Dienstag - Der zweite Tag im Praktikum

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David stand an diesem Morgen wieder ratlos vor seinem Kleiderschrank. Es war absurd, dass ihn diese einfache Entscheidung so lange aufhielt. Zu viele Optionen, zu viel Unsicherheit. Sollte er lieber die bequemere Jogginghose anziehen? Oder doch etwas Erwachseneres? Aber bevor er eine Wahl treffen konnte, hörte er die Stimme seiner Mutter aus dem Bad.

„Na los, David! Hab dir doch alles unten bereitgelegt!"

David spürte, wie sich seine Schultern anspannten. Natürlich hatte sie das. Er seufzte leise und rief zurück: „Okay, Mama. Ich putze mir noch schnell die Zähne."

Er wusste, dass Widerworte nichts brachten. Als er nach unten ging, lagen seine Sachen bereits ordentlich im Flur bereit – schwarze Bundregenhose, Geox-Winterstiefel und seine Regenjacke. Seine „Standardausstattung", wie seine Mutter es nannte. Unauffällig war das nicht gerade. Aber diskutieren? Nein, das würde nur zu einer weiteren Predigt über „praktische Kleidung" führen.

Als er zum Auto ging, stand Lisa bereits wartend an der Fahrertür. „Na komm, David, wir müssen los!"

Ohne ein Wort zu verlieren, stieg er ein.

Im Kindergarten wurde er von Sandra herzlich begrüßt. „Na, das wird heute ein guter Tag, wenn du schon deine Regenhose anhast!" Sie grinste, und David spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg.

Musste sie das so betonen?

Er zwang sich zu einem Lächeln und ging zur Garderobe, um sich umzuziehen. Doch dann merkte er es – seine Jogginghose und sein Pullover lagen nicht in seinem Rucksack. Mist.

Er biss sich auf die Lippe. Was sollte er jetzt machen? Nur in seinen Thermoklamotten herumlaufen?

Sandra bemerkte sein Zögern. „Na, was ist denn?"

David wich ihrem Blick aus. „Ich... hab meinen Pullover und meine Jogginghose vergessen."

Sandra zuckte die Schultern. „Ach, das ist doch kein Problem. Dann bleibst du eben so, ist doch warm genug." Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Wird keiner stören, glaub mir."

David wollte protestieren, aber was hätte es gebracht? Trotzdem fühlte er sich unwohl. Als er seine Mutter sah, die sich gerade mit einer Erzieherin unterhielt, ging er unsicher auf sie zu.

„Mama... ich hab meinen Pullover vergessen."

Lisa sah ihn an, dann nickte sie entschlossen. „Kein Problem, ich bestelle dir direkt was Neues."

Und noch bevor David etwas sagen konnte, hatte sie bereits ihr Handy gezückt und durch Online-Shops gescrollt. Natürlich.

Warum auch warten, wenn sie alles sofort regeln konnte?

David beobachtete sie schweigend, während er die vertraute Mischung aus Erleichterung und Frust spürte. Einerseits war es gut, dass sie sich kümmerte. Andererseits? Es fühlte sich an, als wäre er zu unfähig, seine eigenen Sachen zu organisieren.

Lisa bestellte eine Fleecejacke und eine Softshelljacke sowie eine passende Outdoorhose. Alles dunkelgrau und schwarz, mit reflektierenden Streifen. „Kommt morgen früh an", verkündete sie zufrieden.

David sagte nichts. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte zu diskutieren. Aber irgendwo tief in ihm regte sich der Wunsch, irgendwann mal selbst über seine Sachen zu entscheiden.

Vielleicht irgendwann.

Der Vormittag verlief lebhaft. Während David half, das Essen zu verteilen, bemerkte er einen kleinen Jungen, der ihn neugierig ansah.

Plötzlich rief der Junge: „Baba! Baba!"

David blinzelte verwirrt. Meinte er ihn? Was sollte das bedeuten?

Sandra, die das beobachtet hatte, lächelte. „Er will, dass du ihn an die Hand nimmst. Manche Kinder haben eigene Worte für Dinge, die ihnen wichtig sind."

David zögerte. Die kleine Hand streckte sich ihm entgegen. Unsicher, was er tun sollte, legte er schließlich seine Hand um die kleine warme Faust.

Der Junge lachte zufrieden.

Irgendetwas in Davids Brust lockerte sich. So schlimm war das ja nicht.

„Danke, David", sagte Sandra sanft. „Sie wollen oft Nähe und Sicherheit von dir."

David nickte langsam. Er verstand es immer noch nicht ganz, aber vielleicht musste er das auch gar nicht.

Beim Basteln nach dem Mittagessen beobachtete David, wie die Kinder eifrig mit Scheren und Kleber hantierten. Ein kleines Mädchen kämpfte mit einer Schere und sah ihn schließlich mit großen Augen an.

„Kannst du mir helfen?"

David nahm die Schere vorsichtig und schnitt das Herz für sie aus.

Sie strahlte. „Danke!"

David lächelte leicht. Es tat gut, helfen zu können.

Doch Sandra, die ihn beobachtet hatte, kam auf ihn zu. „Du machst das gut", sagte sie, „aber denk dran – die Kinder sollen auch selbstständig werden. Wenn du ihnen alles abnimmst, verlieren sie den Mut, es selbst zu probieren."

David sah zu dem kleinen Mädchen, das nun fröhlich ein weiteres Herz ausschnitt. „Also lieber nicht sofort helfen?"

Sandra nickte. „Genau. Nur dann, wenn sie wirklich nicht weiterkommen."

David dachte darüber nach. War das nicht genau sein Problem?

Seine Mutter nahm ihm auch alles ab. Vielleicht hatte er deshalb nie gelernt, sich selbst zu entscheiden.

Als der Nachmittag sich dem Ende neigte, half David beim Aufräumen. Doch nicht alle Kinder waren begeistert. Einige saßen weiter auf dem Boden, als hätten sie nicht gehört, dass es Zeit war, aufzuräumen.

David trat zu ihnen. „Könnt ihr bitte anfangen aufzuräumen?"

Keine Reaktion. Ein paar Kinder grinsten sogar.

David spürte, wie Unsicherheit in ihm aufstieg. Was sollte er jetzt tun?

Sandra, die das beobachtet hatte, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Sei ruhig und freundlich. Die Kinder reagieren besser, wenn sie spüren, dass du sie ernst nimmst."

David nickte und versuchte es noch einmal. Diesmal sanfter. „Hey, Freunde, wenn wir schnell aufräumen, bleibt noch ein bisschen Zeit zum Spielen."

Langsam begannen die Kinder, sich zu bewegen.

David atmete auf.

Sandra lächelte stolz. „Siehst du? Manchmal reicht schon ein bisschen Geduld."

David lächelte leicht. Heute hatte er viel gelernt – nicht nur über die Kinder, sondern auch über sich selbst.

Vielleicht war er doch nicht so fehl am Platz hier, wie er dachte.

Davids AbenteuerreiseWo Geschichten leben. Entdecke jetzt