Die Schule war an diesem Tag lauter als sonst. Überall wurde geredet, gelacht, diskutiert. David saß in der Klasse und hörte nur mit einem Ohr zu. Heute war die große Berufsorientierungsveranstaltung, und alle schienen schon genau zu wissen, was sie nach der Schule machen wollten. Alle – außer ihm.
Die Lehrerin, Frau Wagner, stand vorne an der Tafel und erklärte: „Ihr seid jetzt in einem Alter, in dem ihr euch Gedanken über eure Zukunft machen müsst. Einige von euch haben vielleicht schon eine klare Vorstellung, andere noch nicht – und das ist völlig in Ordnung. Aber heute werden wir darüber sprechen, welche Möglichkeiten es gibt."
David ließ den Blick durch den Raum schweifen. Viele seiner Mitschüler schienen sich wirklich schon sicher zu sein.
„Ich fang ne Ausbildung als Kfz-Mechatroniker an", sagte Leon stolz.
„Ich will ins Gymnasium und dann vielleicht Lehramt studieren", meinte Julia.
„Ich hab ein Praktikum in einer Kita gemacht, vielleicht bleib ich in der Richtung", fügte Sophie hinzu.
David schwieg. Er wusste nicht, was er sagen sollte.
Frau Wagner ging durch die Reihen. „Und du, David? Hast du schon Pläne?"
Er spürte, wie alle ihn ansahen. Sein Herz klopfte. Bevor er antworten konnte, meldete sich jemand anderes zu Wort:
„Der macht doch sicher was mit Kindern, oder?"
David wurde heiß. Woher wussten sie das?
Er wollte etwas sagen, aber in diesem Moment vibrierte sein Handy in der Tasche. Er warf einen kurzen Blick darauf – eine Nachricht von seiner Mutter.
Lisa: Ich hab schon mit Sabine gesprochen. Ich denke, eine Ausbildung in der Kita wäre perfekt für dich. Ich melde dich gleich für ein Beratungsgespräch an.
David spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Sie hatte ihn nicht einmal gefragt.
„Also, David?" Frau Wagner lächelte ihn an.
Er räusperte sich. „Äh... ich weiß es noch nicht genau."
Die Lehrerin nickte verständnisvoll. „Das ist völlig in Ordnung. Manche brauchen länger, um die richtige Entscheidung zu treffen. Wichtig ist, dass du dich informierst. Wir haben heute noch die Berufsberaterin Frau Meier da, die euch helfen kann."
David atmete auf. Zumindest musste er sich jetzt nicht rechtfertigen. Aber er wusste: Seine Mutter hatte die Entscheidung längst für ihn getroffen.
Nach der Schule – Das Gespräch mit Lisa
Als David nach Hause kam, wartete Lisa bereits auf ihn.
„Na, wie war es in der Schule? Habt ihr über Berufe gesprochen?" fragte sie freundlich, aber in ihrer Stimme lag dieser typische Ton, der zeigte, dass sie insgeheim schon alles wusste.
David seufzte und ließ seinen Rucksack auf den Boden fallen. „Ja... aber ich hab noch keine Ahnung, was ich machen will."
Lisa setzte sich mit ihm an den Küchentisch. „Das ist doch gar nicht schlimm, mein Schatz. Ich hab mir schon Gedanken gemacht – und ich finde, eine Ausbildung in der Kita wäre perfekt für dich."
David starrte sie an. „Was?"
„Ja, schau mal", fuhr Lisa fort, während sie ihm ein paar Broschüren hinlegte. „In der Kita lernst du Verantwortung, du hast einen sicheren Arbeitsplatz – und das Beste ist: Ich kann dich unterstützen! Ich arbeite ja dort, also könnte ich dich direkt begleiten. Du wärst nicht allein."
David schluckte. Das war genau das Problem.
„Aber... ich hab noch nicht entschieden, was ich will", sagte er zögerlich.
Lisa strich ihm beruhigend über die Schulter. „Deshalb hab ich ja schon mit Sabine gesprochen. Ich habe dich für ein Beratungsgespräch angemeldet. Dort wird dir alles erklärt."
David fühlte, wie sich sein Brustkorb zusammenzog. Es war also schon beschlossen. Er hatte gar keine Wahl.
„Aber... vielleicht will ich ja was anderes machen", versuchte er es noch einmal.
Lisa lächelte sanft, aber bestimmt. „Das kannst du immer noch. Aber erstmal schauen wir uns das hier an. Ich will nur das Beste für dich."
David biss sich auf die Lippe. Er hatte ja schon einmal ein paar Tage in der Kita verbracht – damals in den Ferien, als Lisa arbeiten musste und ihn einfach mitgenommen hatte. Er erinnerte sich noch genau daran: die kleinen Kinder, die bunten Spielsachen, der strenge Tagesablauf... und natürlich Sabine.
Sabine hatte ihn damals sofort „süß" gefunden – vor allem, weil er in seiner kompletten Matschmontur dort aufgetaucht war. Sie hatte ihn mit einem breiten Lächeln begrüßt: „Na, David, du bist ja perfekt ausgerüstet für jedes Wetter!"
Jetzt sollte er also tatsächlich hier eine Ausbildung machen? Mit Sabine als eine der Kolleginnen?
„Aber Mama... ich war doch schon mal dort. Ich weiß doch, wie es ist", sagte er vorsichtig.
Lisa nickte. „Eben. Dann ist das doch ein Vorteil für dich! Du kennst die Kita, du kennst die Abläufe, du kennst Sabine. Das macht es viel einfacher."
David fühlte sich in die Enge gedrängt. Er wusste, dass Sabine ihn nie wirklich als einen „Erwachsenen" gesehen hatte. Wenn er wirklich in dieser Kita arbeiten würde... würde sie ihn dann überhaupt ernst nehmen? Oder würde sie ihn weiterhin so behandeln wie damals – als Lisas süßen, gut eingepackten Sohn?
Sein Blick fiel auf die Broschüren, die Lisa vor ihm ausgebreitet hatte. Er seufzte leise. Wie sollte er aus dieser Situation nur wieder rauskommen?
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Davids Abenteuerreise
AléatoireDavid kämpft mit dem Wunsch nach Kindheit und Geborgenheit. Als seine Mutter Lisa das Geheimnis entdeckt, steht sie vor der Herausforderung, ihren Sohn zu verstehen und ihn auf seinem Weg zu unterstützen. Ein emotionales Gespräch entfaltet sich, da...
