Gesicht an meine Brust schmiegte, um wieder zu weinen zu beginnen.
Vorsichtig hob ich den Kopf und schaute hinüber zu Ian, der immer noch wie vom Donner gerührt auf das Kind in meinen Armen starrte. Selbst kalkweiß, wie die Wand hinter ihm.
Vielleicht sollte ich noch mal Schokolade kochen? Das hatte sich gestern doch so gut bewährt. Und anschließend beide ins Bett stecken, damit dieser Tag endlich ein Ende hatte! Beide sahen nicht drein, als würden sie noch irgendwas vertragen können. Doch dann, ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, ging ein Ruck durch Ians Körper und er beugte sich zu Ronja hinüber. Streichelte vorsichtig über ihren Rücken, bückte sich tiefer und platzierte einen Kuss auf ihren Scheitel. Gleichzeitig stieg mir sein fruchtig herber Geruch in die Nase, an den ich mich schon fast gewöhnt hatte.
„Weißt du ...", sagte er anschließend mit rauer, kratziger Stimme und etwas stockend zugleich. „... ich hab dich echt lieb. Außerdem, du darfst immer zu mir kommen. Ich werde immer hier sein. Und wenn deine Mama mag, kann sie auch mit dir hier herkommen. Wir hatten früher einmal tatsächlich einen ganz schlimmen Streit, aber das ist schon ganz, ganz lange her. Der Streit hatte auch überhaupt nichts mit dir zu tun. Damals warst du noch gar nicht auf der Welt. Und auch jetzt macht niemand mein Leben kaputt. Schon gar nicht du! Wirklich, es ist schön, dass du hier bist, und dass mein Gästezimmer jetzt so toll nach Anna und Elsa aussieht. Aber ich weiß auch, dass ich das ‚Onkel sein' noch ganz schön üben muss, dennoch bin ich froh, dich hier zu haben und dass wir zusammen Zeit miteinander verbringen können. Und ja, ab und an ist es etwas stressig mit der Arbeit, deswegen hatte ja auch Andrea auf dich aufgepasst, aber das kommt nicht mehr vor. Ich werde versuchen, mehr Zeit für dich zu haben, okay?", beendete er seinen Monolog und fing an seinen Finger zu kneten.
Erst herrschte Stille, und ich hatte schon dieses ungute Gefühl, dass das heute nichts mehr werden würde mit den beiden. Doch dann, nach einer unendlich langen Zeit streckte Ronja ihre Arme nach ihm aus und nach einem kurzen Zögern seinerseits, lagen sich Onkel und Nichte endlich in den Armen. Daraufhin, gehüllt in Schweigen, verschwanden die beiden im Bett. Ich hingegen lehnte mich auf dem Sofa zurück, schloss die Augen und versuchte, meine eigenen Emotionen etwas zu ordnen und in den Griff zu bekommen. Immerhin spürte ich immer noch seine Wärme, roch seinen Duft und fühlte seine Arme, die mich gehalten hatten. Und verdammt auch, das war gar nicht gut. Er hatte auch ohne einen schwulen Nachbarn, der sich rettungslos in ihn verknallt hatte, genug zu tun. Außerdem wirkte er auf mich nicht nach jemanden, der sich sehnsüchtig nach einem ‚happy ever after' sehnte und nur darauf wartete, dass sein Märchenprinz letztendlich um die Ecke geritten kam. Eher war er der klassische Typ für eine Nacht, der anschließend trotz Versprechen nie wieder anrief. Also das glatte Gegenteil von mir. Immerhin war ich hingegen schon immer der Typ Mann, der sehnsüchtig auf den „Einen", den „Richtigen" wartete und der, wie das arme Aschenputtel aus dem Märchen, vor dem kalten Kamin saß und die Linsen sortierte. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Nur war das Töpfchen leer, weil sich noch nie etwas ‚Gutes' hineingefunden hatte. Eingestaubt, wie alle Hoffnung, dass mein doch recht romantisches Herz, diese bessere Hälfte, die mir sichtlich fehlte, finden würde. Stattdessen verguckte es sich ständig da und wann in einen Unerreichbaren, der es seinerseits irgendwann, meist gänzlich unwissend, in Scherben zurückließ.
„Hey ...", ertönte es plötzlich neben mir. Erschrocken, da vollends aus meinen Gedanken gerissen, zuckte ich zusammen. Seufzend ließ sich Ian neben mir nieder und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht.
„Ich glaub', ich brauch' nochmal einen Whiskey", seufzte er anschließend schwer. Beugte sich vor und goss sich ein. „Auch?", wollte er dann an mich gewandt wissen, doch statt tatsächlich eine Antwort abzuwarten, goss er auch mir das Glas halb voll.
„Alles gut?", rutschte es mir da auch schon heraus, auch wenn es sichtlich noch einer blöden Frage klang, denn sein ganzes Auftreten zeugte vom glatten Gegenteil. So war es auch nicht verwunderlich, dass er statt zu antworten, lediglich gequält die Lippen zu einem bitteren Lächeln verzog. Sein Glas ergriff, damit gegen das Meine, welches immer noch auf dem Tisch verweilte, stieß und es in einem Zug leerte. Anschließend goss er sich erneut ein und wiederholte die Prozedur.
„Ian ...", flüsterte ich etwas hilflos und wollte meine Hand nach ihm ausstrecken. Ihn erneut in meine Arme ziehen und ihm etwas von der Last auf seinen Schultern nehmen, die ihn unverkennbar in ein tiefes Loch zog. Doch stattdessen sah ich ihn einfach nur an.
„Hmm ...", erwiderte er. Fühlte sein Glas erneut, doch statt es wie bisher hinunterzukippen, schwenkte er dieses Mal die goldene Flüssigkeit darin und beobachtete das Spektakel in seinem Glas.
„Wie kann ich dir helfen?", kam es mir über die Lippen, während mein Blick immer noch an ihm hing. Und ich wollte ihm wirklich helfen. Wollte ihm das Gefühl geben, nicht allein auf dieser Welt zu sein, auch wenn ich theoretisch nur einen Fremden für ihn darstellte. Wieder war da dieses melancholische Lächeln auf seinen Lippen, als er seinen Kopf langsam zu mir umdrehte und mir direkt in die Augen sah. Dunkel. Durchdringend. Mir eine Gänsehaut bescherend. Gleichzeitig wirkte er so traurig. So einsam. So unendlich verloren.
Dann, als er sein Glas erneut geleert hatte, beugte er sich tiefer, blickte mir noch intensiver in die Augen. Dass ich das Atmen vergaß, dass mir heiß wurde. Und doch war sie auch glasig, verschleiert durch Verzweiflung und Alkohol. Ich schluckte, weil mein Mund trocken wurde.
„Lass mich vergessen", hauchte er. Leckte sich langsam über die Lippen, während seine Hand in meinem Nacken landete, eiskalte Finger auf heißer Haut und er mich noch näher zu sich zog. Fast berührten sich unsere Nasenspitzen. Sein Blick, sein Geruch, sein Körper, der Wärme ausstrahlte. Der mich in seinem Bann zog.
„Lass mich einfach nur vergessen ...", murmelte er erneut und sorgte gänzlich für einen akuten Herzstillstand.
Ich hatte ja geahnt, dass er schwul war. Nun, mit diesem Blick, diesem Hunger in seinen Augen war ich mir sicher. Und dennoch war mir gleichzeitig klar, dass gerade jeder recht gewesen wäre. Jeder Kerl, Hauptsache er schenkte ihm Ablenkung. Vergessen, was er so dringend herbeisehnte, dass hier lediglich der Alkohol und der Schmerz aus ihm sprach. Und als schien er selbst zu begreifen, was er da gerade tat, blinzelte er und zog seine Hand aus meinem Nacken zurück.
Unschlüssig, nein, das war falsch, eigentlich wusste ich genau, was ich wollte, was ich wollen sollte. Und doch beugte ich mich vor, griff ihm selbst in den Nacken, überbrückte die wenigen Zentimeter, bevor er auch noch den Kopf zurückziehen würde, und presst meine Lippen auf die seinen. Sanft. Süß. Federleicht. Zuerst wirkte er wie erstarrt, doch dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, erwiderten seine Lippen das Spiel der meinen.
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Sweet Easter
RomanceKleine Oster-Kurzgeschichte, die sich langsam zu etwas Längerem entwickelt ... Ein junger Anwalt mit Leib und Seele, kurz vor einer wahnsinnig wichtigen Beförderung, die er auf keinen Fall vergeigen darf, versinkt in Stress und Überstunden. Und als...
