25. Colin - vor verschlossener Tür

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Grade wollte ich noch raus vor die Tür zu Ian gehen, und ihn zur Not moralisch unterstützen, wenn es nötig wäre, blieb aber bei den Worten seiner Mutter wie angewurzelt stehen. Eigentlich war seine Antwort irrelevant und eigentlich war es für solche Überlegungen viel zu früh, dennoch lehnte ich mich seufzend an die Wand. Schloss die Augen und schluckte hart, während mich die Saat ihrer Worte und meiner eigenen schwarzen Gedanken innerlich verpestete.

Was, wenn wir tatsächlich unsere Beziehung heimlich führen mussten? War ich bereit, diesen Weg zu gehen? Ständig aufzupassen, immer darauf bedacht, nie in der Öffentlichkeit Intimitäten auszutauschen? Immer in Angst zu leben, gesehen zu werden? Und im Falle des Falles, was zu tun? Mich aus seinem Leben verabschieden? Was, wenn wir tatsächlich erwischt werden würden? War ich dann derjenige, der wie zu vor seine Schwester, seine Karriere zerstörte? Sein Leben zerstörte? Nur, weil ich ihn liebte? Mit ihm zusammen sein wollte? Ich lebte schon immer offen. Ich hatte mich noch nie versteckt. Selbst dann nicht, wenn es Probleme machte und das tat es oft und gerne. Aber ich war nicht der Mensch, der sich versteckte. Der sich klein halten ließ von Anderen. Wenn ich glücklich war, dann wollte ich, dass es die ganze Welt erfuhr. Wäre ich bereit, dies für Ian aufzugeben? War er bereit, im Gegenzug für mich Abstriche zu machen?

Ja, sicher, ich wusste, dass ich ihm wichtig war, aber so wichtig, wie seine jetzige Stellung? Wie der Wunsch, endlich Partner zu werden? So versessen wie er Tag und Nacht dafür arbeitete? Sie hatte recht, irgendwann würde es wohl tatsächlich heißen: die Arbeit oder ich? Und ohne je darüber nachgedacht zu haben, fürchtete ich diesen Augenblick bereits jetzt schon. Eigentlich sollte es nie ein entweder, oder geben. Aber das Leben war nun mal kein Märchen und Ian hatte genau das schon einmal erlebt. Hatte schon einmal zurückstecken müssen. Und selbst wenn er tatsächlich gegangen war, bevor er gekündigt wurde. So verstand ich nur zu gut, warum. Wer will schon irgendwo arbeiten, wo man wusste, dass man nicht willkommen war und dann auch noch tagtäglich den schmierigen Kerl zu sehen, der die eigene Schwester geschwängert hatte und sie verleugnete, nein, dann wäre ich wohl auch lieber gegangen.

Erneut seufzte ich schwer, ertrug die Stille vor der Türe nicht mehr und stieß mich von der Wand. Griff nach dem Türgriff und wollte gerade nach draußen treten, als mich Ians Worte zurückhielten.

„Wieso? Hast du Angst, dass ich dann zu wenig Geld verdiene? Für euch? Für meine eh nie existierende Familie?" Statt sie anzuschreien, wie ich vermutet hatte, blieb er völlig ruhig. Also ließ ich vom Griff und lehnte mich erneut an die Wand.

„Nein. Auch wenn es dir wohl schwerfällt, es sich vorzustellen, aber ich möchte tatsächlich, dass du glücklich wirst."
„Wirklich?", schoss er augenblicklich zurück und ich hörte die Wut aus seiner Stimme. Sah ihn wieder vor mir, in unserer ersten gemeinsamen Nacht, als er mir alles erzählt hatte. Hörte wieder die Angst, die Verzweiflung. Wusste von seinem Gefühl, nie genug zu sein. Vielleicht war es an der Zeit, all den Frust einmal herauszulassen.
„Und du weißt, was mich glücklich macht?", setzte er wenig überraschend, dafür aber genauso bitter hinzu.
„Ich dachte, es zu wissen, ja. Aber ich glaube, ich hatte mich getäuscht", sagte seine Mutter ruhig und schien auf seine harte Art gar nicht einzugehen. Möglicherweise gar nicht mal so schlecht, wenn beide explodierten, würden alles nur noch schlimmer zwischen ihnen werden. Auch wenn ich wusste, wie sehr Ian seine Mutter liebte, und wie sehr er sich nach einem guten Verhältnis mit ihr sehnte, so war ich mir doch nicht sicher, ob er noch bereit war, weiterhin über seinen Frust hinwegzusehen. Gerade schien es eher, als müsste endlich einmal alles raus.

„Du hast dich getäuscht?", wiederholte er ihre Worte und klang fassungslos.
„Wieso? Darf ich mich nicht täuschen?", erwiderte sie und ich schloss die Augen. Grade hatte ich mich noch gefreut, dass sie versuchte, vernünftig zu sein, jetzt wusste ich nicht, wenn ich lieber in die richtige Richtung schubsen sollte. Ohne Provokation ging es in dieser Familie wohl nicht. Sie waren tatsächlich Sturköpfe, allesamt. Selbst Ronja mit ihren knapp fünf Jahren eingeschlossen.

„Worin?", überging er ihren Einwand und ich konnte ihn regelrecht vor mir sehen. Wie er die Arme vor der Brust verschränkte und die Augenbrauen zusammenzog, dazu dieser finstere Blick, dass mir kalt und heiß zugleich wurde und meinen Körper mit einer Gänsehaut überzog. Gott, war es erst drei Wochen her, als er mich so angesehen hatte? Draußen vor dem Haus, während er mit Ronja ausdiskutierte, warum sie jetzt nach Hause mussten? Mich keines Wortes würdigend. Irgendwie kam es mir tatsächlich wie vor einer Ewigkeit vor.

„Darin, dass du dir mit einem Mann eine Familie aufbauen könntest. Eine, die dich glücklich macht", seufzte sie zur Abwechslung schwer.
„Du meinst wohl eher, dass du schon immer ein Problem damit hattest, dass ich schwul bin", konterte er und die Wut in seiner Stimme schien immer mehr zuzunehmen.
„Kann sein. Ich weiß es nicht, Ian. Ich hatte lediglich das Szenario vor Augen, dass du es schwer haben würdest, dass du nicht glücklich werden würdest, dass du alleine bleiben würdest. Und ja, irgendwo hatte ich auch gedacht, wäre dein Vater nicht abgehauen, hättest du nicht nur mich und Ella, wäre vielleicht alles anders gekommen."
„Mama, man wird nicht einfach so über Nacht schwul. Ich bin schon so auf die Welt gekommen, und nichts wird je was daran ändern können", schoss er zurück und schnaubte frustriert. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen, nur zu gut konnte ich diesen Frust verstehen. Aber es war wohl dennoch besser, sich nicht in ihren Streit einzumischen. Immerhin waren diese Gespräche schon Jahre überfällig und wer wusste es schon, vielleicht kam am Ende etwas Gutes dabei heraus. Ich hoffte es. Für Ian. Für diese ganze Familie. Sie brauchten sich und waren allesamt nicht bereit einander loszulassen. Außerdem würde das lediglich Ronja zugutekommen, wenn sie nicht mehr zwischen den Stühlen saß und zusehen musste, wie ihre Liebsten sich zerfleischten.

„Ich weiß", erwiderte sie schlicht. „Es tut mir leid. In meiner Fantasie gab es tatsächlich nur Schreckensszenarien. Die Kerle, die du mit nach Hause gebracht hattest, waren eine Katastrophe ..."
„Ja, vielleicht, weil ich lediglich Sex mit ihnen hatte! Für mehr mussten sie nicht herhalten", fiel er ihr ins Wort und ich meinte Zähneknirschen zu hören, aber da es durch die verschlossene Tür eher ein Ding der Unmöglichkeit war, verdrängte ich diesen Gedanken schnell wieder.
„Mag sein. Aber ich kenne sonst niemanden, der schwul ist. Ich hatte nur dich und diese Kerle als Beispiel. Im Gegenzug kenn' ich aber nur zur Genüge Menschen, die etwas dagegen haben. Die Menschen wie dir im Weg stehen."
„Und da dachtest du, du reihst dich dann lieber zu denen eine? Verachtest mich, und missbilligst mein ganzes Leben?!", ließ er sie auch diesmal nicht ausreden. „Meinst du, davon ging es mir besser? Oder hattest du gehofft, dass ich mir dann lieber doch eine Frau suche und mir mein restliches Dasein einrede, mit ihr ein normales Leben zu führen. Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass ich mit einem Mann, mit Colin, ebenso ein ganz normales Leben führen kann? Glücklich werden könnte?"

„Mit irgendeinem Mann, nein ...", gab sie nach einer gefühlten Ewigkeit so leise zu, dass ich es im ersten Moment fast überhört hatte. „Mit Colin schon."

Ganz von selbst hoben sich meine Mundwinkel, und wenn ich auch nie die Sorge hatte, dass Ian mich aufgrund seiner Mutter verstoßen würde, so war es doch viel schöner, dass sie unsere Beziehung und mich zu akzeptieren schien. Wenigstens etwas.

„Womöglich hatte ich es gebraucht, euch zusammen zu sehen. Dich dabei so glücklich, so entschlossen zu erleben. Aber auch, dass seine Familie dich akzeptiert. Dich mag. Sieht, was für ein toller, liebenswerter Mann du bist und eben nicht nur, dass du schwul bist."
„Aber merkst du nicht, dass du diejenige bist, die das so sieht? Dass du in mir nur den Schwulen siehst?", entkam es ihm frustriert und wieder verstand ich ihn nur zu gut. Diesen Gedanken hatte ich auch schon bei ihr gehabt und doch konnte ich ein kleines bisschen nachvollziehen, warum sich seine Mutter diese Sorgen machte.

„Du hast recht", riss sie mich aus meinen Gedanken. „Es tut mir leid", setzte sie wieder einmal hinzu und ich war mir sicher, dass diese Worte nicht bei Ian ankamen. Dafür war die Frustration in ihm, die über all die Jahre gewachsen war, viel zu groß. Vielleicht eines Tages, wenn beide weiter aufeinander zu gingen, dann könnte es besser werden. Wollen schienen es zumindest beide.

„Ich weiß, was für ein toller Junge du bist. Was du für ein toller Mann du geworden bist. Ich seh das wirklich, Ian und ich hab in diesem Punkt nie an dir gezweifelt. Deswegen möchte ich nicht, dass dich irgendjemand verletzt. Ich will dich doch auch nicht verletzten. Wirklich nicht! Es tut mir auch leid, dass ich dich gezwungen habe, Ronja zu nehmen. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich sie selbst bei mir behalten. Ich weiß ja, wie wichtig dir diese Beförderung ist ... Hab gesehen, was es damals mit dir gemacht hatte, diese Chance zu verlieren ..."

„Es spielt keine Rolle, denn ich habe gekündigt ...", sagte er schlicht, diesmal völlig ruhig und gänzlich ohne Wut in der Stimme. Gleichzeitig war ich mir sicher, nicht der Einzige zu sein, dem der Kinnladen herabfiel.

Sweet EasterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt