Kapitel 11- Der letzte Herzschlag

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Ich renne. Nicht, weil ich glaube, ihm entkommen zu können – sondern weil ich es muss.

Weil alles in mir schreit: Lauf.

Die Äste reißen an mir, zerkratzen meine Arme. Mein Atem brennt, jeder Schritt ist schwerer als der vorherige – und doch zwinge ich mich weiter.

Hinter mir bleibt es still.
Kein Knurren. Kein hastiges Traben.

Er jagt mich nicht. Noch nicht.

Er weiß, dass ich ihm nie entkommen kann. Ich bin kein Gegner. Kein Risiko.
Nur ein Spiel. Und er entscheidet, wann es endet.

Und dann geschieht es.

Ein Ruck an meinem Bein – plötzlich, hart.
Ich schreie auf. „Ah!"
Meine Stimme hallt zwischen den Bäumen wider.
Ich stürze, lande schwer auf Händen und Knien.

Mein rechter Fuß – eingeklemmt zwischen zwei dicken, verschlungenen Wurzeln.
Ich reiße daran, versuche mich zu befreien, aber sie umklammern mich wie eiserne Fesseln.

Verzweiflung steigt in mir auf. Ich ducke mich, taste hektisch nach dem Stoff meines Schuhs, versuche, ihn abzustreifen. Nichts rührt sich.

Die Welt um mich herum wird stiller. Dicht.
Als hätte sich etwas Unsichtbares über den Wald gelegt.

Ich richte mich langsam auf. Und spüre es.

Nicht Schritte. Nicht ein Geräusch.
Nur eine Veränderung in der Luft.
Ein unsichtbares Gewicht.

Dann sehe ich ihn wieder.

Lauernd, forschend.
Als würde er überlegen, wie viel Spiel er sich noch gönnt, bevor er zuschlägt.

Ich will sprechen. Ihm sagen, dass ich  gekommen bin, um ihn um Hilfe zu bitten. Ihn zu warnen.
Aber meine Stimme bleibt weiterhin gefangen.
Meine Kehle wie zugeschnürt.

Er kommt näher.
Nicht hastig. Nicht wild.
Sondern ruhig.
Als gehöre ihm der Wald.
Als gehöre ich ihm längst auch.

Ich taste hektisch nach meinem Bein, zerr an den Wurzeln, stoße mit dem Ellenbogen gegen das Moos, gegen den Boden, gegen alles.
Nichts hilft. Ich komme nicht frei.

Der Wolf tritt aus dem Schatten. Jetzt sehe ich ihn ganz.
Er ist größer, als ich ihn in Erinnerung hatte.
Mächtiger. Wilder.
Nicht wie ein Tier.
Wie eine Naturgewalt.

Ich krame panisch nach etwas – irgendetwas. Meine Hände streifen über das Laub, über meine Jacke. Keine Waffe. Kein Ausweg.

„Bitte..." presse ich endlich hervor. „Ich will nicht..."
Der Rest bleibt mir im Hals stecken.

Ein tiefes Knurren durchbricht die Stille.
Dann springt er.

Sein Gewicht trifft mich mit voller Wucht. Ich kippe nach hinten, reiße die Arme hoch – zu langsam.

Krallen schneiden durch Stoff, reißen mir den Atem aus der Brust.
Ein Schmerz brennt sich durch meine Seite. Warm. Nass.
Ich schreie. Nicht laut – eher gepresst, heiser.

Ich schlage mit bloßen Händen nach ihm, treffe Fell, Haut, nichts.
Er hebt die Lefzen. Zähne, wie Dolche.
Ich sehe ihn. Ganz nah.
Und ich weiß – das hier war's.

Dann:

„Bitte nicht!"

Die Stimme ist so plötzlich da, dass selbst der Wolf innehält.
Er erstarrt, noch über mir, seine Krallen noch in meiner Jacke.
Sein Blick zuckt zur Seite.

Langsam dreht er den Kopf.
Eine Gestalt tritt aus dem Nebel zwischen den Bäumen – ruhig, mit entschlossener Haltung. Eine Frau.

Die gleiche Frau.
Die, der ich schon einmal begegnet bin.

The AlphaWo Geschichten leben. Entdecke jetzt