Ordnung im Chaos

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David war voll in sein PlayStation-Spiel vertieft, als seine Mutter, Lisa, in den Flur ging, um das Chaos zu beseitigen. Der Flur war überladen mit Matschklamotten, Gummistiefeln und Winterjacken, die David in den letzten Wochen ständig mit nach Hause gebracht hatte. Es sah aus wie ein Sammelsurium aus all seinen Outdoorklamotten, und Lisa wusste, dass es Zeit war, etwas Ordnung zu schaffen.

„Das kann so nicht bleiben", murmelte sie, als sie auf die überquellende Garderobe blickte. Sie hatte keine Lust, weiter über das Durcheinander nachzudenken, also beschloss sie, einen klaren Schnitt zu machen. Sie ging in den Keller und durchstöberte die alten Sachen, die sie dort aufbewahrte. In einer Ecke entdeckte sie eine alte, aber noch funktionstüchtige Garderobe, die sie fast vergessen hatte.

„Das könnte passen", dachte sie, als sie das Teil genauer betrachtete. Es war nicht gerade ein Designstück, aber dafür war es praktisch und ideal für den Flur. Sie konnte Davids Sachen ordentlich verstauen, und der Sitzplatz zum Umziehen würde ihm ebenfalls gefallen. Sicher, er würde vielleicht zuerst etwas grummeln, aber letztlich würde er froh sein, dass endlich Ordnung herrschte.

Während David noch in seinem Zimmer spielte, machte sich seine Mutter daran, die Garderobe zusammenzubauen und alles ordentlich zu verstauen. Sie war überrascht, wie viel Platz sie plötzlich hatte, und wie schön der Flur nun aussah. Sie saugte den Staub auf und richtete alles neu ein.


„Okay, was haben wir hier?", murmelte Lisa, als sie die erste Schicht Klamotten durchging. Sie sortierte die Matschlatzhose in Blau, die passende Matschjacke und die Bommelmütze. Dann kam das Halstuch mit den Flammen und das zweite Halstuch mit Dinosauriermotiven.

„Das ist echt viel Zeug", dachte Lisa, als sie weiterging. „Matschklamotten ohne Ende. David wird sie irgendwann nicht mehr miesen wollen – wenn er sich erstmal dran gewöhnt hat."

Sie griff weiter nach der schwarzen Bundregenhose und den schwarzen Gummistiefeln.

„Wenn er sich schon diese Klamotten bestellt hat", dachte Lisa weiter, während sie die Sachen in die Hand nahm, „dann wird er sie auch tragen müssen den sie kosten auch viel Geld."

Dann kamen die Geox-Schuh und die Regenjacke in Blau, die perfekt für den Übergang von Herbst zu Winter war. Davids Wunsch nach modischer Unauffälligkeit war ihr natürlich bewusst – das passte nicht zu den Farben, die in der Schule gefragt waren, aber er trug sie trotzdem, wenn er wusste, dass seine Mutter ihn ansonsten nicht ließ. Die Winterstiefel von LICO Wildlife und die Buddelfäustlinge in Blau, die sie ihm kürzlich gekauft hatte, waren praktisch für den Winter, doch David konnte sich nicht entscheiden, ob er die Dinger wirklich mochte oder nicht. Der innere Konflikt zwischen seiner heimlichen Freude über die Matschklamotten, die er bestellt hatte, und der peinlichen Situation, sie tragen zu müssen, wuchs immer weiter.

David hatte gerade das letzte Level in seinem PlayStation-Spiel abgeschlossen, als seine Mutter ihm ein Glas Apfelsaft und Kekse brachte. „David, du musst doch auch mal was trinken", sagte sie freundlich. Er nahm das Glas, aber in seinem Kopf kreisten schon die Gedanken zu dem bevorstehenden Silvesterbesuch bei der Freundin seiner Mutter. Das war nicht gerade etwas, worauf er sich freute. Aber er hatte keine Wahl, also zuckte er mit den Schultern und widmete sich wieder seinem Spiel.

„Ich kümmere mich jetzt noch ein bisschen um den Flur", rief seine Mutter, als sie wieder hinausging. David hörte sie an den Geräuschen der Staubsauger und Regale schrauben. Er dachte sich nichts dabei, bis er später ins Wohnzimmer kam, um sich umzuziehen.

„David, komm mal bitte kurz runter", rief Lisa aus dem Flur. Etwas widerwillig stand David auf und ging die Treppe hinunter. Als er den Flur betrat, stockte ihm der Atem.

David stand da, starrte auf die Garderobe, die mitten im Flur prangte. Seine Mutter hatte sie stolz in einer Ecke aufgebaut – sie war aus einfachem Holz, keine Dinosaurier oder bunten Figuren, aber dennoch kindlich genug, um ihm ein Gefühl der Unbehaglichkeit zu verschaffen. Es war eine Garderobe, die für ein Kind gemacht war, und genau das war das Problem. David war 17 Jahre alt, kein Kleinkind mehr. Und trotzdem war er in den Augen seiner Mutter immer noch der Junge, der solche Dinge brauchte.

Er schüttelte innerlich den Kopf. Es war wie eine dieser unaufhörlichen, wiederkehrenden Situationen. Immer wieder musste er sich der Kontrolle seiner Mutter beugen, die dachte, es wäre praktisch. Und er? Er dachte nur an den Postboten, der bald vorbeikommen würde, oder einen Nachbarn, der zufällig an der Tür klingeln könnte. Was würden sie denken, wenn sie die neue Garderobe sahen? Was, wenn sie die Matschklamotten darin entdeckten? Oder die Gummistiefel? Wie peinlich.

Doch auch, wenn er sich innerlich weigerte, wusste David, dass es keine Chance gab, etwas dagegen zu sagen. „Schau mal, David", sagte seine Mutter mit einem breiten Lächeln, das die Unsicherheit in ihm nur verstärkte. „Endlich Ordnung für deine Sachen. Keine Matschklamotten mehr, die in der Ecke verstauben. Jetzt kann alles schön aufgehängt werden!"

„Ja, super", murmelte er, mehr zu sich selbst als zu ihr. Doch er wusste, dass das nichts änderte. Sie würde stolz auf ihre Entscheidung sein, und er musste sich fügen. Was anderes blieb ihm nicht übrig. Er hatte in den letzten Jahren gelernt, dass Widerstand nichts brachte. Immer wieder hatte er versucht, sich durchzusetzen – immer wieder war es an den Vorstellungen seiner Mutter gescheitert.

„Ich finde es richtig praktisch", fuhr sie fort. „Sieht doch auch gar nicht kindisch aus, oder? Das ist wirklich eine tolle Lösung für dein Zeug!"

David seufzte innerlich. „Nein, ist es nicht", dachte er. Doch anstatt zu protestieren, nickte er nur und versuchte, seine Gefühle zu verbergen.

„Mensch, das ist wirklich toll", fuhr sie fort, als sie sich über die Ordnung freute, die sie geschaffen hatte. „Und siehst du? Du hast jetzt Platz für all deine Matschklamotten. Kein Chaos mehr im Flur." David wusste, dass er nichts anderes sagen konnte. Was wollte er auch tun? Widerstand war zwecklos. Es war klar, dass sie ihre Entscheidung getroffen hatte, und für seine Mutter war das, was sie tat, immer das Beste für ihn.

Er fühlte sich hilflos und klein. Doch diese Resignation hatte etwas Beruhigendes. Es war eine Art Frieden, den er sich selbst immer wieder erzwang. Wenn er nichts sagte, würde alles weiterlaufen. Kein Streit, keine endlosen Diskussionen. Einfach nichts. Es war nicht die Lösung, die er sich gewünscht hatte, aber es war die einzige, die er kannte.

„Komm, wir machen noch ein bisschen sauber", sagte seine Mutter, als sie sich umdrehte, um die anderen Zimmer zu ordnen. Sie hatte nicht einmal bemerkt, wie unangenehm ihm die Situation war. Sie nahm David die Last von den Schultern, indem sie ihm Dinge abnahm, die er eigentlich selbst erledigen wollte. Sie brachte ihm etwas zu trinken und ein paar Kekse. „Für den Spieler!", sagte sie lachend und setzte sich neben ihn.

David nickte mechanisch und nahm einen Schluck. Was konnte er schon tun? Widerstand hatte er aufgegeben. Stattdessen dachte er an das, was ihm bevorstand:  Silvester, bei der Freundin seiner Mutter. Es war ihm egal. Einfach nur ein weiteres Fest, bei dem er sich aus der Verantwortung stehlen konnte, um zu spielen. Ein bisschen zocken, die PlayStation durchspielen – das war für ihn der einzige Weg, sich in dieser Situation von der Realität abzulenken.

Davids AbenteuerreiseWo Geschichten leben. Entdecke jetzt