Die Nacht hatte sich vollends über die Landschaft gelegt. Kein Laut war zu hören außer dem leisen Zirpen der Grillen und dem gelegentlichen Rascheln der Blätter im Wind. Der Himmel war schwarz, tief und endlos, durchzogen von silbernen Sternen, die über uns wachten wie stumme Zeugen eines alten Schmerzes.
Keal hatte gesprochen. Worte, die sich in mein Herz gebrannt hatten, schwer und schneidend. Ich saß noch immer neben ihm auf der Stufe, unsere Schultern berührten sich kaum – und doch spürte ich ihn, jede Anspannung, jeden Atemzug, jedes unsichtbare Gewicht, das auf ihm lastete.
Er war still geworden. Die Geschichte lag zwischen uns wie etwas Heiliges, das man nicht mit belanglosem Trost berühren durfte. Und so saßen wir da, wortlos, in dieser Stille, die mehr sagte als jedes Gespräch.
Ich wollte ihn nicht drängen. Nicht mit weiteren Fragen, nicht mit meiner eigenen Unsicherheit. Ich wollte ihm einfach zeigen, dass er nicht allein war. Dass ich ihn gesehen hatte. Gehört. Und nicht weggelaufen war.
Ein Windstoß fuhr durch die Bäume. Ich fröstelte, zog meine Knie an die Brust und legte die Arme darum. Keal reagierte nicht, aber aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich sein Blick zu mir senkte – kurz, prüfend. Dann stand er langsam auf.
„Komm rein", sagte er leise. Es war keine Aufforderung, kein Befehl – nur ein leiser Ton in der Dunkelheit. Ich nickte stumm, erhob mich und folgte ihm zurück ins Haus.
Drinnen roch es noch immer nach Staub und altem Holz, aber die Stille war wärmer geworden. Keal ging hinüber zum Bett, doch als er es berührte, knarrte das Holz gefährlich, und die Matratze war an einer Seite eingesunken. Ohne ein Wort zog er die Decke ab, nahm eines der Leinentücher und breitete es sorgfältig über das alte Sofa. Für mich. Weil das Bett kaputt war. Und weil er wusste, dass ich Ruhe brauchte.
Ich beobachtete ihn dabei, das leichte Zittern in seinen Händen, die Spannung in seinen Schultern. Als er fertig war, trat er zur Seite und sah mich an.
„Du kannst hier schlafen. Ich bleib in der Nähe."
Ich wollte widersprechen, sagen, dass wir das Sofa teilen könnten, dass es nicht nötig war, aber sein Blick ließ keinen Raum dafür. Nicht aus Kälte. Sondern aus Rücksicht.
„Danke", flüsterte ich, und meine Stimme war weich, zerbrechlich.
Er nickte, drehte sich um und ließ sich auf den Boden an der Wand sinken, nur ein paar Schritte von mir entfernt. Dann schloss er die Augen – nicht um zu schlafen, sondern um zu atmen. Zu überleben.
Ich legte mich auf das Sofa, zog die Decke bis zum Kinn und starrte in die Dunkelheit. Der Raum war still. Und doch war da etwas zwischen uns – etwas Zerbrechliches, Unausgesprochenes, das vielleicht endlich anfangen konnte zu heilen.
„Gute Nacht, Keal", flüsterte ich leise.
Ein kaum hörbares „Mhm" kam zurück, mehr ein Hauch als ein Wort. Doch es reichte mir. Es bedeutete, dass er mich hörte. Dass er noch da war.
Ich schloss die Augen. Und obwohl mein Herz noch schwer war, war da auch ein seltsamer Friede. Die Erschöpfung überrollte mich wie eine Welle, und ich glitt lautlos in den Schlaf – mitten in die Dunkelheit, die sich plötzlich nicht mehr ganz so einsam anfühlte.
......
Ich wachte mitten in der Nacht auf. Es dauerte einen Moment, bis mein Verstand begriff, wo ich war – und mit wem. Die Schatten des Raumes wirkten fremd, und doch war alles still.
Meine Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit. Keal lag auf dem Boden, noch immer in Menschengestalt. Doch etwas stimmte nicht. Sein Körper zuckte leicht. Er murmelte etwas Unverständliches. Er hatte einen Albtraum.
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The Alpha
WerewolfBösewichte werden nicht geboren. Sie werden erschaffen. Er war ein Junge, bevor er zum Monster wurde - geformt aus Schmerz, Verrat und Blut. Pia wollte nur ihre Schwester retten. Doch nun steht sie allein zwischen Wahrheit und Wahnsinn. Ein Rudel ze...
