David wachte an diesem Donnerstagmorgen plötzlich auf, als der Wecker klingelte. Er hatte die Nacht über fast ungeduldig gewartet, dass der Tag endlich da war. Es war der vorletzte Tag im Praktikum, und irgendwie fühlte sich das gut an. Der Gedanke, dass der morgige Freitag der letzte Tag sein würde, brachte ihm ein kleines Stück Freiheit zurück. Heute war er nicht müde, auch wenn er die ganze Woche über früh aufgestanden war. Er hatte sich fest vorgenommen, den Tag selbst in die Hand zu nehmen.
Er blickte zur Uhr – noch genug Zeit, bevor seine Mutter ihn wecken würde. Doch er hatte keine Lust auf die übliche Mutter-Taktik, also schlich er sich aus dem Bett und ging ins Badezimmer. Seine Bewegungen waren leise, fast wie ein kleines Abenteuer. Als er sich fertig gemacht hatte, ging er zurück ins Zimmer und zog sich die Sachen an, die seine Mutter ihm rausgelegt hatte. Das T-Shirt fühlte sich angenehm an, und die Softshelljacke schien eine gute Wahl zu sein, auch wenn er wusste, dass er sie wahrscheinlich später in der Kita ausziehen musste. Sie hatte ihn für den Tag auch die Softshellhose rausgelegt, zusammen mit der Regenjacke, falls es wieder regnen sollte.
David seufzte, als er seine Winterstiefel anzog und sich das Halstuch um den Hals wickelte. Heute wollte er es anders machen. „Mama, wir müssen los!", rief er, als er die Treppe hinunterging. Vielleicht konnte er heute wirklich einmal beweisen, dass er es alleine schaffte.
Seine Mutter kam eine Minute später die Treppe hinunter und blieb stehen, als sie David sah. „Oh, du bist ja schon fertig!", sagte sie überrascht. „Ich wusste doch, dass du es irgendwann mal ganz alleine schaffst!" Sie lächelte stolz, als sie ihm durch die Haare strich. David spürte, wie er innerlich zusammenzuckte, als ihre Hand auf seinem Kopf lag, aber er versuchte, das zu ignorieren.
„Ja, ich kann das schon", sagte er mit einem gequälten Lächeln. „Ich wollte dir heute mal zeigen, dass ich nicht mehr immer auf dich angewiesen bin."
„Ich weiß, mein Großer", sagte seine Mutter und nickte zufrieden. „Die Hose, die du heute trägst, ist echt super. Du kannst die ruhig auch den ganzen Tag anlassen, dann musst du dich nicht ständig umziehen."
David nickte nur, aber innerlich fand er die Idee nicht besonders toll. Die Softshellhose war nicht ganz so unbequem wie die Matschklamotten, aber irgendwie fühlte es sich trotzdem komisch an, in so einem Outfit den ganzen Tag zu verbringen. Aber was sollte er tun? Wenn sie meinte, es sei okay, dann würde er es akzeptieren. Er war schließlich schon groß, oder?
Im Auto war die Stimmung ruhig, aber als sie in der Kita ankamen, fühlte er sich plötzlich wieder unwohl. Die Kinder, die vor der Tür standen, um auf die Erzieher zu warten, starrten ihn an, als er mit seiner Mutter zusammen den Schlüssel drehte. Es war wie immer, aber heute kam es ihm besonders unangenehm vor, in seiner speziellen Kleidung dazustehen. Er wollte sich einfach unsichtbar machen, aber das funktionierte natürlich nicht.
Als er den Raum betrat, wurde er freundlich begrüßt. „David, du bist ja schon da!", sagte Sandra, und Mona nickte ihm zu. „Na, wie geht's heute?"
David nickte, versuchte zu lächeln, aber es kam nur ein schwaches Lächeln zustande. „Gut", murmelte er. „Ich hoffe, es wird ein schneller Tag."
Seine Mutter gab ihm einen Kuss auf die Stirn. „Mach es gut, mein Großer. Ich bin stolz auf dich."
Wieder zuckte er zusammen, doch dieses Mal versuchte er, die Ablenkung nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen. Sie ging, und David begab sich zu den anderen Erziehern. Der Tag nahm seinen gewohnten Gang, als die Kinder nach und nach ins Zimmer kamen. David half dabei, das Frühstück vorzubereiten und an den Tischen zu verteilen, und obwohl es nicht immer einfach war, fühlte er sich hier mehr und mehr zu Hause. Es war trotzdem nicht das Gleiche wie zu Hause bei seiner Mutter, aber wenigstens war er jetzt nicht mehr das absolute „Kleinste" in der Gruppe.
Dann kam die Gelegenheit, nach draußen zu gehen. Einige der Kinder wollten Fußball spielen, was David innerlich ein wenig freute – aber er wusste auch, dass er selbst nicht der Beste darin war. Mona fragte ihn, ob er mitspielen wollte. „David, du kannst ruhig mitspielen, wenn du magst", sagte sie freundlich.
David zögerte. „Ich... ähm, ich glaube nicht, dass ich so gut im Fußball bin", antwortete er unsicher. „Ich lasse euch mal spielen."
„Kein Problem", sagte Mona und gab ihm ein Lächeln. „Dann hilf doch bitte den anderen beim Umziehen."
David nickte und begann, den anderen Kindern ihre Matschklamotten anzuziehen, damit sie im Sandkasten spielen oder auf der Rutsche rutschen konnten. Es fühlte sich irgendwie an, als wäre das die Aufgabe, die er am besten konnte – das Umziehen der Kinder, das Aufpassen, dass niemand hinfiel. Als er die Kinder beim Spielen beobachtete, dachte er sich, dass das alles gar nicht so schlecht war.
Die Fußballer, die immer wieder über den Platz rannten und versuchten, Tore zu schießen, hatten eine Menge Spaß. David spürte, wie er unaufhörlich auf den Ball starrte. Es war merkwürdig – er wollte mitspielen, aber gleichzeitig hatte er Angst, dass er dabei zu schlecht wäre. Die Kinder lachten und riefen sich Anweisungen zu, und David versuchte einfach, sich nicht so auffällig zu machen.
Als der Tag sich dem Ende zuneigte, wurden die Kinder langsam abgeholt. Die Gruppe wurde immer kleiner, und David spürte eine Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung. Endlich war der Tag vorbei. „Jetzt muss aber wirklich jeder rein", sagte Sandra, als die letzten Eltern an der Tür standen. „Die anderen warten schon."
David fühlte sich, als ob er den letzten, langen Schritt geschafft hatte. Der Donnerstag war vorbei, und morgen würde der letzte Praktikumstag sein. Er räumte noch schnell auf und folgte seiner Mutter nach Hause.
Zu Hause angekommen, setzte sich Lisa zum Abendessen zu ihm. „David, Mona hat schon gefragt, ob du dir vorstellen könntest, bei uns deine Ausbildung zu machen", sagte sie ruhig.
David legte den Löffel ab und blickte nachdenklich auf seinen Teller. „Ich weiß nicht, Mama", antwortete er schließlich, „ich habe nie wirklich darüber nachgedacht. Aber irgendwie hat es mir heute Spaß gemacht."
Lisa nickte zufrieden. „Ich freue mich, dass du dir das vorstellen kannst. Es wäre vielleicht wirklich eine gute Idee, wenn du das machst."
David nickte und stand dann auf, um sich in sein Zimmer zurückzuziehen. Es war der letzte Abend vor dem letzten Praktikumstag, und er wusste nicht, wie er sich fühlen sollte. Er wollte einfach nur entspannen, ein bisschen spielen und nachdenken – aber er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sich alles, was er kannte, langsam veränderte.
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Davids Abenteuerreise
AcakDavid kämpft mit dem Wunsch nach Kindheit und Geborgenheit. Als seine Mutter Lisa das Geheimnis entdeckt, steht sie vor der Herausforderung, ihren Sohn zu verstehen und ihn auf seinem Weg zu unterstützen. Ein emotionales Gespräch entfaltet sich, da...
