Am liebsten hätte ich ihn zum Abendessen eingeladen, nach dem Colin uns so tatkräftig unterstützt hat, stattdessen waren wir auf dem Weg ins Krankenhaus, um meine Schwester zu besuchen. In den letzten drei Tagen hatte ich sie tatsächlich öfters gesehen, als in den letzten beiden Jahren zuvor und irgendwie war es jedes Mal aufs Neue ein komisches Gefühl, ihr nach unserem Streit, der alles verändert hatte, gegenüberzutreten.
„Können wir Mama die Bilder von meinem Zimmer zeigen?", riss mich Ronja, die hinten in ihrem Sitz saß, aus den Gedanken und baumelte mit den Füßen, so, dass sie jedes Mal gegen meinen Sitz traf.
„Klar, warum auch nicht", murmelte ich abwesend, und fragte mich gleichzeitig, ob ich mich vielleicht vor einer erneuten Konfrontation drücken könnte, wenn ich die Kleine einfach durch die Zimmertür schob und wieder verschwand.
„Mama liebt Anna und Elsa", seufzte Ronja zufrieden und ein Blick in den Rückspiegel verriet mir, dass sie selig vor sich hin lächelte. Colin hatte tatsächlich wahre Wunder verbracht. Gestern noch waren Ronja und ich uns noch völlig fremd gewesen. Abweisend. Der heutige Tag hingegen hatte alles verändert, obwohl gar nichts dabei gewesen war. Ich hatte davor schon versucht irgendwie Kontakt zu ihr aufzubauen, aber war stets auf eine kalte, abweisende Mauer gestoßen. Klar, ich hatte kaum Zeit für sie gehabt, und die, die wir gemeinsam verbracht hatten, waren wir im Dauerkonflikt, aber dennoch. Und er kam einfach daher, mit seiner lockeren, süßen Art und zack, schienen alle Wogen geglättet zu sein. Als hätte er gezaubert. Und zwar lediglich mit ein bisschen Häschen, Shoppen und Pommes.
„Tut sie das?", fragte ich gedankenverloren. „Hmm ... wir schauen uns den Film immer an. Hast du den auch?", wollte sie sogleich wissen. „Dann können wir ihn zusammen mit Colin anschauen."
Allein sein ausgesprochener Name schob meine Mundwinkel in die Höhe. Ja, er musste tatsächlich ein Hexer sein. So wie er die Menschen um sich verzauberte. Nicht nur Ronja ...
„Nein, aber wenn du willst, können wir ihn besorgen", beantwortete ich ihre Frage und lächelte weiter vor mich hin. Eigentlich war er so gar nicht mein Typ, mit diesen großen, braunen Rehaugen, dem verstrubbelten, gewellten, ebenfalls braunem Haar und den unzähligen Sommersprossen auf der Nase. Allein schon, weil er kleiner und schmaler war als ich. Sonst stand ich eher auf die großen, durchtrainierten Jungs, am besten etwas älter als ich selbst, die ich nicht selten auch im Fitnessstudio aufriss. Recht viel Zeit zum Daten hatte ich nämlich bei meinem straffen Programm sowieso nicht. Geschweige denn Zeit, die ich in eine Partnerschaft stecken konnte. Und da mein Körper durchs regelmäßige Training durchaus ansehnlich geformt wurde, stellte es keinerlei Problem dar, schnell jemanden für eine Nacht zu finden. Er hingegen sah aus wie eins dieser süßen, jungen, unschuldigen Lämmchen, die in jedem Gayclub augenblicklich von den großen, bösen Wölfen mit Haut und Haaren verspeist wurden.
„Mit Colin?", ließ meine Nichte nicht locker und unwillkürlich musste ich grinsen. Vielleicht sollte ich ihr das Anwaltswesen nahe bringen, so beharrlich wie sie immer auf ein Thema bestand und wie sehr sie es zu Diskutieren liebte. „Ich weiß nicht", gab ich ehrlich zu, denn eigentlich hatte ich nicht wirklich vor, ihn noch weiterhin mit meinen Problemen zu behelligen. Er hatte eh schon viel zu viel von seiner Freizeit an uns verschwendet. Außerdem kannte ich keinen anderen Menschen auf dieser Welt, der so viel für einen Fremden tat, ohne Gegenleistung zu erwarten. Deswegen war es wohl besser, ihn einfach nur mehr in Ruhe zu lassen, statt ihm weiterhin auf den Geist zu gehen. Schließlich waren wir aufdringlich genug gewesen.
„Colin hat gesagt, er mag Christoph und Sven am liebsten. Und Olaf", sinnierte Ronja hinten und lächelte zutiefst zufrieden vor sich hin. Ich ging einfach mal stark davon aus, dass es sich bei den genannten um Figuren aus diesem Kinderfilm handelte. Fragte aber nach, um weiterhin lockere Konversation zu betreiben. „Wer ist denn Sven?"
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Sweet Easter
RomanceKleine Oster-Kurzgeschichte, die sich langsam zu etwas Längerem entwickelt ... Ein junger Anwalt mit Leib und Seele, kurz vor einer wahnsinnig wichtigen Beförderung, die er auf keinen Fall vergeigen darf, versinkt in Stress und Überstunden. Und als...
