Kapitel 20 -Pias Erinnerungen

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Nayla war es gewesen. Sie hatte mich zurück zur Hütte gebracht, nachdem... nachdem er sich verwandelt hatte. Ich erinnere mich kaum an den Weg, nur an ihre knappe Stimme. „Bleib hier. Warte." Mehr hatte sie nicht gesagt. Und dann war ich allein gewesen.

Ich hatte gewartet. Minuten. Stunden? Ich weiß es nicht. Mein Herz schlug schneller, je länger die Stille anhielt. Und dann – hörte ich Schritte.

Langsam, kontrolliert. Keine bedrohliche Eile, kein Zögern. Ich saß auf dem alten Holzhocker in der Ecke, als die Tür sich öffnete.

Er kam herein. Nicht als Wolf. Nicht als das schwarze Ungeheuer, das mich einst fast getötet hätte. Nein – als Mensch.

Er trug eine einfache, grob gewebte Stoffhose, das Leinenhemd darüber war alt, aber sauber. Es spannte leicht über seiner Brust. Im flackernden Licht der Öllampe sah ich ihn jetzt zum ersten Mal wirklich – seine Gestalt, sein Gesicht.

Er war groß. Breit gebaut. Seine Schultern wirkten, als könnten sie eine ganze Welt tragen. Schwarzes Haar, etwas länger, fiel ihm ungebändigt ins Gesicht. Markante Wangenknochen, ein starker Kiefer, und dann – seine Augen. Schwarz. Tiefer als die Nacht draußen. Und doch war da... etwas. Etwas, das mich innehalten ließ.

Er sagte nichts. Ich auch nicht.

Er steht da. Noch immer wortlos. Seine Schultern wirken breiter in diesem Licht, der Schatten der alten Öllampe flackert über sein Gesicht. Die grobe Stoffhose und das Leinenhemd lassen ihn fast... normal wirken. Irgendwie fehl am Platz in dieser Hütte. Und gleichzeitig wirkt es, als würde genau hierhin gehören.

Ich zwinge mich, aufzustehen. Nicht nur aus Respekt – eher, weil ich diesen Moment nicht im Sitzen ertragen kann.

„Ich weiß, ich habe hier eigentlich nichts verloren", beginne ich, ohne ihn anzusehen. „Ich bin nur geduldet. Das ist mir klar."

Meine Stimme klingt ruhiger, als ich mich fühle. Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen, suche nach etwas, das ich sagen kann, das nicht falsch klingt. Aber es gibt keinen einfachen Einstieg.

„Danke." Ich hebe kurz den Blick, treffe seine Augen nur für einen Moment. „Für vorhin. Fürs Eingreifen."

Er reagiert nicht. Kein Nicken, kein Geräusch, nur dieser starre, durchdringende Blick. Ich rede trotzdem weiter. Nicht, um eine Unterhaltung zu führen – sondern weil ich es aussprechen muss.

„Ich versuch's nur zu verstehen", murmele ich. „Du bist der gleiche, der mich angegriffen hat. Der gleiche, wegen dem ich wochenlang nicht schlafen konnte. Und jetzt... stehst du hier."

Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Du hast mich beschützt. Nicht zum ersten Mal. Und ich versteh nicht, warum."

Seine Augen verengen sich leicht. Es ist kein Zorn darin. Nur etwas, das ich nicht deuten kann. Etwas Altes. Verletztes.

Ich atme flach ein. „Ich kann das nicht zusammenfügen. Den Wolf, der in meinen Albträumen war... und den Mann, der vor mir steht. Aber ich hab gesehen, was du getan hast. Vor ein paar Stunden. Du hättest ihn leben lassen."

Er sieht mich jetzt an. Sein Blick ist scharf wie eine Klinge, sein Ausdruck undurchdringlich – aber nicht leer. Dann spricht er, leise, fast rau:

„Ich bin ein Monster. Egal in welcher Gestalt ich erscheine."

Ich bin ein Monster.

Seine Worte treffen mich härter als erwartet. Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. Es ist nicht Mitleid, was ich fühle. Es ist... etwas Tieferes. Etwas, das ich nicht benennen kann. Ich habe den Drang, ihm zu widersprechen – zu sagen, dass das nicht wahr ist. Dass ich gesehen habe, wie er mich gerettet hat. Dass ein Monster keine Wahl trifft, jemanden zu verschonen.

The AlphaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt