Silvester

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David saß völlig in sein PlayStation-Spiel vertieft, als seine Mutter, Lisa, ins Zimmer kam und ihm mit einem Lächeln verkündete: „David, du weißt, was heute ist, oder? Wir müssen gleich zu Sandra und ihrer Familie. Du musst dich noch umziehen!"

David zuckte zusammen und stöhnte leise. „Muss das wirklich sein?", dachte er, als er den Controller beiseite legte und aufstand. Die Vorstellung, sich wieder in diese Matschklamotten zu zwängen, war das Letzte, woran er gerade denken wollte.

„Natürlich muss das sein", antwortete seine Mutter ruhig. „Es wird dunkel, und es ist kalt draußen. Du musst dich warm anziehen, damit du nicht krank wirst." Sie ging ins Wohnzimmer, wo sie bereits alles ausgebreitet hatte: die gefütterte, blaue Matschlatzhose, die passende Matschjacke, die Bommelmütze, das Halstuch mit den Flammen und die Gummistiefel. Dazu die Buddelfäustlinge, die er kaum noch tragen wollte, und die Thermounterwäsche, die er am liebsten nicht mehr in der Hand gehabt hätte.

David fühlte, wie sein Herz sinkte. Er hatte sich so schön in sein Spiel vertieft, die Welt war in Ordnung, und nun war er wieder gefangen in dieser Kindlichkeit, die ihm so peinlich war. „Warum muss ich immer so angezogen werden?", dachte er frustriert. Aber es war kein Entkommen – seine Mutter bestand darauf.

„Setz dich mal hier hin, David", sagte sie, als sie die Sachen durchging. „Ich hole noch den Kartoffelsalat aus der Küche. Zieh dich an, und dann geht's los."

David wollte eigentlich sofort raus, sich aus den Klamotten schämen und einfach irgendwo in eine Ecke verschwinden. Aber seine Mutter hielt ihn fest: „Stopp, David, greif mal in die oberste Schublade da drüben. Die Thermounterwäsche, die du immer trägst, ist noch da drin."

David starrte auf die Schublade und konnte kaum glauben, dass er sich jetzt auch noch damit abfinden musste. Die Thermounterwäsche – die er so ungern trug – musste jetzt einfach sein. Widerwillig griff er hinein und zog die Unterwäsche an, während er sich in Gedanken fragte, wie peinlich das Ganze wirklich war. Es war doch Silvester!

Er zog alles an – die Thermounterwäsche, die Matschklamotten, die Gummistiefel, und setzte sich dann wie seine Mutter gesagt hatte an die Garderobe. Während er wartete, dass sie den Kartoffelsalat holte, fühlte er sich immer unwohler. Jeder der an der Tür klingeln könnte, würde all diese Sachen sehen. Es war einfach zu viel.

„Da, mein Kleiner, du siehst toll aus!" sagte Lisa mit einem zufriedenen Lächeln, als sie zurückkam und den Karton mit dem Salat in der Hand hatte. David seufzte leise und versuchte, sich ein wenig zu entspannen.

Als er plötzlich die leuchtend orangefarbene Warnweste bemerkte, die ihm seine Großeltern geschenkt hatten. Er hatte sie vollkommen vergessen. 

Er starrte auf das Teil, das ihm noch nie besonders gefallen hatte. „Ach nein, das auch noch", dachte er. „Das ist doch viel zu peinlich." Doch als er die Weste in die Hand nahm, erinnerte er sich an das, was seine Mutter immer wieder sagte: „Wenn du im Dunkeln unterwegs bist, ist es wichtig, gut sichtbar zu sein. Man weiß nie, was passieren kann."

David wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich zu wehren. Es war Silvester und er war nicht in der Stimmung, einen weiteren Streit zu führen. „Na gut", murmelte er und zog die Weste über. Als er sich im Spiegel betrachtete, fühlte er sich noch mehr wie ein Kind. Die vielen Reflektoren und der grelle orangefarbene Stoff machten ihn eher wie ein überdimensioniertes Verkehrszeichen aussehen. „Super", dachte er. „Das sieht wirklich toll aus..." Aber irgendwie, so merkte er, war es auch interessant. Die Weste schützte ihn, machte ihn sichtbar – und im Moment war das wohl alles, was zählte.

Als er fertig war, zog er noch die Mütze und das Halstuch an und ging nach unten. Die Straßen draußen waren ruhig, und zum Glück war noch niemand unterwegs, um ihn zu sehen. Sandra hatte schon die Tür geöffnet, als sie mit seiner Mutter, Lisa, ins Haus trat. David versteckte sich fast hinter ihr, in dem Versuch, nicht gesehen zu werden. Doch es war zu spät.

„Wo hast du den David gelassen?", fragte Sandra, als sie die beiden in den Flur kommen sah. Dann bemerkte sie den riesigen Reflexstreifen, der sich über Davids Brust zog. Ihre Augen weiteten sich, als sie die Warnweste sah, und sie konnte nicht anders, als zu schmunzeln. „Schöne Weste!", sagte sie mit einem Lächeln. „Das nenne ich mal cool und schick!"

David wurde noch roter im Gesicht und wünschte sich, er könnte einfach im Boden versinken. Sandra lachte und schob ihn dann zur Seite. „Komm rein, du kannst dich gleich ausziehen. Es ist ja schließlich Silvester!" Sie öffnete die Tür und winkte David hinein.

David wusste, dass er sich jetzt irgendwie ausziehen musste, aber die Vorstellung, dass er nur noch die Thermounterwäsche darunter hatte, ließ ihn zögern. Was sollte er tun? Wenn er sich jetzt auszog, dann war er nur noch in der dämlichen Unterwäsche – was sollte Sandra davon halten?

Seine Mutter bemerkte die Unsicherheit sofort. Nachdem sie den Kartoffelsalat in die Küche gestellt hatte, kam sie zurück und half ihm, die Matschklamotten abzulegen. „Komm schon, David, das ist nicht so schlimm", sagte sie und zog ihm die Jacke und Hose aus. „Siehst du? Du wirst immer noch ein bisschen die Wärme der Klamotten spüren, auch wenn du sie ablegst."

David seufzte innerlich und fühlte sich wie ein kleines Kind, das es nicht einmal schaffte, sich richtig umzuziehen. Aber was konnte er tun? Wieder einmal hatte er keine Wahl. Seine Mutter kümmerte sich um alles, als ob er noch der Kleine von früher war. Vielleicht war es eben doch nicht so schlimm.

„Na, jetzt bist du wenigstens ein bisschen bequemer", sagte sie schließlich und half ihm, die Jacke abzulegen. „Ich weiß, du hättest lieber in deinem Spiel weitergemacht, aber du wirst sehen, Sandra, ihr Mann und ihre Tochter freuen sich doch  so sehr!"

David nickte nur, immer noch unsicher, ob er überhaupt Lust hatte, jetzt bei Sandra zu sein. Doch er wusste, dass er sich nicht mehr drücken konnte. 


Als sie ins Wohnzimmer gingen, setzte sich David mit seiner Mutter und den anderen an den Tisch. Sandras Tochter und ihr Mann begrüßten sie freundlich, aber David konnte nicht anders, als sich fehl am Platz zu fühlen. Er fühlte sich ein bisschen wie ein Kind in dieser Runde, obwohl er eigentlich schon viel älter war.

Das Raclette, das dann serviert wurde, schmeckte lecker, aber David konnte sich kaum darauf konzentrieren. Die Unterhaltung lief weiter, und während die anderen sich über alles Mögliche unterhielten, fühlte David sich ein bisschen verloren in diesem Gespräch. Sandras Tochter erzählte viel, und David hörte meist nur zu, schüchtern, wie er war. Es war ein komisches Gefühl, so zwischen den Erwachsenen zu sitzen, und dabei doch das Gefühl zu haben, nicht ganz zu passen.

„Du isst wohl gar nichts, David?", fragte Sandra nach einer Weile und legte ihm ein Stück von dem Käse auf den Teller.

„Ähm... doch", antwortete er und versuchte, sich zu fassen. Doch irgendwie hatte er mehr das Gefühl, als würde er die Situation ertragen, statt sie wirklich zu genießen. Es war eine Mischung aus innerer Resignation und dem Wissen, dass er sich weiterhin den Erwartungen seiner Mutter beugte – und dass er das Gefühl hatte, in dieser Runde eher wie ein Kind behandelt zu werden, als wie der Teenager, der er eigentlich war.

Davids AbenteuerreiseWo Geschichten leben. Entdecke jetzt